05. Juni 2009, 16:14 Uhr

Die Zeit von Dirty Ha(i)ry ist abgelaufen

Rockenberg-Oppershofen (dab). Die Tage, in denen ein bisschen After Shave und Deo ausreichten, um als adretter Mann zu gelten, sind vorbei. Make-up gehört für Michael Bröske, den Firmengründer der GmbH »Der gepflegte Mann« in Oppershofen, zwar nicht zum Pflichtprogramm, ein glatter Rücken aber schon. Deshalb hat er jetzt, pünktlich zur Badesaison, ein Utensil ins Programm aufgenommen, das auch im Handgepäck des Terminators zu finden sein könnte - zumindest wenn es ums Äußere geht.
05. Juni 2009, 16:14 Uhr
Selbst ist der Mann: Mit dem anatomisch geformten Gerät ist jede behaarte Stelle des Rückens zu erreichen. (Foto: pv)

Rockenberg-Oppershofen (dab). Die Tage, in denen ein bisschen After Shave und Deo ausreichten, um als adretter Mann zu gelten, sind vorbei. Make-up gehört für Michael Bröske, den Firmengründer der GmbH »Der gepflegte Mann« in Oppershofen, zwar nicht zum Pflichtprogramm, ein glatter Rücken aber schon. Deshalb hat er jetzt, pünktlich zur Badesaison, ein Utensil ins Programm aufgenommen, das auch im Handgepäck des Terminators zu finden sein könnte - zumindest wenn es ums Äußere geht. Überaus stylisch schaut der schwarze, anatomisch geformte Stiel aus, auf den ein beliebiger Rasierer aufgesetzt werden kann. Ein überflüssiges Accessoire im Bad, das wegen der zahllosen Kosmetikartikel der holden Weiblichkeit ohnehin schon überquillt? Mitnichten, sagt Bröske. »Viele Männer finden ihre eigene Körperbehaarung ästhetisch nicht akzeptabel.« Gesichts- und Brustbehaarung - kein Problem. »Wie aber soll sich ein Mann alleine den Rücken rasieren? Und wer bittet bei dieser Thematik schon gerne seine Frau oder Freundin um Hilfe?«

Der erste Rückenrasierer, den er in der Hand hielt, habe auch ihn zum Schmunzeln gebracht, gibt er zu. Dabei handelte es sich allerdings um ein Gerät, das aussieht wie eine profane Rückenbürste mit eingebauter Klinge. Bei dem Artikel, den Bröske nun auf seinem Online-Portal exklusiv für Deutschland, Österreich, die Schweiz und England vertreibt, sei dies anders gewesen. Ein Physiotherapeut habe den Rasierer entwickelt (»aus Eigenbedarf«), und das merke man dem Produkt auch an. Man(n) kann den Winkel einstellen, trocken und nass rasieren inklusive Auftragehilfe für den Schaum, und man erreicht damit auch kritische Stellen wie die unter dem Schulterblatt. Wie häufig man damit Hand anlegen sollte, kann Bröske nicht genau sagen: »Ich hätte das Gerät gerne mal ausprobiert, aber ich habe keine Haare auf dem Rücken.« Er tippt auf einmal pro Woche, um das Wachstum im Zaum zu halten. »Die Haare sind weicher und wachsen nicht so schnell wie im Gesicht.«

»Der Hetero-Mann ist schwer zu bewerben«

Bröske ist nicht der einzige, der von dem Nutzen überzeugt ist. Seit fünf Wochen wird das Produkt über die Website verkauft, »und es läuft nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass wir noch keine Werbung dafür gemacht haben«. Er denkt darüber nach, Aktionen beim Christopher-Street-Day zu starten, vielleicht einen Wagen zu mieten und ein paar knackige Kerle mit dem »Easy Raze« darauf zu platzieren. »Schwule sind offen«, beschreibt Bröske eine der Zielgruppen seiner Firma. »Der Hetero-Mann ist schwerer zu bewerben.« Daraus wiederum ergibt sich ein großer Vorteil für seine Geschäftsidee: »Männer gehen ungern in eine Drogerie und Parfümerie, sondern kaufen lieber anonym im Netz ein.« Das geht soweit, dass viele sich die Produkte lieber in einer neutralen Verpackung schicken lassen.

Mit dem Kauf allein ist es aber nicht getan. Was tun, wenn das Pflegeprodukt zu Hause eingetroffen ist? In »Deutschlands größtem Onlineshop für ganzheitliche Männerpflege« (Bröske) spielt die Beratung eine große Rolle, angefangen bei der Frage, wie man die Ohren sauber bekommt bis hin zur korrekten Nagelfeiltechnik. Um solche Fragen professionell beantworten zu können, arbeitet Bröske mit einer Kosmetikerin in Lich zusammen. Die Nachfrage ist so groß, sagt er, dass dieser Bereich bald ausgebaut werden soll. Bedarf sieht er auch im Accessoire-Angebot. Das Übliche wie Krawatten, Gürtel und Manschettenknöpfe schwebt ihm hierbei nicht vor: eher ein Magnetstäbchen zum Fixieren des Hemdkragens oder ein wasserfester Notizblock für die Dusche.

Männer ticken eben anders, und das spiegelt sich auch in der Produktpalette der Kosmetik wider. Die Verpackungen sind nicht Blau, Gelb, Rosa, sondern Schwarz, Weiß, Silber und müssen einfach in der Anwendung sein. Kosmetik aus dem Töpfchen - bei Frauen sehr beliebt - kommt bei Männern nicht an, erklärt Bröske. Statt mit der Dosierung zu experimentieren, wollen Männer einfach nur wissen: »Zweimal auf die Pump-Flasche drücken, das reicht.« Auch beim Duft sind Männer eigen: »Rosig geht gar nicht.« Eines aber haben sie mit den Frauen gemeinsam: Sie bevorzugen natürliche Inhaltsstoffe und lehnen Tierversuche ab.

Das Lager platzt aus allen Nähten

Die Kunden sind zwischen 25 und 55 Jahre alt, die meisten leben in Großstädten wie Köln, Berlin, Hamburg und München, erzählt Bröske, aber auch in der Wetterau würden die über 20 Marken mit fast 500 Produkten nachgefragt. Die Männer hätten sich zwar lange dagegen gewehrt, doch inzwischen sei ihnen klar geworden, dass man als gepflegter Mann viel mehr Erfolg im Geschäftsleben hat. »Und die Frauen erwarten das schließlich auch. Es ist heute ja nicht mehr so wie früher, als man dachte: ›Ich bin verheiratet, ich brauche nichts mehr machen.‹ « Illusionen macht er sich allerdings keine. »Es wird immer pflegeresistente Leute geben.«

Am besten verkaufen sich Peelings, Masken, Gesichtsreiniger und -pflege. Make-up sei zwar in der Schwulenszene ein Thema, werde aber im Onlineshop nicht nachgefragt. »Der Großteil unserer Kunden übertreibt es nicht.« Bröske selber auch nicht. Ein revolutionärer Gedanke steckt nicht hinter seiner Firma, sondern schlicht der Wunsch, mal etwas anderes als die gängigen Marken aus der Drogerie zu verwenden. Die Geschäftsidee kam ihm bei Reisen in den USA und Großbritannien. Dort sei der Sektor Männerpflege viel ausgeprägter als hierzulande. »Hier gab es nur ein bis zwei Rasier- und Duftshops«, aber keinen, in dem Männer von Kopf bis Fuß bedacht wurden, schon gar nicht mit exklusiven Produkten, die im Einzelhandel nicht zu finden sind.

Nachdem die ersten Hindernisse nach der Firmengründung 2006 überwunden waren - so müssen Erstimporte zum Beispiel bei der Giftzentrale angemeldet werden -, fing der Laden an zu laufen. Drei Mitarbeiter für Logistik und Marketing sind inzwischen in Oppershofen angestellt, hinzu kommt ein Büro nahe Darmstadt, für das Bröskes Geschäftspartner zuständig ist. Zwei Räume hat Bröske in einem Friseursalon am Ortseingang angemietet, »aber wir müssen auf absehbare Zeit hier raus«, das Lager platzt aus allen Nähten. Gerne würde Bröske in Oppershofen bleiben, »aber ich liebäugele auch mit Steinfurth«.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Anatomie
  • Deodorant
  • Drogerien
  • Geschäftsideen
  • Handgepäck
  • Kosmetikartikel
  • Kosmetikerinnen
  • Make-up
  • Onlineshops
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen