27. Mai 2016, 20:13 Uhr

Lebensretterin und Blutsschwester

Rosbach (lk). Stefanie Röder erhielt im September 2011 die Diagnose Leukämie. Die Rodheimerin überlebte – auch, weil sie eine Stammzellenspende erhielt. Zum heutigen Tag der Lebensspende erzählt die 38-Jährige vom ersten Treffen mit ihrer »Blutsschwester« und dem Kampf gegen den Krebs.
27. Mai 2016, 20:13 Uhr
Melanie Schaa (l.) und Stefanie Röder sind »Blutsschwestern«. (pv) (Foto: pv)

Stefanie Röder ist Melanie Schaa »unendlich dankbar«. Schaa ist ihre Lebensretterin. »Wir haben eine besondere Verbundenheit, ich habe jetzt sogar ihre Blutgruppe, bin ihr genetischer Zwilling«, sagt Röder. Zudem sind die Frauen eng befreundet.

Stefanie Röder bekam im September 2011 die Diagnose Leukämie. Die sportliche Physiotherapeutin aus Rodheim war zum Arzt gegangen, weil immer wieder große blaue Flecken auf ihren Beinen auftauchten. Es folgte ein Martyrium. Nach der Chemotherapie an der Frankfurter Uni-Klinik rieten die Ärzte zur Stammzellentransplantation. Röders Familie und Freunde riefen zu einer Typisierungsaktion auf, 800 Menschen machten mit. Während einer zweiten Chemotherapie erfuhr Stefanie Röder, dass über die Internationale Datenbank eine Stammzellenspenderin für sie gefunden wurde. Die Gewebemerkmale zwischen der Frau und Röder: nahezu identisch. Die Chancen auf Heilung: gut. Dass es sich bei der Spenderin um die fünf Jahre jüngere Melanie Schaa aus dem Emsland handelt, erfuhr die Rodheimerin damals nicht. »In Deutschland ist geregelt, dass man erst zwei Jahre nach der Spende Daten austauschen darf, und zwar nur dann, wenn beide einverstanden sind.«

Im Dezember 2011 wurde Röder bestrahlt, bekam ein Kaninchenserum gespritzt, ein Medikament, das die Funktion ihres Immunsystems verhinderte. Röders Zellproduktion wurde gestoppt, ihr Körper heruntergefahren, damit er keine Abwehrzellen bildet, die das Spendertransplantat angreifen könnten. Die fremden Stammzellen gelangten über einen Katheter in ihren Körper, fanden den Weg ins Knochenmark, dockten an.

Röder erinnert sich: Der Kampf gegen den Krebs war trotz der Spende hart. Die fremden Zellen des Spendertransplantats griffen einige ihrer Organe an. Die Rodheimerin verbrachte Wochen im Krankenhaus. Auch nach ihrer Entlassung gab es Rückschläge: Lange war ihr Immunsystem lahmgelegt, durfte sie anderen Menschen nicht einmal die Hand geben. Wegen einer Gürtelrose landete sie im Januar 2014 erneut im Krankenhaus. Dort erfuhr sie den Namen ihrer Stammzellenspenderin. »Ich habe mir sofort etwas zum Schreiben organisiert, hatte nur ihre Adresse.« Röder schrieb darauf los. »Es war ein langer Brief. Ich habe mich natürlich bedankt und geschrieben, dass es schön wäre, wenn man es vielleicht mal schafft, sich zu treffen. « Melanie Schaa habe direkt geantwortet. Nach »einem gegenseitigen vorsichtigen Abtasten« wurde ein Treffen vereinbart.

Im Sommer 2014 setzten sich Röder und ihr Mann Boris ins Auto, fuhren ins Emsland. Als die Rodheimerin vor der Tür ihrer Lebensretterin stand, hatte sie weiche Knie. Sie klingelte, Schaa öffnete. »Wir sind uns in die Arme gefallen und haben geweint.« Die Frauen verbrachten das Wochenende miteinander, tauschten sich aus. Röder erzählte von ihrer Erkrankung, zeigte Fotos von sich ohne Haare. Sie erfuhr, wie die Zeit der Stammzellenspende für Schaa war. Die damals frisch gebackene Mutter hatte schnell abstillen müssen, berichtet Röder. Der Grund: Dem Spender wird über Tage hinweg ein Wachstumsmedikament verabreicht, das die Anzahl der Stammzellen steigert. »Während der Gabe des Medikaments können grippeähnliche Symptome auftreten«, heißt es auf der Homepage der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS). Für Säuglinge ist das Medikament ungeeignet. Einige Tage später wurde Schaa über Stunden hinweg Blut abgenommen, die Stammzellen herausgefiltert, das Blut wieder in den Körper der jungen Frau zurück gepumpt.

Die Spende hat Stefanie Röder das Weiterleben ermöglicht. Inzwischen darf sie wieder unter Menschen, kann aber noch nicht arbeiten. Es fehlt an Energie. Röder wünscht sie sich zurück, denn auch Jahre nach der Diagnose hat sie nicht vergessen, wie sich das Leben vor der Krankheit angefühlt hat. »Ich war so stark, so sportlich, ich vermisse das.« Dennoch ist Röder dankbar. Drei der Leukämie-Patienten, die sie kennengelernt habe, seien gestorben.

Umso wichtiger ist es, sich bei der DKMS typisieren zu lassen. Röder berichtet, Schaa habe ihr erzählt, sie sei vor Jahren zur Blutspende gegangen, sei dort gefragt worden, ob sie sich auch typisieren lassen wolle. Röder weiß heute: Bei der von ihren Freunden und Angehörigen organisierten Typisierungsaktion haben mindestens vier Menschen teilgenommen, die inzwischen ebenfalls Spender geworden sind.

»Für mich ist heute vieles wertvoller als früher. Vogelgezwitscher zum Beispiel«, sagt Röder, die nach der Stammzellenbehandlung wochenlang in einem klimatisierten Klinik-Zimmer lag, ohne das Fenster aufmachen zu dürfen. Viele Freundschaften seien intensiver geworden, sie habe Neues für sich entdeckt, etwa das Singen.

Melanie Schaa habe ihr einst geschrieben: »Dass du lebst und es dir gut geht, ist das schönste Geschenk, das du mir machen konntest.« Röder ist der festen Überzeugung: »Es gibt den Spendern viel zurück, helfen zu können. Und man selbst ist unendlich dankbar, einen Lebensretter zu haben.«

Tag der Lebensspende

Heute ist der Tag der Lebensspende. Er wird jährlich am 28. Mai begangen, ist allen gewidmet, die den Kampf gegen Leukämie aktiv unterstützen. Initiiert wurde er von der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS). Laut Homepage der gemeinnützigen Gesellschaft erhält in Deutschland alle 15 Minuten ein Mensch die Diagnose Blutkrebs. Oft ist die einzige Chance auf Heilung eine Stammzellenspende. Sechs Millionen Stammzellenspender sind bereits in der Datei registriert. Doch noch immer findet jeder siebte Blutkrebspatient in Deutschland keinen passenden Spender. Die Typisierung ist einfach, kann zu Hause gemacht werden – ein Abstrich der Wangenschleimhaut genügt. Weitere Infos zu Typisierung und Stammzellenspende unter www.dkms.de. (bf)

(Foto: pv)



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