16. April 2015, 19:03 Uhr

Mit großen Ohren lauschen

Karben (jas) Die beiden Damen haben nicht nur bunt gefärbte Haare, sondern auch große Ohren. Warum? Damit sie gut zuhören können natürlich. Denn darin sind Lilo Lausch und ihre Schwester wahre Meister. Die Filz-Tiere besuchen seit Kurzem die Kloppenheimer Kita und zeigen dort den Kindern, dass man allerhand Neues erfährt, wenn man anderen nur richtig zuhört.
16. April 2015, 19:03 Uhr
Simone Groos mit Lilo Lausch (Foto: Janine Stavenow)

Keine Frage: Wenn es um Beliebtheit geht, dann haben die beiden Elefantendamen mit den grell gefärbten Haarspitzen und den großen Ohren in kürzester Zeit so manchem Erzieher den Rang abgelaufen. Die Frauen und Männer, die sich in der Kloppenheimer Kita »Glückskinder« um den Nachwuchs kümmern, können damit allerdings gut leben. Denn Lilo Lausch und ihre filzige Zwillingsschwester sind eine wahre Bereicherung für die Einrichtung. Vor drei Wochen ist die Handpuppe eingezogen, gestern folgte die zweite, die bereits sehnlichst erwartet wurde. Denn die beiden Tiere haben eine große Gabe: Sie können ganz besonders gut zuhören. Wie das geht und welche Vorteile es bringt, andere ausreden zu lassen, genau zu lauschen, was sie zu sagen haben, und zu erfahren, wie in anderen Ländern gesprochen wird, das wollen sie den »Glückskindern« jetzt beibringen.

Den Einzug der Elefanten vorbereitet hatte die Karbener Bürgerstiftung. Peter Mayer und Ernst Decker vom Vorstand hatten vom Pilotprojekt »Lilo Lausch – Zuhören verbindet« der Stiftung »Zuhören« erfahren, das speziell auf Kitas mit einem hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund zugeschnitten ist. Nach Rücksprache mit Bürgermeister Guido Rahn schlug man die »Glückskinder« sowie das Kinderhaus in Klein-Karben vor, in dem laut Rahn etwa 80 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund haben. 30 Kitas wurden schließlich für ein Stipendium ausgewählt, beide Karbener Einrichtungen waren dabei – als erste in Hessen überhaupt. »Wir haben uns riesig gefreut«, sagt Decker, und auch Kita-Leiterin Vera Stiller-Faida ist begeistert. Finanziert wird das Projekt zum größten Teil von der Vodafone-Stiftung. 1000 Euro pro Kita kosten die drei ganztägigen Fortbildungsseminare sowie die Materialbox, die mit zahlreichen Büchern, CDs und der Handpuppe gefüllt ist. »850 Euro zahlt die Vodafone-Stiftung, 150 Euro die Bürgerstiftung.«

Wie es ausgerechnet mit zwei Filz-Elefanten gelingen soll, den Kindern die Bedeutung des Zuhörens beizubringen und damit auch die Konzentrationsfähigkeit und Sprachkompetenz zu fördern, erläuterte Simone Groos von der Stiftung »Zuhören«, die beim HR angesiedelt ist. »Das Zuhören ist der Schlüssel zur Welt. Unterschiedliche Sprachen sehen wir als Schatz, die Vielfalt muss wertgeschätzt werden.« In einem ersten Schritt spreche man die Eltern an, und zwar in ihrer Erstsprache. Wohl bisher einmalig ist dabei der akustische Elternbrief, den es in 17 Sprachen gibt. »Das Projekt wird vorgestellt, die Eltern werden in die Kita eingeladen, um Lilo Lausch kennenzulernen«, erklärt Groos. Die Eltern kommen dann in ihrer Heimatsprache mit den Kindern in Kontakt, die Kinder wiederum erfahren etwas von fremden Kulturen, hören, wie Persisch, Türkisch oder Spanisch klingt. Geschichten werden sowohl in der fremden Sprache als auch in Deutsch gelesen, denn die Möglichkeit, sich in Deutsch ausdrücken zu können, ist weiteres erklärtes Ziel. »Fühlen die Eltern sich angenommen, trauen sie sich mehr zu. Ängste werden abgebaut, ein Austausch zwischen ihnen und den Erziehern kommt in Gang«, sagt Groos. Die Integration falle leichter, auch den Kindern. »Lilo ist eine Identifikationsfigur, ein Türöffner«, betont Groos. Stiller-Faida kann das nur bestätigen: »Vor allem schüchterne Kinder, die mit den Erziehern wenig sprechen, flüstern Lilo ganz gerne mal etwas ins Ohr.«

Hörclub geplant

Erste Bekanntschaft mit dem Dickhäuter haben bei den »Glückskindern« die Vorschulkinder gemacht. Regelmäßig treffen die Schulanfänger gemeinsam mit den Erziehern Christine Breutling und Jonathan Gerland Lilo, die zwar lärmempfindlich ist, aber gut lauschen kann. Die Mädchen und Jungen begrüßen einander in Deutsch und anderen Sprachen, lösen Geräuschrätsel, sehen zweisprachige Bücher an und tauschen Worte aus. Lilos Zwillingsschwester wird demnächst in den Morgenkreisen der Kita zu Gast sein, die von Kindern aus 30 Nationen besucht wird. Geplant ist außerdem ein Hörclub, den acht Kinder mit ausländischen Wurzeln besuchen – vertreten sind Länder wie Somalia, Japan, England, Marokko, Thailand und Sibirien.



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