04. August 2011, 11:05 Uhr

10 000 Pilger wollten Gottfrieds »Haupt« sehen

Niddatal-Ilbenstadt (udo). In diesem Jahr steht am ersten Septemberwochenende ein besonderes Gottfrieds-Jubiläum an. Dann jährt sich zum 100. Mal die Rückkehr der Reliquie nach Ilbenstadt.
04. August 2011, 11:05 Uhr
Beim Gottfriedsfest werden die Reliquien des Heiligen feierlich durch Ilbenstadt getragen.

Die Reliquien des »Patrons der Wetterau« wurden nach seinem Tod in Ilbenstadt beigesetzt. Seine Schädelschale, die in älteren Darstellungen als »Haupt« bezeichnet wird, wurde jedoch 1806 nach der Aufhebung seines Klosters vom letzten Ilbenstädter Abt Kaspar Lauer ins Kloster Strahov in Prag gerettet. Sie wurde dort 105 Jahre lang aufbewahrt und am 2. September 1911 nach Ilbenstadt zurückgebracht.

Gottfried von Cappenberg hatte 1122 im Alter von 25 Jahren zusammen mit seiner Frau Jutta und seinem Bruder Otto allem irdischen Besitz entsagt und seine Besitzungen in Cappenberg, Varlar und Ilbenstadt in Klöster verwandelt. Fünf Jahre später, 1127, starb er in Ilbenstadt. Über die Geschichte der Reliquien und den Verlauf der Überbringung informiert Pfarrer Heinrich Kissels »Chronik von Ilbenstadt«. Sie handelt »Von der Säkularisation 1803 bis zum 800-jährigen Todestag des Heiligen Gottfried 1927« und bildet damit die Fortsetzung des von Abt Kaspar Lauer verfassten ersten Teils der Chronik.

Ausführlich dokumentiert Kissels Chronik den Einzug des Mainzer Bischofs Dr. Georg Heinrich Kirstein am Samstag, 2. September 1911, die Feier am Sonntag und die Verabschiedung der hohen Gäste am Montag. Kirstein wurde bei seinem Einzug von mehreren Prälaten begleitet. Der Abt von Strahov, wo sich Gottfrieds »Haupt« von 1806 an befand, reiste mit den Äbten von Tepl und Neureisch über Würzburg und Frankfurt an. Auch der Bischof kam mit der Bahn.

Eine Reiterschar geleitete die Besucher von Nieder-Wöllstadt nach Ilbenstadt. Am Dorfeingang hatten sich bis zu 4000 Katholiken aus der Wetterau aufgestellt. Pfarrer Kissel bezeichnete in einer begeisterten Begrüßungsrede den Tag als »Markstein« in der Ortsgeschichte »für alle Zeiten«. Auch die passenden Bibelzitate hatte er parat. Vom Freialtar zog die Prozession zur Kirche.

500 Mädchen führten Prozession an

Die vergoldete Tragbahre für die Reliquie war für 1000 Mark angefertigt worden. Sie zeigt die Kirchenpatrone Peter und Paul, die Heiligen Gottfried und Norbert sowie das Mainzer Wappen und das Gottfrieds. Zur Prozession, die von 500 weiß gekleideten Mädchen angeführt worden war, spielte - wie noch heute regelmäßig beim Gottfriedsfest - die Musikkapelle Ober-Wöllstadt. Vier Priester trugen die Bahre. Weitere Geistliche und die Vereine mit ihren Fahnen folgten. In der Kirche bestieg der Bischof die Kanzel und dankte Gott.

Die hohen Gäste wurden im Pfarrhaus und den Wohnungen angesehener Familien untergebracht. Am Abend veranstaltete die Gemeinde einen Fackelzug, nach dem alle Beteiligten zu einer »Ovation« am Pfarrhaus zusammenkamen. Wiederum musizierte der Musikverein Ober-Wöllstadt, der Gesangverein Cäcilia sang »Schäfers Sonntagslied« und der Chor Germania schloss sich an. Der Lehrer und Kirchenchorleiter Adam Adler hielt eine beschwingte Rede.

Am Sonntag sollen bei »echtem Festtagswetter« etwa 10 000 Pilger nach Ilbenstadt gekommen sein. Von 5 Uhr morgens an wurden ununterbrochen Messen gefeiert. Beim Pontifikalamt sang der Kirchenchor aus »Bürgel bei Offenbach« mit 70 Aktiven eine fünfstimmige Messe. Zur Mittagstafel im Pfarrhaus fanden sich etwa 40 Geistliche ein.

Höhepunkt des Festes war die »sakramentalische Prozession« mit dem Haupt Gottfrieds und dem Allerheiligsten, an der außer dem Bischof und den Äbten Delegationen der Pfarreien der Wetterau teilnahmen. Neun Ehrenpforten wurden passiert, eine Andacht bildete den Abschluss. In der Kirche waren, um mehr Platz fürs Publikum zu schaffen, die Bänke entfernt worden, und draußen wurde ebenfalls ein Gottesdienst gefeiert. Trotzdem fanden viele Pilger keinen Platz.

Die Feiern waren immer noch nicht zu Ende. Eine große Huldigung fand vor dem Haus des Kirchenvorstands Peter Veith gegenüber der Gaststätte »Zu den drei Hasen« statt, und eine Lichterprozession führte durch die geschmückten Straßen. Am Montagmorgen erhielten die Äbte wie vereinbart diverse kleinere Reliquien mit auf den Weg, dann wurden sie samt dem Bischof mit zwei Messen verabschiedet. Sie speisten zum Abschied mit dem Oberhirten in dessen Palais zu Mainz, dann reisten sie nach Cappenberg in Gottfrieds Heimat.

Nach Kloster-Aufhebung in Strahov

Da Gottfried 1127 in Ilbenstadt starb und seine Gebeine hier von Anfang an verehrt wurden, stellt sich die Frage, wieso das »Haupt« denn überhaupt 1806 nach Prag kam. Grund ist die Aufhebung des Klosters im Jahr 1803: Bischof Kirstein gibt in seinem Hirtenbrief an die Katholiken von Ilbenstadt und der Wetterau vom 2. August 1911 (also einem Monat vor der Übertragung) einen Überblick über die Geschichte der Reliquien und ihrer Verehrung. Am 2. September stehe ein besonderer Tag an. Papst Paul V. habe zu Beginn des 17. Jahrhunderts dem Propst Georg Konradi ein Fest zu Ehren des Heiligen bewilligt und Papst Benedikt XIII. einen vollständigen Ablass dazu.

1639 fand unter Propst Georg Laurenzi die erste Erhebung der Gebeine statt. Das Hochgrab im Chor wurde damals geöffnet und das »Haupt« von den übrigen Gebeinen getrennt. Es wurde auf einem Seitenaltar ausgestellt und beim Gottfriedsfest durch die Straßen getragen. Nach der zweiten Erhebung im Jahr 1731 wurden Teile der Gebeine an andere Prämonstratenserklöster abgegeben, aber das »Haupt« blieb in Ilbenstadt. Bei der Aufhebung des Klosters im Jahr 1803 nahm der letzte Abt Kaspar Lauer die Schädelreste Gottfrieds zu dessen Schutz möglicherweise nach Camberg mit. Jedenfalls sandte er 1806 vor seinem Tod die Reliquie in die Abtei Strahov, wo sie sich bis 1911 befand.

Eindringlich beschreibt Bischof Kirstein in seinem Hirtenbrief den Niedergang des religiösen Lebens in Ilbenstadt nach dem Weggang der Mönche. Die Verehrung Gottfrieds und seiner im Grab verbliebenen Reliquien ging zurück. Erst Bischof Wilhelm Emanuel Freiherr von Ketteler setzte sich in seinem Hirtenschreiben von 1862 wieder für die Verehrung des Heiligen ein. Er ordnete an, das Hochgrab wiederherzustellen, und wünschte, das Haupt wieder zurückzubringen.

Bemühungen des Pfarrers erfolgreich

Die Bemühungen von Pfarrer Kissel und Bischof Kirstein hatten Erfolg, das Provinzialkapitel in Böhmen stimmte der Rückführung zu, und am 2. September vor 100 Jahren war es soweit. 1911 war zugleich das 100. Geburtsjahr von Bischof Ketteler. Das Fest des Heiligen Gottfried wurde beibehalten, wird aber nicht mehr am 16. Januar, sondern am Todestag, dem 13. Januar, gefeiert. Wegen der schlechten Witterung im Januar wurde das Wallfahrtsfest für Gottfried auf den ersten Sonntag im September gelegt.

Aus Ilbenstädter Sicht darf man sich darüber freuen, dass die Einigung über die Rückbringung von Prag in die Wetterau drei Jahre vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs noch möglich war. Nach den ostmitteldeutschen Staatenbildungen wäre Gottfried wohl nicht mehr in die Basilika zurückgelangt.



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