16. August 2013, 18:58 Uhr

Schuldspruch nach Angriff auf Schiri

Reichelsheim/Friedberg (jwn). Die Begegnung zwischen dem KSV Weckesheim und Türk Gücü Friedberg II vom 14. Oktober 2012 ist in die Verlängerung gegangen.
16. August 2013, 18:58 Uhr
Das Spiel KSV Weckesheim gegen Türk Gücü Friedberg II gerät außer Kontrolle: Der Schiedsrichter zückt sechsmal »Rot«. Für vier türkische Spieler hat der Vorfall ein juristisches Nachspiel. (Symbolbild: dpa)

Vor dem Amtsgericht Friedberg wurden jetzt vier Spieler des türkischen Fußballvereins zu einer Geldbuße beziehungsweise zu gemeinnütziger Arbeit verdonnert, weil sie den Schiedsrichter beleidigt und auch verletzt hatten.

Von Verhandlungsbeginn an waren sowohl Richter Dr. Stüber als auch Staatsanwalt Kühnberger und Verteidiger Oliver Reich bemüht, den vier Angeklagten eine goldene Brücke zur Einstellung des Verfahrens gegen Zahlung einer Geldauflage zu bauen. Dafür hätten sie nur die Einsicht in das Unrecht ihres Handelns bekunden und sich bei dem Opfer entschuldigen müssen. Doch die vier Angeklagten wollten das Angebot zunächst nicht annehmen, weil sie offenbar nicht einsahen, dass sie die Schuld an dem Vorfall trugen.

Am 14. Oktober vergangenen Jahres waren die beiden Mannschaften zu einem Punktespiel gegeneinander angetreten. 70 Minuten sei das Spiel langweilig gewesen und bei strömendem Regen so dahergelaufen. Beim Stand von 2:0 für die Weckesheimer beschimpfte nach einem Foul an einem Mitspieler der Angeklagte F. (allen Namen geändert, die Red. ) den Schiedsrichter: »Warum benachteiligst du uns andauernd, du Depp?«. Als der Unparteiische ihn verwarnen wollte, kam es zu einer Berührung und weiteren Beleidigungen, von denen »Arschloch« und »Idiot« wohl noch die netteren waren. F. sah die rote Karte, was ihn zu einer noch größeren Schimpftirade herausforderte. Allerdings bestritt F. dies im Prozess, und zur Beleidigung »Depp« sei es nur gekommen, weil der Schiedsrichter ihn provoziert habe.

Spiel abgebrochen

Als F. schimpfend den Platz verließ, habe sich B., der zweite Angeklagte, an den Schiedsrichter gewandt und geraten, doch alle Spieler vom Platz stellen zu lassen. Dem habe er die Worte »Du Schieber« hinzugefügt. B. stritt dies aber vehement ab. Er kenne das Wort gar nicht, habe dessen Bedeutung erst googlen müssen. Auch er musste den Platz verlassen.

Als der Schiedsrichter noch vom Trainer verbal angegriffen, dabei aber nicht beleidigt wurde, verhängte der Unparteiische, im Hauptberuf übrigens Bankdirektor, die dritte rote Karte inklusive Platzverweis. Als er diesen Vorgang in seinem Notizbuch niederschreiben wollte, wurde er gegen den Unterarm geschlagen, sodass sein Notizbuch im hohen Bogen wegflog. Schuld war der dritte Angeklagte, L. Auch er erhielt dafür die rote Karte und musste vom Platz. Was er nicht ohne Schimpfworte hinnahm. Nun sollen auch Ausdrücke wie »Nazi« und »Ausländerhasser« gefallen sein. Auf mehrfache Nachfrage des Richters, ob er die Worte jedem Einzelnen zuordnen könne, verneinte der Schiri. Es sei ein solches Gewusel gewesen und der Adrenalinspiegel bei allen so hoch, dass er nicht mehr genau wisse, wer welches Schimpfwort gesagt und vor allem wer ihm eine Abreibung angedroht habe.

Nach dem Wegschlagen des Blocks habe er das Spiel abgebrochen und für beendet erklärt. Mit der Folge, dass der vierte Angeklagte, O., zu ihm gelaufen sei und ihn ebenfalls beleidigt habe. Als O. daraufhin die rote Karte sah, sei dieser ausgeflippt. Nach dem Abpfiff könne er ihm gar nicht »Rot« zeigen und habe ihn aus Wut mit den Torwarthandschuhen auf den Arm geschlagen. Anschließend sei der Schiedsrichter von den restlichen Spielern – ohne Beteiligung der Weckesheimer Mannschaft – und Zuschauern umzingelt worden, sodass ihm angst und bange geworden sei. »Ich habe wirklich um mein Leben gefürchtet«, erinnerte sich der 55-Jährige vor Gericht mit brüchiger Stimme an den Ausgang des Spiels. Unter Geleitschutz einiger Zuschauer gelangte er in die Kabine und verständigte dort die Polizei.

Alle entschuldigen sich

Mehrmals redete Richter Dr. Stüber auf die Angeklagten ein, sie sollten doch einsehen, dass Gewalt und Drohungen nicht auf den Sportplatz gehörten. Auch Worte wie »Nazi« und »Ausländerhasser« hätten da nichts verloren. Zwar stritten alle Angeklagten erst die Schwere ihrer Schuld ab, als aber der Schiedsrichter ausgesagt hatte und der Staatsanwalt von einer erdrückenden Beweislast sprach, brach ihr Widerstand zusehends. Als sie sich schließlich beim Schiedsrichter entschuldigt hatten, auch wenn man nicht bei allen sicher war, dass ihre Entschuldigung ernst gemeint war, willigten sie in das Angebot der Staatsanwaltschaft ein. Zwei erhielten Geldbußen von 500 und 150 Euro, die beiden anderen, ohne festes Einkommen, müssen 60 und 20 Stunden gemeinnütziger Arbeit leisten. Warnend, es nicht noch mal so weit kommen zu lassen, entließ Dr. Stüber die Angeklagten.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Bankdirektoren
  • Gemeinnützigkeit
  • Nationalsozialisten
  • Notizbücher
  • Polizei
  • Schiedsrichter
  • Staatsanwälte
  • Türk Gücü Friedberg
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 1 + 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.