01. Juli 2011, 19:25 Uhr

»Die Akustik beim Papst war nicht die beste«

Niddatal-Ilbenstadt (udo). Auf dem idyllischen Nonnenhof bei Ilbenstadt findet Cristian Braica die Ruhe, die er für seinen Beruf braucht. Der Vorspieler der Kontrabass-Gruppe im HR-Sinfonieorchester lebt hier mit seiner Familie. Den eher aufregenden Höhepunkt seiner bisherigen Laufbahn erlebte der Berufsmusiker bei einem Besuch in Rom im vergangenen Herbst.
01. Juli 2011, 19:25 Uhr
Es muss nicht immer der Kontrabass sein: Christian Braica mit einem chinesischen Saiteninstrument. (Foto: udo)

Damals spielte Braica im Vatikan mit dem projektbezogenen Orchester »KlangVerwaltung« unter Leitung von Enoch Freiherr zu Guttenberg, dem Vater des früheren Verteidigungsministers, vor Papst Benedikt XIV. Im riesigen Konzertsaal, dessen Akustik laut Braica nicht die beste ist, erklang vor dem Heiligen Vater ausgerechnet Verdis Requiem. Darüber amüsiert sich der Kontrabassist noch heute: »Denn Verdi, mit Garibaldi einer der Säulenheiligen der italienischen Vereinigungsbewegung im 19. Jahrhundert, war Atheist.«

Braica selber gehört der orthodoxen Kirche an, besucht Gottesdienste in Offenbach und sieht keine allzu großen Unterschiede zwischen seiner Kirche und der katholischen. Der begnadete Musiker stammt aus Rumänien, studierte bei Liviu Moga in Klausenburg und war Kontrabassist im Orchester der Rumänischen Oper und in der Formation »Transilvania«. Von 1997 an musizierte er als Solist in der »Philharmonie der Nationen«, und von 1998 an wirkte er als Dozent an der Musikhochschule in Klausenburg.

Er gewann Preise beim Kontrabasswettbewerb in Markneukirchen, beim Wettbewerb »Johann Matthias Sperger« in Woldzegarten und beim »Josef Prunner«-Wettbewerb in Bukarest. Als Solist konzertierte er unter anderem mit der »Philharmonie der Nationen« unter Justus Frantz. Zusammen mit Boguslaw Furtok, dem Solobassisten des HR-Sinfonieorchesters, mit Simon Backhaus und mit Ulrich Franck hat Braica drei Kontrabass-Quartette Furtoks eingespielt. Die Formation nennt sich »The Flying Basses«.

Beim WZ-Besuch im Nonnenhof fällt zunächst die ruhige Lage der Staatsdomäne auf. Es riecht nach Pferden. Im Musikzimmer stehen und hängen ein Bechstein-Flügel, vier Kontrabässe, ein Cello aus Nussbaumholz, ein Akkordeon, eine funktionsfähige Miniaturvioline, ein defekter Minibass und ein uraltes chinesisches Saiteninstrument. Braica erzählt, dass er übers Akkordeon zur Musik fand: »Mein Vater spielte uns alte rumänische Volksweisen vor.«

Heute ist der etwa 250 Jahre alte Kontrabass, der ursprünglich als Gambe gebaut war, sein liebstes Instrument. Er muss ihn jedoch nicht jedes Mal zum Proben nach Frankfurt mitnehmen, da dort ein Dienstinstrument wartet. Instrumentenkunde ist eines der Themen, über das Braica besonders gerne spricht. So erläutert er, dass sich die Geige erst mit Stradivari gegen vergleichbare Instrumente durchgesetzt habe. »Das lag auch an ihrer Lautstärke.«

Unter den Komponisten fordert nach Braicas Worten Gustav Mahler am meisten. Da komme es sehr gelegen, dass das HR-Sinfonieorchester unter Leitung des Chefdirigenten Paavo Järvi aus Anlass des 150. Geburtstags und des 100. Todestags des Komponisten dessen Sinfonien einspielt.

In Ilbenstadt gefällt es seiner Familie außerordentlich gut, erzählt Braica. »Im Nonnenhof ist es viel ruhiger und dort haben wir mehr Platz als in der Friedberger Straße, wo wir Vier davor wohnten.« Sohn Paul spielt Klavier, besucht die Musikschule Friedberg und hat an einigen Wettbewerben bereits erfolgreich teilgenommen. So war er Zweiter beim Helmut-Vogel-Klavierwettbewerb. Braica vergleicht: »Ich selber besuchte in Rumänien ein Internat und musste üben. Paul fragt mich jetzt oft, weshalb er üben soll, während die anderen Kinder spielen.«

Braicas eigenes Talent ist aufgefallen, als er 13 Jahre alt war. Mit 14 entdeckte er dann seine Liebe zum Kontrabass. Seit 2001 lebt er in Deutschland.

Auftritt in ganz Deutschland

Zurzeit arbeitet Braica an Mozarts Arie für Bass-Stimme, obligaten Kontrabass und Orchester, die in einer ganz speziellen »Wiener Stimmung« geschrieben ist. Sie kam bereits im März in einer Freimaurerloge in Wiesbaden zur Aufführung. Vor zwei Jahren gab Braica ein Solokonzert in Rumänien.

Cristian Braica hat zurzeit zwei Schüler, denen er die Geheimnisse der Musik beibringen will, aber allzu oft ist er unterwegs. Die Vielzahl der Auftrittsmöglichkeiten und die Musiklandschaft in Deutschland bezeichnet er als einzigartig. Dazu kommen die Proben: Die neun Kontrabassisten des HR-Sinfonieorchesters spielen täglich von 9.30 bis 14 Uhr. Das Orchester wurde auf ihn aufmerksam, als er 1999 einen internationalen Preis gewann. Aushilfsweise spielt er beim WDR und bei den Bamberger Sinfonikern. Regelmäßig arbeitet er mit dem Museumsorchester und dem Ensemble Modern zusammen. Wiederholt gab er Kurse in Brasilien.

Gerne denkt er an die Auftritte in Tokio, Moskau und New York zurück. Auch die Chinesische Mauer hat Braica mit dem Kontrabass unterm Arm schon erreicht. Die Rom-Reise war allerdings ganz ohne Frage der Höhepunkt. Braica: »Ich komme aus einem kleinen rumänischen Dorf und durfte vor dem Papst spielen.«



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