05. März 2008, 15:36 Uhr

»Weibliche Lebenswege als Vorbilder«

Karben (mja). »Frauenwahlrecht!« steht auf der Zeitung vom August 1918. Endlich dürfen Frauen auch das, was Männer schon lange dürfen. Endlich sind sie gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft – zumindest auf dem Papier.
05. März 2008, 15:36 Uhr
Die Auszubildenden des BBW Südhessen (v.l.) Kim Lege, Tabea Reitz und Irina Krah bei der Lesung zum Weltfrauentag im Café des Seniorenzentrums. (Foto: Jaeger)

Knapp 90 Jahre später ist das Thema immer noch aktuell: Der internationale Frauentag soll auf die Probleme der Geschlechter hinweisen. Ein guter Anlass, das Literarische von Frauen näher zu erkunden. Das Berufsbildungswerk Südhessen (BBW) lud am Dienstag ins ASB-Altenzentrum zu »Frauen – Biografien – Literaturen« ein.

»Weibliche Lebenswege als Vorbilder« – sagte Ulrike Mai vom BBW zu Anfang – seien besonders für Frauen auch heute noch von großer Bedeutung. Der Raum des ASB war mit knapp 50 Personen gut gefüllt – mit knapp 50 Frauen, wohlgemerkt. Zwar wurden die Männer zu der Lesung nicht ausgeschlossen, aber Frau machten sich lieber alleine auf den Weg zu den weiblichen Biografien. Nur ein männlicher Techniker und ein Kellner hatten es als einzige Männer zu den Damen geschafft.

Der Abend bot drei Mädchen des BBW, die gerade dort eine Ausbildung machen, die Möglichkeit, ihre erste kleine Lesung zu halten. Alle drei schreiben sie gerne und viel. Allein schon worüber sie schreiben, regt zum Nachdenken an: Es sind ausschließlich negative und schwierige Themen, die angesprochen wurden.

Kim Lege erzählt in ihrer Geschichte »Ein Nordlicht« den Lebensweg von Manuela. Sie wird geschlagen, nicht geliebt, mit einem Mann verheiratet, der trinkt und nicht weniger brutal ist als ihr Vater. Schließlich holt sie ein Arbeitskollege aus diesem Leben heraus. Doch so richtig glücklich wird Manuela nie.

Tabea Reitz, die die Unterstufe besucht und eine Ausbildung zur Bürokauffrau macht, trug ihr Gedicht »What I would like to say« zusammen mit ihrer Freundin Lege vor. Lege auf Deutsch, Reitz auf Englisch: eine Anklage an all die Menschen, die der Autorin einmal wehgetan haben.

Weibliche Literatur hat auch immer ein wenig mit Vorurteilen zu kämpfen: Sie sei seichter und harmloser als die von Männern. Und tatsächlich gibt es nur »Frauenromane«, aber keine »Männerromane« oder »Männergeschichten«. Am Eingang des Altenzentrums konnte eben diese Literatur gekauft werden, offiziell als »weibliche Literatur« getarnt – zwar war auch das ein oder andere seichte Buch dabei. Doch neben Cecilia Ahern lagen auch andere Romane und Erzählungen, zu denen Männer vielleicht gegriffen hätten, wenn sie an diesem Abend da gewesen wären.

Ida Todisco, die im BBW arbeitet, las einen Teil aus ihrer Erzählung »Zwischen den Jahren« vor. Zwei Freundinnen verlieren sich aus den Augen, finden nach Jahren wieder zusammen und es kommen alle möglichen Erinnerungen auf, an die man zuvor Jahre nicht gedacht hatte.

Den Abschluss der selbstverfassten Geschichten machte Irina Krah, die nach eigener Aussage Gedichte schreibt, um sich mit ihrer Krankheit besser zu arrangieren. Sie lese gerne Hermann Hesse und überall schnappe sie etwas auf, was sie dann sofort aufschreiben müssen, weil es vielleicht eine Idee für ein neues Gedicht von ihr sein könnte.

Vorsichtig wird der sitzenden Dame das Mikrofon gegeben, die dann klar und deutlich sagt: »Mein Name ist Elisabeth Wilhelmi.« Sie kam erst vor kurzen in das Altenzentrum nach Karben, zusammen mit ihrem Ehemann. »Wir hatten es nicht leicht«, stellte Wilhelmi gleich zu Anfang ihrer mündlich erzählten Biografie klar. Ihr leichter Akzent verriet ihre Herkunft: Aus Oberschlesien kam die 1922 geborene nach dem Zweiten Weltkrieg als Vertriebene nach Hessen. Von ihrem Mann wurde sie getrennt, er geriet in russische Gefangenschaft und kam erst Jahre später wieder zu ihr. Sie hatten das Problem, eine Wohnung in Karben zu bekommen. »Wer will schon einen Flüchtling?« Also schlug Wilhelmi ihrem Mann vor, ein Haus zu bauen. »Es war nie leicht für uns. Im Januar kam mein Mann hier ins Zentrum, im März ich. Leider wurden wir getrennt«, sagt Wilhemli mit fester Stimme.

Doch sie bringt zum Schluss die Frauen und die Männer, die an diesem Abend nicht anwesend waren, wieder zusammen: »Wenn Mann und Frau zusammenhalten, schafft man alles.«

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