19. November 2012, 10:13 Uhr

Mit Stockschlägen die Straße entlang gejagt

Niddatal-Assenheim (udo/pm). In einer Veranstaltung des Vereins Kulturelles und Kommunales (KuK) sprach Monica Kingreen in der ehemaligen Synagoge über das frühere jüdische Leben in Assenheim und Umgebung. Sie ist Mitarbeiterin des Fritz-Bauer-Instituts und des Jüdischen Museums in Frankfurt.
19. November 2012, 10:13 Uhr
Der jüdische Friedhof in Assenheim. (Fotos: udo)

Kingreen bedauerte, dass eine umfassende Aufarbeitung der Materie noch fehle. Genealogische Zusammenhänge seien oft unbekannt, persönliche Erinnerungen häufig verloren. Dabei blicke das jüdische Landleben in Hessen auf eine lange Tradition zurück: Der Handel, insbesondere mit Vieh, sei oft Haupterwerbszweig gewesen, das Zusammenleben mit der christlichen Bevölkerung in der Regel unkompliziert. So auch in Assenheim. Dessen jüdische Gemeinde sei sehr alt und gehe auf das 13. Jahrhundert zurück, berichtete die Referentin. Vor genau 150 Jahren sei die neue Synagoge in Assenheim eingeweiht worden. Das Programm am 21. November 1862 war umfangreich. »Die Gesetzesrollen wurden damals in einem festlichen Umzug von der alten in die neue Synagoge gebracht.« Rabbiner Dr. Benedikt Levy aus Gießen habe die Predigt gehalten. 75 Jahre lang sei die Synagoge dann religiöses Zentrum der Gemeinde gewesen. Das Gemeindehaus mit der Religionsschule und der jüdische Friedhof seien weitere Einrichtungen gewesen. Der Lehrer sei der wichtigste religiöse Repräsentant gewesen und habe sich auch als Vorsänger und oft als Schächter betätigt. Auch für Beerdigungen war er zuständig. Um 1900 sei eine Spaltung in das orthodoxe und das liberale Rabbinat erfolgt. Einzelne Biographien wurden im Auszug vorgetragen. Kingreen wies darauf hin, auf dem Kriegerdenkmal an der Assenheimer Schlossmauer seien auch Juden verzeichnet. In der Mitte des 19. Jahrhunderts seien zehn Prozent der Assenheimer Einwohner Juden gewesen, später habe deren Anteil wegen der Abwanderung vom Land rapide abgenommen. Der wirtschaftliche Aufstieg und die bessere Ausbildung seien Gründe für den Wegzug gewesen.

Weitere Betrachtungen galten der jüdischen Gemeinde in Bönstadt, die sich – anders als die Gemeinde in Assenheim – für das liberale Rabbinat entschied. Die Schlussausführungen widmeten sich der NS-Verfolgung. Ein Exkurs galt den schweren Misshandlungen des Viehhändlers Hermann Liebmann. Eine größere Menschenmenge, aufgestachelt durch den NSDAP-Ortsgruppenleiter, überfiel Liebmanns Haus, zerstörte das gesamte Inventar. Ehefrau Jeanette Liebmann wurde mit Steinen beworfen und schwer verletzt; Hermann Liebmann unter Stockschlägen die Landstraße entlang zur Nidda gejagt, wo er blutüberströmt zusammenbrach. Sohn Max und Enkel Heinz Liebmann wurden vier Tage und Nächte ohne Wasser und Brot im Rathaus festgehalten und danach ins KZ Buchenwald verschleppt.

Organisator Eckhardt Riescher dankte für den Vortrag und forderte, der beschriebenen Vorgänge müsse weiter gedacht werden. Die Referentin bat darum, ihr weitere Fotos bereitzustellen, falls noch welche vorhanden seien oder aufgefunden würden.



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