17. Juni 2009, 11:02 Uhr

Psychische und physische Belastungen nehmen zu

Karben (jas). Sie sind Tränentröster und Zukunftsgestalter, Vorleser und Hosenwechsler, Kuschelbären, Organisatoren und manchmal auch Psychologen. Es ist viel, was von den Erziehern in Kindergärten und Horten gefordert wird. Doch die Anerkennung des vielschichtigen und anstrengenden Jobs durch gute Bezahlung und eine betriebliche Gesundheitsförderung fehlt. Seit mehreren Wochen kämpft die Gewerkschaft ver.di zusammen mit den Erziehern deshalb für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen.
17. Juni 2009, 11:02 Uhr
Die Erzieher des Kloppenheimer Kindergartens und Horts demonstrieren bei der Kundgebung aller Einrichtungen gemeinsam mit Kindern und Eltern für bessere Arbeitsbedingungen. Mit auf dem Bild ver.di-Sekretär Michael Hendrisch-Verseck (4.v.l.). (Foto: Stavenow)

Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, wurden die Kindergärten und Horte tageweise bestreikt. So auch in Karben, wo gestern wieder – bis auf einen Notdienst im »Wirbelwind« – die Kiga-Türen verschlossen blieben. Mit Plakaten, Tröten und rot-weißen Gewerkschaftsfahnen hatten sich die Erzieher aller städtischen Betreuungseinrichtungen auf dem Parkplatz gegenüber dem Bürgerzentrum versammelt, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Auch zahlreiche Eltern und Kinder hatten sich eingefunden, um Unterstützung zu signalisieren.

»Die Belastung für uns wächst ständig. Wir arbeiten immer mehr im Schichtdienst, haben häufig wechselnde Arbeitszeiten, und die Zahl der Kinder, die über Mittag bleiben, steigt«, schildert Christiane Peters von der Klein-Karbener Kita »Wirbelwind« die Lage. Sowohl die psychischen als auch die physischen Belastungen nehmen zu, betont die Gewerkschaft. Die Arbeitsintensität steige ebenso wie die Anforderungen und die Erwartungen, die an die Erzieher gestellt werden. »Die Rahmenbedingungen aber stimmen nicht«, so die Gewerkschaft. Folge sei eine große Zahl langfristiger Erkrankungen. Ein Tarifvertrag zur betrieblichen Gesundheitsförderung soll nun Abhilfe schaffen. »Es geht aber nicht nur um Rückenleiden und um Lärm. Es geht auch um die Frage, welchen Rang die sozialen Berufe bekommen«, steht auf einem Zettel, den Elke Bauer, Leiterin der Kloppenheimer Kita »Unterm Regenbogen«, an diesem Vormittag verteilt.

Ihre Kolleginnen aus dem Klein-Karbener Kinderhaus haben unterdessen ein selbst gemaltes Plakat aufgehängt. Ein Wunschbaum ist darauf zu sehen, auf den Blättern haben die Erzieherinnen das vermerkt, was sie für eine gute pädagogische Arbeit für unerlässlich halten. »Mehr Vollzeitstellen« hat jemand auf einem der grünen Zettel vermerkt, auf anderen steht »besseres Mobiliar«, »Wertschätzung«, »mehr Platz«, »Schalldämmung« und »Lob«. Alle hoffen, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer schnell zu einer Einigung kommen, aber so richtig glaubt niemand daran.

Auf ein baldiges Ende des Arbeitskampfes hoffen auch die betroffenen Eltern, die zwar grundsätzlich die Forderungen der Erzieher unterstützen, durch die Streiks aber auf eine harte Probe gestellt werden. Vor allem Familien, in denen beide Elternteile berufstätig sind, haben derzeit damit zu kämpfen, alternative Betreuungsmöglichkeiten zu organisieren. Oft helfen Nachbarn und Freunde sich gegenseitig oder Großeltern springen ein. Doch immer wieder müssen auch Babysitter bezahlt oder Urlaubstage genommen werden. Und je länger der Streik dauert, desto größer wird der Unmut – vor allem in den Kindergärten, die auch in der vergangenen Woche an zwei Tagen wegen des Streiks und am Mittwoch wegen des städtischen Betriebsausflugs geschlossen hatten.

Eine Liste, auf denen Eltern per Unterschrift ihre Solidarität bekundet hatten, brachten die Erzieherinnen des Kinderhauses mit zur Kundgebung. Auch Helga Sy von der Okarbener Kita »Im Niederfeld« lobte »ihre Eltern« und deren Unterstützung. »In der vergangenen Woche haben wir montags nicht gestreikt, um den Eltern entgegenzukommen. Wir wollen sie schließlich nicht verärgern.« Ebenso war auch der Hort »Sternenkinder« verfahren, der den Streik montags und dienstags ausgesetzt hatte. »Die Elternreaktion ist klasse. Viele wünschen uns Erfolg«, sagt Hortleiterin Vera Stiller-Faida. »Auch bei uns ist die Unterstützung voll da«, betont Waltraud Roß, deren Einrichtung in Rendel am Dienstag den dritten Streiktag hatte.

So viel Verständnis die Eltern für den Streik auch haben, so wenig Verständnis haben sie dafür, dass bereits gezahlte Kindergartengebühren und Essenskosten von der Stadt nicht zurückerstattet werden. Doch die Verantwortlichen winken ab: Die Elternbeiträge zählen zu den öffentlich-rechtlichen Gebühren, die auch bei Schließungszeiten anfallen. Daher werde nichts zurückgezahlt.

Mit einer deutlichen Aufforderung hat sich der Stadtelternbeirat an die Stadt gewandt. »Gerade in den Kindergärten gewinnt eine qualitative Bildungsarbeit immer mehr an Gewicht. Auch die Horte leisten einen sehr guten Beitrag, dass viele Grundschüler die steigenden Anforderungen gut meistern. Obwohl es keine vollen Kassen mehr gibt: In unsere Jüngsten sollten wir investieren!«, schreibt der Vorsitzende Dirk Zager in einem Brief, »das geht nicht für lau. Zu bedenken ist insbesondere, dass gerade die Menschen, die auf verlässliche und qualitativ gute Betreuung ihrer Kinder angewiesen sind, zurzeit am meisten unter den Streiks leiden. Hier bitte ich Sie um Ihre Unterstützung.«

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