05. Februar 2014, 19:23 Uhr

Bevor die Schuldenfalle zuschnappt

Karben (cf). »Hilfe zur Selbsthilfe« lautet das Motto der 2004 gegründeten Haushalts- und Schuldnerberatung der Arbeiterwohlfahrt Bad Vilbel (AWO). Seit Montag bieten die zehn ehrenamtlichen Schuldnerberater Bürgern ihre kostenlose und anonyme Hilfe auch in Karben an.
05. Februar 2014, 19:23 Uhr
»Kommen Sie rechtzeitig zu uns«, appellieren Ursula Bergmann, Jacques Indemans und Manfred Krah (vordere Reihe, v. l.) an die Betroffenen. Bürgermeister Guido Rahn (stehend, l.) und Hans-Joachim Hisgen freuen sich über das neue Angebot in Karben. (Foto: cf)

Jeden ersten Montag im Monat findet eine offene Beratungsstunde von 14 bis 15 Uhr in Raum 3 (EG) des Bürgerzentrums statt.

Zum ersten Beratungstermin kamen am Montag Bürgermeister Guido Rahn (CDU), der stellvertretende Vilbeler AWO-Vorsitzende Hans-Joachim Hisgen und drei Journalistinnen. Begrüßt wurden sie von den drei ehrenamtlichen Schuldnerberatern Ursula Bergmann und Jacques Indemans aus Bad Vilbel, die beide von Anfang an dabei sind, sowie von Manfred Krah aus Karben, der das AWO-Team seit einem Jahr unterstützt. Auf seine Initiative hin (»mir fiel auf, dass immer mehr Leute aus der ganzen Region nach Bad Vilbel kommen«) wurde die neue Beratungsstelle in der Karbener Stadtverwaltung eingerichtet.

Auch ohne Anmeldung

Die AWO Bad Vilbel bietet in Südhessen als einzige eine kostenfreie und anonyme Schuldnerberatung an. »Wir stellen den Raum mit Telefon und abschließbarem Schrank zur Verfügung, die AWO das Angebot«, sagte Rahn. »Das ist für beide Seiten eine Win-win-Situation. « Auf ihren Flyern werben die Berater dafür, sich bei Problemen, Notlagen und Schulden an sie zu wenden, bevor »die Schuldenfalle zuschnappt«. »Voranmeldungen zur offenen Beratungsstunde sind möglich, aber nicht verpflichtend«, sagte Ursula Bergmann.

Sie arbeitet im Führungsteam der Schuldnerberatung mit und ist Kontaktperson für Anrufer, die die Nummer 01 76/51 00 79 04 wählen. Die Schuldenfalle schnappt schnell zu, wissen die Berater aus ihrer langjährigen Praxis. Viele verschulden sich, um ihre Konsumwünsche durch geliehenes Geld zu erfüllen. Es gebe kaum ein Möbel- oder Versandhaus, ein Reisebüro oder einen Elektronikmarkt, der nicht mit Angeboten wie »Null-Prozent-Finanzierung« oder »Jetzt kaufen und erst in drei Monaten bezahlen« werbe.

Im vergangenen Jahr war fast jeder zehnte Deutsche überschuldet. Das sind fast 6,6 Millionen Menschen (Stand Juni 2013), die nicht in der Lage sind, ihre Zahlungsverpflichtungen in absehbarer Zeit zu begleichen. Zu diesem Ergebnis kam der Schuldneratlas 2013, der von der Wirtschaftsauskunft Creditreform herausgegeben wird. Die Gründe hierfür sind vielschichtig. So sind nicht nur Krankheit, Arbeitslosigkeit und Scheidungen Ursache, sondern auch die schnelle Verfügbarkeit von Kleinkrediten und Ratenzahlungskäufen, die gerade Menschen mit geringerem Einkommen oftmals den Weg in die Schuldenfalle vorzeichneten. »Unser Hauptklientel sind Menschen ab Ende 30. Jugendliche werden durch Handy- und andere Verträge Schuldner«, berichtete Ursula Bergmann. »Wir haben in unserer Vilbeler Beratungsstelle im Haus der Begegnung (HdB) im vergangenen Jahr 78 Leute beraten. Durchschnittlich hatten sie zwischen 10 000 und 30 000 Euro Schulden. Von ihnen haben wir 30 Prozent in die sieben Jahre dauernde Privatinsolvenz geschickt«, so die gelernte Industriekauffrau.

»Als ehrenamtliche Beratungsstelle dürfen wir die Klienten nicht in die Privatinsolvenz begleiten, sondern können sie nur über die Möglichkeiten informieren und den Weg dorthin aufzeigen«, berichtete der gelernte Hotelkaufmann Jacques Indemans. »Für Hartz-IV- und Sozialhilfe-Empfänger ist im Wetteraukreis je nach Region die Diakonie oder die Caritas zuständig. Für diese beiden Gruppen ist die Beratung kostenlos. Die Berater wickeln den Fall professionell bis zur Entschuldung mit den Betroffenen ab. Das können wir zeitlich als Ehrenamtliche nicht leisten«, betonte der gelernte Bankkaufmann Manfred Krah. Die meisten nutzten die Beratung der AWO nur einmal. »Wir erhalten in der Regel kein Feedback«, bedauerte Bergmann. »Leider kommen viele Menschen erst viel zu spät zu uns«, sagte Indemans. Um Hilfe anbieten und einen Neustart ermöglichen zu können, sollten sich die Betroffenen schnell, kompetent und kostenfrei bei der AWO Haushalts- und Schuldnerberatung beraten lassen. »Wir versuchen Leute früh anzusprechen«, betonte Hisgen. »Unser Schwerpunkt liegt auf der Prävention. Ich bin immer wieder erstaunt, dass junge Leute nicht wissen, was ein Haushaltsbuch ist«, berichtete Bergmann. Sie und ihr Team suchen weitere ehrenamtliche Mitarbeiter, gerne Rentner mit kaufmännischer Ausbildung. Diese bilde das Team in der Praxis aus.

Erreichbar ist die AWO Haushalts- und Schuldnerberatung unter der Nummer 01 76/51 00 79 04 sowie per E-Mail an info@schuldnerberatung-badvilbel.de. Sprechstunden sind montags von 9 bis 10 Uhr und mittwochs von 13 bis 14 Uhr im Haus der Begegnung, Marktplatz 2, in Bad Vilbel. Eine weitere Sprechstunde gibt es in Karben, und zwar jeden ersten Montag im Monat von 14 bis 15 Uhr in Raum 3 des Bürgerzentrums.



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