08. Januar 2010, 20:30 Uhr

Zwischen Neuanfang und Flucht

Rockenberg (pm/khn). Am 15. Januar 1930 begann für vier Familien aus Rockenberg ein neuer Lebensabschnitt: Sie hatten in Eckartsberge in Pommern ein Siedlergehöft erworben. Doch der neun Jahre später von den Nationalsozialisten ausgelöste Zweite Weltkrieg zwang die Familien zur Flucht. Einer von ihnen war der damals achtjährige Erhard Dietz. Der Rockenberger hat seine und die Erinnerungen von Heinrich Pauly aufgeschrieben, »damit die nachfolgende Generationen erfahren, was wir erlebt haben«. In der WZ erzählt er nun von der Zeit in Pommern.
08. Januar 2010, 20:30 Uhr
Die Kinder der Siedler feiern 1932 die Einweihung der neuen Schule, welche die Familien selbst bauten.

»In den Jahren 1920 bis 1927 machten sich die hohen Reputationskosten an die Alliierten nach dem Ersten Weltkrieg und die Wirtschaftskrise auch in Pommern bemerkbar. Viele Firmen mussten Konkurs anmelden. Im Sog der Krise kamen auch Bauernhöfe und große Güter in Pommern in finanzielle Schwierigkeiten. Zwangsversteigerungen waren an der Tagesordnung.

In diesen Strudel kam auch das Hofgut Eckartsberge mit 457,5 Hektar Land. 1927 wurden die Siedlerstellen zum Verkauf angeboten. Durch die Realteilung waren viele Bauernhöfe in Hessen zu klein geworden und konnten ihre Familien nicht mehr ernähren. So entschlossen sich 1928 die Familie Heinrich Fuchs aus Rheinhessen, die Familie Heinrich Bayer, die Gebrüder Bardo und Johannes Kling aus Oppershofen und Theo Brauburger aus Ober-Wöllstadt, in Eckartsberge neu zu siedeln.

Das Restgut, bestehend aus Gutshaus, Stallungen, Scheunen und 112 Hektar, sollte zunächst bestehen bleiben, kam aber dann doch 1929 zum Verkauf. Diese Nachricht kam nach Rockenberg. Die drei Familien Alois Pauly, Ludwig Landvogt und Georg Bingel sowie der Jungbauer Karl Nicolaus Dietz und sein Bruder August (mein Vater) entschlossen sich, in Eckartsberge neu zu siedeln und kauften im November 1929 jeweils ein Viertel des Restgutes inklusive Inventar. Jetzt war Eile angesagt, denn die Vorräte in Speichern, Kellern, Ställen und Scheunen sollten baldmöglichst in die Hände der neuen Besitzer übergeben werden. Zwei Waggons mit Möbeln und Hausrat, ein Waggon mit Pferden und Geflügel mussten nun in die neue Heimat befördert werden.

Zur Betreuung der Tiere fuhren hier Heinrich Groß, Georg Kaiser und Anton Ludwig mit. Am 15. Januar 1930 begann die große Reise. Um 21 Uhr brachte ein Bus die Familien nach Bad Nauheim. Um 22 Uhr kam der Zug, der sie in die neue Heimat bringen sollte. Nach einem Aufenthalt in Berlin kamen sie am nächsten Tag im damaligen Deutsch Krone (heute Walcz) an. Mit der Kleinbahn kamen sie dann um 18.30 Uhr nach Eckartsberge. Als sie ausstiegen, regnete es in Strömen.

Bauern müssen sich umstellen

Alle Familien zogen in das Gutshaus, welches in ein Vierfamilienhaus umgebaut worden war. Zunächst wurden der Viehbestand versorgt. Die Gerätschaften wurden überprüft. Teilweise waren sie in einem desolaten Zustand und mussten durch neue ersetzt werden. Nur die Dreschmaschine sollte gemeinsam benutzt werden. Das Vieh und die Gerätschaften hatte man zu gleichen Teilen aufgeteilt. Von nun an war jeder sein eigener Herr und für alles selbst verantwortlich. So fing der Kaufmann August Dietz bei der Warenzentrale in Deutsch Krone an und wurde Leiter der Außenstelle in Hoffstädt.

Eine Umstellung für die Bauern gegenüber der Landwirtschaft in Hessen war die kurze Vegetationszeit (später Frühjahr, früher Winter). Die Herbstsaat musste früh ausgebracht werden. Die Böden waren sehr kalkarm, und es vergingen einige Jahre, bis man Zuckerrüben und Luzerne anbauen konnte. Einfacher war es mit dem Vieh. Dieses war in den Sommermonaten auf der Weide.

Im sieben Kilometer entfernten Hoffstädt fand man eine Privatmolkerei, die die Milch annahm. Die Anlieferung musste privat organisiert werden. Es war oft nicht ganz einfach, da nur ein schlechter Feldweg dorthin führte. Problematischer wurde es dann im Winter bei starkem Schneetreiben, da kein Baum, Strauch oder Lichtmast den Weg markierte.

Die katholische Kirche, die 1930 schon im Rohbau stand, wurde fertig gestellt und im Juli von dem damaligen Prälaten Keller eingeweiht. Im Jahre 1931 wurde mit dem Schulneubau begonnen, und im Herbst 1932 erfolgte die Einweihung. Bis dahin hatte Karl Dietz einen Raum für Schüler und Lehrer zur Verfügung gestellt. Bei allen diesen Bauarbeiten war stets Eigenhilfe nötig. Das war aber für die Familien eine Selbstverständlichkeit.

War doch das Leben der Siedler durch viel Arbeit und Entbehrungen geprägt, so machte die Härte des Zweiten Weltkriegs vor Pommern keinen Halt. August Dietz, verheiratet und zwei Kinder, wurde eingezogen und starb 1941, sein Bruder Karl, verheiratet und vier Kinder, 1943.

Nach 32 Jahren, so war es geregelt, sollten die Betriebe in das Eigentum der Siedler übergehen. Die Hälfte der Abzahlungen war gerade getilgt, da mussten sie all ihre Aufbauarbeit hinter sich lassen. Die Front rückte näher, und alle wussten, dass sie ihre lieb gewonnene neue Heimat wieder verlassen mussten. Es wurden Vorbereitungen zur Flucht getroffen. Ein Treck wurde zusammengestellt, und am 30. Januar 1945 verließen die Familien Eckartsberge. Der Fluchtweg führte zunächst nach Stettin. Da die Oderbrücken gesprengt werden sollten, wollten alle so schnell wie möglich den Fluss überqueren. Im Gewirr der Flüchtenden verlor man sich.

Familien werden getrennt

Die Familien Pauli, Bingel, Landvogt, Bayer und Dietz konnten zusammen bleiben und setzten ihre Fahrt über Nässelröden fort. Sie erreichten nach sechs Wochen am 13. März 1945 ihren alten Heimatort Rockenberg. Bardo Kling ging wieder nach Oppershofen. Brauburger und die Familie Fuchs, die zusammengeblieben waren, fuhren nach Ober-Wöllstadt. Familie Fuchs fuhr dann weiter nach Gau Algesheim in Rheinhessen. Meine Mutter schloss sich mit meinem Bruder und mir dem Treck der Hoffstädter an. Wir kamen erst nach Demin, dann nach Barmstedt in Holstein.

Jetzt war die Flucht zu Ende. Die Familien Kling und Landvogt siedelten neu auf dem ehemaligen Flugplatz auf der Harb bei Nidda. Die Familie Pauli konnte ihren alten Hof, den sie 1930 nur verpachtet hatten, wieder übernehmen. Annliese Dietz ging mit ihren vier Kindern nach Gau Algesheim. 1948 zogen wir von Barmstedt nach Rockenberg zu meinen Großeltern. Alle fanden ein neues Zuhause.«

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