16. November 2010, 19:20 Uhr

Was die Frau vom Checkpoint Charlie wirklich erlebt hat

Karben (koe). Sie hat die Hölle erlebt: Jutta Fleck saß im Gefängnis in der DDR, sie hat ihre Kinder verloren und musste jahrelang große Ängste und viele Qualen überstehen. Bekannt wurde ihr Schicksal durch den Film »Die Frau vom Checkpoint Charlie«, mit Veronica Ferres in der Hauptrolle.
16. November 2010, 19:20 Uhr
Geschichte hautnah erleben: Autorin Ines Veith (l.) und Zeitzeugin Jutta Fleck (2. v.l.) diskutieren mit den Schülerinnen Anna, Daniela und Miriam (v.l.) aus der Jahrgangsstufe 13. (Foto: koe)

Karben (koe). Sie hat die Hölle erlebt: Jutta Fleck saß im Gefängnis in der DDR, sie hat ihre Kinder verloren und musste jahrelang große Ängste und viele Qualen überstehen. Bekannt wurde ihr Schicksal durch den Film »Die Frau vom Checkpoint Charlie«, mit Veronica Ferres in der Hauptrolle. Zusammen mit ihrer Freundin Ines Veith ist das gleichnamige Buch entstanden. Veith war damals Journalistin und ist auf das Schicksal der Mutter aufmerksam geworden. Beide waren am Dienstag zu Gast in der Kurt-Schumacher-Schule (KSS), um den Jugendlichen von einem Leben ohne Freiheit zu erzählen.

Die Schülerinnen und Schüler der 12. und 13. Klassen kennen die DDR nur aus Erzählungen oder Büchern. Sie sind um 1992 oder 1993 geboren. »Meine Eltern und Großeltern haben mir viel erzählt«, sagte Cora Meinecke. Zusammen mit ihrer Klassenkameradin Jasmin Götz hat sie die Diskussion organisiert, die sich nach der Lesung aus dem Buch und der Filmvorführung anschloss. Beide besuchen den Leistungskurs Geschichte bei Lehrerin Tatjana Moor-Freber. Im Unterricht sei man thematisch noch nicht bei der DDR angekommen, deshalb geschah die Organisation in Zusatzarbeit. »Es kommt anders an, wenn Zeitzeugen berichten können. Es ist subjektiv und gibt neue Einblicke«, so die Lehrerin.

Und diese Einblicke sind erschütternd, aufwühlend und unfassbar. Obwohl die Ereignisse erst 30 Jahre zurückliegen, können sich die Jugendlichen kaum vorstellen, was Fleck durchgemacht hat: Nach vielen gescheiterten Ausreiseanträgen aus der DDR vertraut die Familie einer Schlepperorganisation, doch der Fluchtversuch misslingt. Fleck wird von ihrem Lebensgefährten und ihren Kindern getrennt und kommt sofort ins Gefängnis. Die Kinder Claudia (11) und Beate (9) werden ins Heim geschickt. Als die Bundesrepublik Fleck schließlich nach 26 Monaten Haft freikauft, lehnt das DDR-Regime eine Familienzusammenführung ab. Fleck wehrt sich, geht in den gewaltfreien Widerstand. Tagelang harrt sie am Checkpoint Charlie aus - Auge in Auge mit den Grenzsoldaten der DDR. Sie hält ein Transparent hoch: »Gebt mir meine Kinder zurück!« Ihr wird nicht geholfen, sie bekommt massive Drohungen, muss um ihr Leben fürchten. Vier Jahre lang schwebt die Mutter zwischen Angst, Ohnmacht und Verzweiflung. Doch die Hoffnung hat sie nie aufgegeben.

Bei der Gedenkfeier zum 25. Jahrestag der Berliner Mauer richtet sie einen letzten Appell an die Bundesregierung: »Keine großen Sprüche! Vier Jahre Trennung sind genug.« 1988 kommt endlich das erlösende Signal aus Berlin - sie kann ihre Kinder wieder in die Arme schließen. Wie Fleck ihr Schicksal gemeistert hat, hat die Journalistin Ines Veith tief ergriffen. Sie hat sie direkt am Checkpoint kennen gelernt. »Wie man Angst überwinden kann und sich nicht von ihr lähmen lässt, lag mir immer am Herzen«, sagte die Autorin. Sie ist in Mecklenburg geboren und hat sich bis heute in zahlreichen Büchern und Drehbüchern mit dem Leben politischer Flüchtlinge aus der ehemaligen DDR befasst.

Beide Frauen setzen sich dafür ein, dass Jugendliche mit dem Thema in Berührung kommen: Fleck ist seit einiger Zeit Leiterin des Schwerpunktprojekts »Politisch-Historische Aufarbeitung der SED-Diktatur« in der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung in Wiesbaden. Das Land finanziert Veranstaltungen wie diese an der KSS und unterstützt Fahrten zur Gedenkstätte Hohenschönhausen in Berlin. »Hessen hat sich diesen einmaligen Schwerpunkt gegen das Vergessen geschaffen. Ohne die Mittel wären solche Vormittage nicht möglich«, resümierte Fleck.

Ein Ziel für die Schülerinnen und Schüler soll es sein, die unterschiedliche Art der Aufarbeitung zu erkennen. Es gibt ein Buch, eine Dokumentation und einen Spielfilm - und die wahre Geschichte der damals 35-Jährigen. Und über deren Leben und ihre Sicht der Dinge, wollen die Jugendlichen besonders viel erfahren.

Wie sie es geschafft hat, diese Zeit zu überstehen, wollten einige Jugendliche wissen. »Man muss sich wehren und darf nicht vor der Angst stehen bleiben«, gab ihnen Fleck mit auf den Weg.

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