17. Februar 2015, 18:03 Uhr

Wecken für die Schulkinder: Des letzten Abtes letzter Wille

Rockenberg-Oppershofen (pm). Wenn im Februar die Narren los sind, werden an der Grundschule Wecken verteilt. Mit dem Fasching hat diese Tradition jedoch nichts zu tun. Viel eher vollstreckt der Geschichtsverein Oppershofen damit den letzten Willen von Alexander Weitzel, der der letzte Abt von Kloster Arnsburg gewesen ist.
17. Februar 2015, 18:03 Uhr
Lassen sich die Wecken schmecken (v. l.): die Lehrerinnen Katja Reif und Nina Gehling sowie Alexander Fiolka und Manfred Breitmoser vom Geschichtsverein mit der Klasse 1 a. Mit der Aktion wird an das Vermächtnis des letzten Abtes von Kloster Arnburg erinnert. (Foto: pv)

Ob der Abt gespürt hatte, dass es mit ihm zu Ende geht? Am 28. Januar 1819 griff Alexander Weitzel, der bis zur Säkularisation Kloster Arnsburg vorgestanden hatte, zur Feder, um sein Testament zu niederschreiben. Zwei Wochen später, am 15. Februar, rief Gott ihn zu sich. In seinem letzten Willen hatte der Zisterzienser unter anderem verfügt, dass alle Schulkinder seiner Heimatgemeinde Rockenberg alljährlich an seinem Todestages ein Brötchen bekommen. Nachdem der Kultur- und Geschichtsverein Oppershofen diese Tradition wieder aufgegriffen hat, erhielten die Schulkinder auch dieses Jahr wieder einen Zipfelweck.

Erinnert wird mit dem wiederbelebten Brauch an das Vermächtnis des letzten Abtes von Kloster Arnsburg. Motiviert durch das Gebot der Nächstenliebe, stiftete Weitzel den Armen seiner Heimatgemeinde ein Kapital von 800 Gulden. Zudem vermachte er der Kirche seine liturgischen Gegenstände wie Paramente (Gewänder), Kelche und Monstranzen, die er aus dem Kloster mitgebracht hat, als dieses säkularisiert wurde. Für 200 Gulden sollte jährlich ein Seelenamt an seinem Todestag gefeiert werden, während dem die Schulkinder ein Brötchen bekommen sollten. Dafür stellte Weitzel weitere 100 Gulden zur Verfügung. In der Originalschrift heißt es: »(...) den Schulkindern ein Capital von 100 fl (Gulden), wo von den Interessen bey dem jährlichen Anniversarium einem jeden für 2 kr (Kreuzer) an Weck soll ausgetheilt werden.« Die Wecken erhielten die Kinder nach dem Seelenamt am Grab des Zisterziensers.

Wie die Chronik berichtet, wurden in den ersten Jahren ab 1820 etwa 120 bis 140 Brötchen an die Kinder verteilt. Gut 100 Jahre später, zu Beginn des Ersten Weltkrieges, steigerte sich die Menge auf etwa 300 Stück. Mit dem Krieg hatte das jedoch nichts zu tun. Viel eher war eine Tradition der Mildtätigkeit entstanden, wurden Brötchen nicht nur anlässlich von Weitzels Todestag ausgegeben, sondern inzwischen auch bei weiteren Anlässen. Besonders bedürftige Kinder erhielten gar Kleider oder Schuhe – etwa zur Erstkommunion. Doch schon bald nach dem Krieg machte die Inflation Anfang der 1920er Jahre die Stiftung des Abtes zunichte.

Gemeinsam mit der Sandrosenschule ließ der Kultur- und Geschichtsverein Oppershofen nun schon zum neunten Mal diese Tradition wieder aufleben. Zwar bedarf es heutzutage keiner Almosenverteilung in Form von Brötchen. Tatsächlich verstehen die Initiatoren der Brötchenaktion diese eher als schöne Geste und auch als Möglichkeit, den Kindern ein Stück Ortsgeschichte nahe zu bringen. Dies geschieht in der Schule mithilfe eines Faltblatts, das prägnant über Leben und Wirken Alexander Weitzels informiert.

Generation Goethe

Geboren wurde Weitzel am 8. September 1750 in Rockenberg als Sohn des Lehrers Georg Andreas Weitzel und seiner Frau Anna Juliana, geborene Schmitt, aus Oppershofen. Die Eltern gaben ihm in der Taufe den Namen Johann Wilhelm; den Ordensnamen Alexander erhielt er erst, als er um 1769 in die Zisterzienserabtei Arnsburg eintrat. Zuvor hatte er etwa zwei Jahre lang in Mainz Philosophie studiert.

Im Kloster übte er verschiedenen Tätigkeiten aus. Am 18. Dezember 1773 wurde er in Mainz zum Priester geweiht. Etwa 15 Jahre später, als in Frankreich die Revolution losbricht, taucht sein Name in einer Konventliste auf. Subprior und Novizenmeister ist er zu dieser Zeit gewesen. 1795 wurde er zum Propst in das Zisterzienserinnenkloster Engelthal berufen. Vier Jahre lang beriet er dort die Äbtissin in Wirtschaftsangelegenheiten, den Nonnen nahm er die Beichte ab.

Als 1799 Berhard Birkenstock, der Abt von Kloster Arnsburg, altersbedingt zurücktrat, wählten die Mönche P. Alexander Weitzel zu ihrem neuen Vorsteher. Als solcher waren seine Tage jedoch gezählt.

1803 wurden im Reich alle Klöster aufgehoben, so auch Arnsburg. Die Ordensleute wurden aus ihren angestammten Häusern vertrieben. Arnsburg fiel an die Grafen von Solms. Weitzel zog mit fünf weiteren Mönchen und einem Laienbruder nach Rockenberg. Zuerst in einen Teil des ebenfalls säkularisierten Klosters Marienschloss, dann baute er sich mit der stattlichen Pension, die ihm die Solmser gewährten, ein neues Haus, das er 1806 mit den Seinen bezog. Bei dem Gebäude handelt es sich um das heutige Rathaus von Rockenberg.

Die beiden Vorsitzenden des Geschichtsvereins, Manfred Breitmoser und Alexander Fiolka, freuten sich, den Schülern diese Geschichte zu erzählen, während die Wecken reihum gingen. (Fotos: pv)

Unter dem Motto »Auf den Spuren von Abt und Äbtissin in Rockenberg« bietet die Katholische Pfarrgruppe Butzbach am 27. April eine Nachtwächterführung an. Anmeldung bis 27. April im Pfarrbüro unter der Rufnummer 0 60 33/97 30 70.



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