06. Juli 2012, 10:43 Uhr

»Es war wie im Kasperletheater«

Rosbach v. d. H. (sky). Wie viel Anderssein muss eine Gesellschaft verkraften können? Mit dieser Frage beschäftigt man sich in Rosbach seit vergangenem Freitag, als in der Kapersburgschule die Schulabschlussfeier der Viertklässler durch das Auftreten eines stadtbekannten jungen Außenseiters derart gestört wurde, dass die Schulleiterin die Polizei rufen musste.
06. Juli 2012, 10:43 Uhr
Die Abschlussfeier auf dem Hof der Kapersburgschule wird den Kindern gut in Erinnerung bleiben – jedoch eher wegen des Polizeieinsatzes als wegen der Zeugnisausgabe. (Foto: sky)

Während einige den Störenfried für einen »harmlosen Spinner« halten, fühlen andere sich durch sein wachsendes Bedürfnis, mit allen Mitteln öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen, bedroht. Für Edmund Lutz aus Wöllstadt, dessen Enkeltochter an der Feier teilgenommen hatte, war nicht allein das verpatzte Fest ein Grund, Zornesröte im Gesicht aufkommen zu lassen, sondern auch die »Unfähigkeit der herbeigerufenen Polizisten«, den Störenfried einzufangen und dessen Tun ein Ende zu bereiten. »Man hatte fast den Eindruck, dass sie es gar nicht wollten«, empört er sich.

»Es war wie im Kasperletheater«, sagt auch Schulleiterin Beate Schumacher, die die Hilfe der Staatsdiener angefordert hatte. Zuvor hatte sie vergeblich versucht, den jungen Mann mit guten Worten zum Verlassen des Schulgeländes zu bewegen. »Er stand wie ein Gespenst auf dem Wall und hat geschrien wie ein Tier«, schildert sie die Situation. Dann sei er zum Trampolin gegangen und habe ein Holzrohr aus der Tasche gezogen, um daraus »irgendetwas zu rauchen«.

Die Situation sei eskaliert, als der junge Mann die Schulleiterin mit den Worten attackiert habe: »Kleine, ich schlag dir gleich in die Fresse.« Bei so viel Aggressivität sei unmittelbarer Handlungsbedarf angesagt gewesen, berichtet Schumacher. »Um mich herum standen 300 kreischende oder weinende Kinder, die ich erst einmal ins schützende Schulhaus geschickt habe.«

Inzwischen war eine Polizeistreife samt Hund eingetroffen, doch statt den Unruhestifter dingfest zu machen, hätten sich die beiden Ordnungshüter nach Schilderung vieler Eltern der Lächerlichkeit preisgegeben. »Er hatte sich inzwischen sein Fahrrad geschnappt, radelte auf dem Platz vor dem Schulgelände herum und hielt die Beamten zum Narren«, schildert auch Edmund Lutz die Situation.

Polizeipressesprecher Erich Müller kommentiert den Vorfall so: »Es ist die Aufgabe der Polizei, deeskalierend zu handeln. Auch wenn es uns nicht gefällt, so gibt es doch immer wieder Situationen, wo uns die Hände gebunden sind. « Schließlich müssten die Grundrechte eines jeden Bürgers geachtet werden – auch dann, wenn der Betroffene »bis hart an die Grenze geht«.

Susanne van Overbeke, die Schutzfrau vor Ort in Rosbach, kennt den jungen Mann, um den es bei diesem Zwischenfall ging, schon aus jener Zeit, als sie noch nicht in Rosbach tätig war. »Es gibt einige Schulen im Umkreis, die ein schriftliches Hausverbot gegen ihn ausgesprochen haben.«

Gleiches erwägt nun auch die Leiterin der Kapersburgschule und hat dabei volle Unterstützung vom Schulträger. »Frau Schumacher hat sehr umsichtig reagiert und die richtige Entscheidung zum Schutz der Kinder getroffen«, sagt Ingrid Wiemann vom Staatlichen Schulamt in Friedberg. Nun wolle man ihr den Rücken stärken, um einen Wiederholungsfall zu vermeiden.

Van Overbeke und Frauke Stock (Ordnungsamt Rosbach) wissen, dass sie es hier mit einem Menschen zu tun haben, zu dem es inzwischen ganze Aktenberge gibt. »Immer wieder kommen Leute zu mir und beklagen sich«, sagt van Overbeke. »Wenn Menschen aber eine problematische Situation mit ihm auszuhalten haben, dann müssen sie das nicht nur unverbindlich äußern, sondern auch eine klare Aussage dazu machen, die juristisch verwertbar ist.«

Für Bürgermeister Detlef Brechtel stellt das aktuelle Stadtgespräch (das nicht erst seit einem ähnlichen Eklat auf dem Nieder-Rosbacher Burgfest seinen Lauf nimmt) eine knifflige Situation dar. »Natürlich steht der Schutz aller Bürger außer Zweifel, aber es muss vermieden werden, dass solche Leute, die für ihre spektakulären Auftritte ein öffentliches Forum suchen, dieses auch bekommen«, mahnt er. Ähnlich sieht es Erich Müller: »Je flacher der Ball bleibt, um so dienlicher ist es für die Sache.« Was keinesfalls heißen solle, dass man untätig sei. »Um aber tätig werden zu können, brauchen wir Zeugen, die uns weiterhelfen, ohne dass gleich alles an die große Glocke gehängt wird.«

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