09. April 2008, 16:00 Uhr

»Das Menschliche muss erhalten bleiben«

Reichelsheim (kai). »Von Jahr zu Jahr mache ich mir mehr Sorgen über die Technisierung des Menschlichen«, sagte die Psychologin Jirina Prekop. »Sie schreiben SMS, Mails, es wird weniger gesprochen. Roboter beeinflussen unser Leben: In Japan halten sich die Menschen Roboter statt Hunde, Roboterpuppen werden in Altenheimen zum Kuscheln eingesetzt.«
09. April 2008, 16:00 Uhr
Auf Wunsch signiert Jirina Prekop (r.) die Bücher, in denen sie ihre Thesen veröffentlichte und die während des Vortragsabends neben anderen Büchern über Erziehungsthemen angeboten werden.

Bereits zum dritten Mal war die agile 79-Jährige der Einladung der Montessori-Kindergruppe nach Reichelsheim gefolgt. 200 zumeist weibliche Zuhörer waren gekommen, um zu erleben, wie Prekop ihr neuestes Buch »Auf Schatzsuche bei unseren Kindern« vorstellte, das sie gemeinsam mit Hirnforscher Gerald Hüther schrieb. »Ich schätze die Hirnforschung, ohne Kopf geht es nicht.«

Prekops Ziel ist es, die Menschen vor dem wachsenden Einfluss der Massenmedien zu bewahren. »Ich bin nicht gegen Technik, ich nutze sie auch.« Doch dürfe nicht zuerst an die Technik gedacht werden und dann erst an den Menschen. Die Zeit für Gespräche innerhalb der Familien werde immer weniger. »In nur noch 25 Prozent der deutschen Familien wird warm gekocht, und gesprochen wird nur 15 Minuten am Tag miteinander«, fasste sie zusammen. »Aber, was wird gesprochen? ›Halt's Maul, knall nicht die Türen‹.«

Die Psychologin ermunterte die Eltern, auf die Bedürfnisse ihres Kindes zu achten, dann seien Erziehungsratgeber überflüssig. »Wenn das Kind beim Märchenvorlesen hören will, dass die Hexe die Böse ist und die Kinder die Guten, dann sollen sich Eltern auch daran halten.« In ihrer Verwandtschaft habe sie etwas anderes erlebt: Die Mutter, die alles perfekt machen möchte, hat beim Märchenvorlesen begonnen zu relativieren. Der vierjährige Sohn wurde unruhig, beharrte auf dem Gut-Böse-Schema. »Kinder brauchen Stimmiges, Klares, kein Wischi-Waschi, sie wollen sich auf etwas verlassen können.«

Mit Ausflügen in die Männer- und Frauenwelt untermalte die 79-Jährige ihre Thesen. »Das Männliche ist geradlinig, bei Frauen ist alles rund, die Frau spürt Entscheidungen im Bauch.« Als bestes Beispiel diente der Prekop'sche Vortragsstil. Mal kam ein Tipp zum Lernen, dann zum Lieben, dann wieder die Ermutigung, auch Fehler zu machen, und am Ende konnte jeder Gast das mitnehmen, was er mochte.

Hart ins Gericht ging sie mit dem Erziehungsstil, der in den Medien etwa durch die »Super-Nanny« propagiert werde. »Ich bin total gegen die Auszeit-Strafe. Das verstößt gegen die bedingungslose Liebe und hat nichts mit guter Menschlichkeit zu tun.« Dazu erzählte sie die Geschichte eines Fünfjährigen, der immer wieder in sein Zimmer geschickt wurde. Einmal traf ihn die Mutter auf der Treppe, als er sein Kuscheltier im Arm hielt und mit ihm sprach: »Ach, weine dich doch aus.« Daraufhin handelte die Mutter und nahm ihren Sohn ebenfalls in den Arm. »Kinder leben uns vor, wie es sein sollte. Kinder kommen mit dem Bedürfnis nach Liebe auf die Welt.« Als Babys schreien sie danach. »Später, wenn sie keine Liebe bekommen, werden sie krank.« Ein Kind benötige dauernde Bestätigung, da sei der Ansatz von Maria Montessori »Hilf mir es selbst zu tun« ideal, lobte Prekop. »Was man selbst macht, bleibt das ganze Leben bestehen.« Dazu zählten auch Misserfolge: Ein Kind müsse Schmerzen ertragen und dürfe sich auch Wut erlauben. Das gelte für Eltern ebenso: »Der größte Fehler in der Erziehung ist, wenn keine Fehler gemacht werden.« Wichtig sei es, sich Problemen zu stellen und daran zu wachsen. »Wir brauchen starke Männer, starke Frauen und starke Kinder – und den Erhalt der Menschlichkeit.«

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