17. Juli 2009, 16:46 Uhr

Bewährung für einsilbigen Angeklagten

Nidda (ko). Sein Verhalten vor Gericht und auch während der psychiatrischen Untersuchung hätte für einen 24-jährigen Niddaer fast bedeutet, für 15 Monate ins Gefängnis zu müssen. Die Staatsanwaltschaft warf ihm vor, in einem Zeitraum von rund einem Jahr über 1400 Dateien, davon 125 Filme, der Rest Bilder, aus dem Internet heruntergeladen zu haben, die sexuelle Handlungen an oder von Kindern zum Inhalt hatten. Ein Vergehen, das laut Strafgesetzbuch mit bis zu fünf Jahren Freiheitsentzug geahndet werden kann.
17. Juli 2009, 16:46 Uhr

Nidda (ko). Sein Verhalten vor Gericht und auch während der psychiatrischen Untersuchung hätte für einen 24-jährigen Niddaer fast bedeutet, für 15 Monate ins Gefängnis zu müssen. Die Staatsanwaltschaft warf ihm vor, in einem Zeitraum von rund einem Jahr über 1400 Dateien, davon 125 Filme, der Rest Bilder, aus dem Internet heruntergeladen zu haben, die sexuelle Handlungen an oder von Kindern zum Inhalt hatten. Ein Vergehen, das laut Strafgesetzbuch mit bis zu fünf Jahren Freiheitsentzug geahndet werden kann.

»Ich sage nichts.« Diese drei Worte waren das einzige, was der Vorsitzende Richter in Nidda, Winfried Holl, vom Angeklagten während der gesamten Verhandlung zu hören bekam. Beharrlich schwieg er zu den Vorwürfen, die Staatsanwalt Armand Maruhn in seiner Anklage gegen ihn erhoben hatte. Die Dateien waren alle auf einem Computer gefunden worden, der im Haus des Angeklagten, in dem auch seine Eltern und die ältere Schwester wohnen, beschlagnahmt wurde.

Ein Experte sagte in seinem Gutachten aus, dass die Bilder und Filme vom Angeklagten heruntergeladen worden waren. Was er mit zum Teil vermeintlich gelöschten E-Mail-Dateien belegte. Allerdings konnten Holl und Maruhn dem nicht ganz folgen. Denn der Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Reinhard Zwerentz, widersprach dem Sachverständigen. Er legte glaubhaft dar, dass die in den Auswertungslisten des Experten ausgewiesenen Download-Zeiten nicht seinem Mandanten zugeordnet werden können. Zu diesen fraglichen Zeiten habe sein Mandant nachweislich gearbeitet und somit keinen Zugriff auf den Computer gehabt. Ein Einwand, der auch durch den Hinweis des Richters, dass Datum und Zeit am Computer eventuell manipuliert waren, vom Gericht nicht widerlegt werden konnte. Vor allem, nachdem der Vater des Angeklagten vor Gericht bekräftigt hatte, dass der Computer mehreren Personen frei zugänglich gewesen sei.

Der Hinweis von Holl, der Vater brauche nicht auszusagen, wenn er sich selbst belaste, konnte den Vater nicht dazu bewegen, seinem Sohn die Taten zuzuschreiben. Stattdessen nahm er den Hinweis des Gerichts entgegen, dass somit auch er als Täter in Frage komme. Was er sofort vehement bestritt.

Die Tatsache, dass der Computer mehreren Personen zugänglich war und eine erneute kostenintensive Untersuchung der Geräte durch einen Sachverständigen erforderlich gewesen wäre, um anhand der Dateienstrukturen dem Angeklagten die alleinige Täterschaft nachzuweisen, verzichtete das Gericht auf die strafrechtliche Verfolgung einiger Anklagepunkte. Dies betraf vor allem die Anklage, die dem Niddaer unterstellte, mit einem einzigen Download 1090 Bilddateien aus dem Internet heruntergeladen zu haben.

Gutachter: »Voll schuldfähig«

Für die verbliebenen drei Anklagepunkte mit insgesamt neun Fällen, die den Besitz oder den Vertrieb von kinderpornografischen Bildern oder Filmen zum Gegenstand hatten, attestierte der psychiatrische Gutachter dem 24 Jährigen die »voll erhaltene Schuldfähigkeit«. Dass der Angeklagte bereits vom Amtsgericht Nidda im Sommer 2006 einschlägig verurteilt worden war und er weiterhin hartnäckig zu den Vorwürfen schwieg, veranlasste Staatsanwalt Maruhn in seinem Plädoyer, eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten ohne Bewährung zu beantragen: »Er zeigt keinerlei Reue und hat keine Nachsicht verdient.«

Anwalt Zwerentz sah dies anders. Er hielt ein Jahr Freiheitsentzug, ausgesetzt zur Bewährung, für angemessen. Ungerührt und ohne jegliche Regung verfolgte der Angeklagte die beiden Strafanträge. »Ich sag nix«, lautete seine Antwort auf Holls Hinweis, er habe, bevor sich das Gericht zur Beratung zurückziehe, das letzte Wort.

Ein Jahr und drei Monate - ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung, und eine Geldstrafe von 500 Euro, verkündete Holl nach einer halben Stunde den Schuldspruch. Ein Urteil, das Milde zeigte, die das Gericht bewusst nicht am Schweigen des Angeklagten festmachte.

Einzig und allein die Tatsache, dass sich der Angeklagte derzeit in einer Ausbildung befindet, wurde die Strafe zur Bewährung ausgesetzt. Zum anderen wollte man ihm aber auch das Gefängnis ersparen, da man sich nicht sicher ist, welche Zukunft ihn hinter Gittern erwartet. Allerdings werde man bei einem erneuten Vergehen darauf keine Rücksicht mehr nehmen, führte Holl aus.

»Das Urteil ist auch die Chance zur Therapie«, unterstrich der Richter abschließend. Die sei zwingend erforderlich, damit der 24-Jährige nicht wieder rückfällig werde. Dazu sei es allerdings erforderlich, dass sich der Verurteilte zu seinen Taten bekenne und freiwillig in Behandlung begebe.

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