18. Juni 2013, 16:08 Uhr

Nicht allen darf geholfen werden

Wetteraukreis (ema). Auch an diesem Vormittag ist der Terminkalender von Ernst Brünner, Schuldnerberater im Diakonischen Werk Wetterau, prall gefüllt, Menschen aller Generationen suchen Rat. Verschwender? Leute, die auf viel zu großem Fuß leben? Oft ein ungerechtes Vorurteil.
18. Juni 2013, 16:08 Uhr
Eine öffentliche, kostenlose Schuldnerberatung gibt es seit Jahren nur noch für Empfänger von Staatshilfe. Dagegen protestieren Institutionen wie Diakonie und Caritas. (Foto: dpa)

Erste Klientin ist eine 72-Jährige, von einer Nachbarin mit sanfter Gewalt zu Beratung gebracht – sie schämt sich. Ihr Mann starb früh, sie führte den Landwirtschaftsbetrieb weiter, pflegte die Alten in der Familie, zog Kinder groß. An ihrem alten Häuschen war eine Dachreparatur unumgänglich, Kosten in fünfstelliger Höhe, von ihrem geringen Einkommen damals kaum zu tilgen. Ihre Rente ist heute so klein, dass im Rahmen der Grundsicherung aufgestockt wird. Die Seniorin verlor völlig den Überblick im Gewirr der Rechnungen, jetzt wurde ihr der Strom abgestellt.

Danach kommt eine Mutter zweier Kinder unter vier Jahren. Sie hatte für ihren Mann gebürgt, der ein Geschäft gründen wollte. Das ging schief, unter diesem Druck zerbrach auch die Ehe. Momentan lebe sie, da sie die wegen der Kinder nicht arbeiten gehen könne, von Hartz IV, der Ex-Mann sei selbst arbeitslos. Sie stehe vor einem Schuldenberg: Kredite für das Haus, das zwangsversteigert wird, für die Bürgschaft. »Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll.«

Der dritte Klient ist ein etwa 40-jähriger Mann, der früh an Multipler Sklerose erkrankt ist. Seine Erwerbsunfähigkeitsrente ist auch mit der ergänzenden Grundsicherung klein. Es reicht nicht für die baulichen Änderungen, die er als Rollstuhlfahrer dringend braucht. Ihnen allen konnte Brünner zumindest etwas helfen: Mit dem Energieversorger der Rentnerin wurde eine Aufhebung der Stromsperre vereinbart, mit den Kreditgebern der jungen Mutter ein Umschuldungsgespräch ausgemacht. Und für den MS-Kranken beantragte man gesetzliche Leistungen für den Umbau.

»Dann wird es oft teuer«

Aber da ist noch das Telefongespräch, das Brünner arg im Magen liegt. Ein Azubi hatte sein Auto zu Schrott gefahren, brauchte ein neues für die Fahrt zur Arbeit, verstrickte sich in verlockende, »ganz günstige« Internetbestellungen – jetzt steht er da, 20-jährig, mit 30 000 Euro Schulden. Für ihn gibt es offiziell keinen Termin bei der öffentlichen Schuldnerberatung, weil nur Bezieher von Arbeitslosengeld und von Grundsicherung einen Rechtsanspruch darauf haben. Daher übernimmt der Wetteraukreis als zuständiger kommunaler Träger nur für sie die Beratungskosten in der Diakonie oder bei der Caritas in Friedberg. Dem 20-Jährigen bleibe nur der Gang zu einem Rechtsanwalt oder zu einem gewerblich tätigen Schuldenberater – und das sei oft teuer, meint Brünner. Selbst wenn die Erstberatungstermine auch hier in der Regel kostenlos sind. Wie der Schuldnerberater sagt, versuchten die beiden ehrenamtlichen Juristen der Diakonie, Hubertus Ellerhusen und Christoph Hössl, auch dort zu helfen, wo es der Ausschreibung nach eigentlich nicht vorgesehen ist. Aber ihre Zeit sei begrenzt.

Gegen dieses aus Verbandssicht gravierende Problem wendet sich die bundesweite Kampagne, die am Samstag endete. »Recht auf Schuldnerberatung für alle« lautet die Forderung der Sozialverbände, des DGB sowie des Bundesverbandes Menschen in Insolvenz und neue Chancen. Aber auch Abgeordnete der SPD, der FDP, der Grünen und der Linken haben sich der Aktion angeschlossen.

Die Träger fordern, dass die öffentliche Hand die Schuldnerberatung finanziert, mit dem Ziel, dass auch Erwerbstätige einen freien, raschen Zugang zur nicht gewerblichen Schuldnerberatung haben.

Laut Diakonie-Berater Frank Appel nutzen konstruktive Schritte aus der Schuldenfalle dem Verschuldeten, den Kreditgebern und letztlich auch der ganzen Gesellschaft. »Viele finden den Weg zurück in wirtschaftliche Selbstständigkeit, das Abgleiten ins Prekariat wird verhindert.«



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