05. Mai 2011, 10:35 Uhr

Der »Indiana Jones« vom Glauberg

Glauburg. Werner Erk hat schon früh begonnen, sich für die Geschichte seiner Heimat zu interessieren. In der Schule lauschte er den Sagen vom Glauberg, später gründete er den Kultur- und Heimatverein. Der Höhepunkt des Hobby-Archäologen: 1988 entdeckte sein Team Silhouetten in einem Feld. Es war das Grab des Keltenfürsten. Die Statue ist ab sofort im neuen Keltenmuseum zu besichtigen.
05. Mai 2011, 10:35 Uhr
Das Originalfoto aus dem Jahr 1988: Bei genauerem Hinsehen kann man die sichelförmigen Silhouetten entdecken.

Vielleicht ist Werner Erk die Liebe zum Glauberg sprichwörtlich in die Wiege gelegt worden, schließlich brachte ihn eine Hebamme vor 62 Jahren unweit des historischen Ortes zur Welt. Wenn die Heimatliebe nicht schon in der Wiege lag, entwickelte sie sich spätestens in der Schulzeit.

In den ersten Jahren hatten zwei Lehrer die Sagen und Erzählungen vom Glauberg an die Kinder weitergegeben. Wenn sich Erk im Unterricht langweilte, schaute er sich die Bilder des Heimatvertriebenen Adolf Günther an den Wänden an. Sie zeigten, wie die Ehefrauen der besiegten Ritter vom Glauberg ihre Männer aus der brennenden Burg tragen, oder wie ein Schäfer einen Schatz findet.

Der Untergang der Burg sei ein Glück für die heutigen Archäologen, erklärt Erk, den seit der Schulzeit die Geschichte seiner Heimat nicht mehr loslässt. Anders als die meisten mittelalterlichen Siedlungen seien die historischen Reste nicht überbaut worden. »Die Keltenforscher jammern natürlich, dass die Mittelalterleute alles überbaut haben«, lacht Erk.

Während seines Studium s der Wirtschaftswissenschaften in Frankfurt beschäftigte sich Erk intensiver mit dem Glauberg. In der Bibliothek fand sich umfangreiche Literatur zum Thema.

Archäologie nur als Hobby

Den Gedanken, sich auch beruflich mit der heimatlichen Burg zu beschäftigen, verwarf er schnell. »Archäologie ist nur als Hobby interessant. Als Beruf führt sie fast zwangsläufig in die Arbeitslosigkeit.« Auch sei die Arbeit nicht so aufregend wie bei Indiana Jones. »60 Prozent der Zeit sitzt du in der Bibliothek und vergleichst.«

Zusammen mit Adolf Günther, der in Glauberg eine neue Heimat gefunden hatte, beschäftigte sich Erk jedoch weiter mit der Geschichte. Günther hatte bereits in den Nachkriegsjahren intensiven Kontakt zu Heinrich Richter, der in den 30er Jahren auf dem Glauberg gegraben hatte. Die Nationalsozialisten hofften, dort Spuren wehrhafter Germanen zu finden. Doch die Geschichte, nach der sie suchten, rissen sie bei Kriegsende mit in den Untergang. Bei Rückzugsgefechten verbrannten am Glauberg unschätzbare Funde. Manches zeichnete Günther später aus Richters Erinnerung.

Aus der Beschäftigung mit der eigenen Geschichte entstand Anfang 1975 der Heimat- und Geschichtsverein mit Günther und Erk als Vorsitzende. Nach einem Schlaganfall Günthers rückte Erk an dessen Stelle. In drei Jahren will Erk den Vorsitz abgeben: »Man muss auch manchmal ein bisschen Platz machen, damit neue Ideen und neue Leute kommen.«

Anfangs führte der Verein ein Heimatmuseum. Auf 20 Quadratmetern wurden traditionelle Geräte der bäuerlichen Kultur und des Handwerks gezeigt. Das Ziel sei jedoch gewesen, den Glauberg als Bodendenkmal zu erhalten und die Forschungsergebnisse zusammenzutragen. Denn die waren seit der Zerstörung des Glaubergmuseums durch die Nationalsozialisten über ganz Hessen verstreut. Auch bedrohten verschiedene Überlegungen für Freizeiteinrichtungen am Glauberg das Denkmal.

Mit zunehmender Zeit beschäftigte sich der Verein mehr und mehr mit Ge schichte und Archäologie. Das erste Mal erlangten die Mitglieder Mitte der 80er Jahre überregionale Bedeutung, als sie beschlossen, die Mauerreste der Enzheimer Pforte, die fast abgetragen war, wieder aufzumauern. Die Arbeiten mussten wissenschaftlich begleitet werden, da zumindest mit kleineren Funden zu rechnen war.

»Wir haben erfahren, dass es ein heftiges Scharren an den Universitäten gab, wer am Glauberg graben durfte«, berichtet Erk. Denn einerseits waren die Archäologen durch Rettungsgrabungen bei Bauvorhaben ausgelastet, anderer seits waren sie neugierig, was an der seit dem Mittelalter weitgehend unberührten Stauferburg zu finden sei. Die Arbeiten des Heimat- und Geschichtsvereins waren also ein willkommener Anlass.

3,1 Tonnen Keramik gefunden

»Der Heimatverein hat es immer verstanden, Wissenschaftler neugierig zu machen«, beschreibt Erk die Rolle der Mitglieder. »Anstöße geben, mehr kann ein Laie nicht tun.« Weil man an der Enzheimer Pforte, an der auch Richter bereits gegraben hatte, nicht viele Funde erwartete, durfte der Grabungstechniker Norbert Fischer zusammen mit Erk und einigen älteren Mitgliedern des Vereins den Bereich untersuchen. »Eine Rentnerband, weil man dachte, in sechs Wochen ist das erledigt«, amüsiert sich Erk noch heute über den Beginn der jüngeren archäologischen Grabungen. »Das war ein Irrtum.«

Allein 3,1 Tonnen Keramik, die vor allem für Altersbestimmungen wichtig sind, wurden gefunden. Diese Grabung gab den Anstoß für 14 folgende Kampagnen auf den Spuren des Mittelalters und der Kelten.

Auch zu dem Keltenmuseum und -Forschungszentrum, das an diesem Wochenende eröffnet wird, hätten die Laien - gegen die Auffassung der Fachwelt - den Anstoß gegeben. »Nördlich der Mainlinie gibt es keine Fürstengräber«, gibt Erk die früher herrschende Überzeugung wieder.

Kreisrunde Schatten gesichtet

Angeregt durch Dietwulf Baarz, den früheren Saalburgdirektor, habe der Verein bereits Mitte der 80er Jahre begonnen, Luftbilder auf der Suche nach Bodendenkmälern aufzunehmen. 1987 berichtete Alois Chlopczik, er habe kreisrunde Schatten in einem Feld südlich des Glaubergs gesehen. Im Folgejahr entdeckte Erk diese Spuren wieder.

Doch zunächst gab es beim Landesamt für Denkmalpflege keine Reaktion auf die Luftbilder. Erst nach mehreren Jahren, in denen Erk immer wieder neue Bilder nach Wiesbaden schickte, ordnete der Landesarchäologe Dr. Fritz-Rudolf Lang 1994 eine Grabung an. Auch hier erwartete man laut Erk nicht viel. Denn selbst wenn es sich bei der Struktur um ein Grab handeln sollte, sei es mit Sicherheit geplündert worden.

Doch der Grabungstechniker Andreas Striffler, für den der Glauberg eine Art Abschlussarbeit seiner Ausbildung war, fand nach Wochen erste Grabbeigaben, wie die bronzene Schnabelkanne. Die größte Sensation war jedoch nicht aus Gold und Silber, sondern eine lebensgroße Sandsteinstatue. Im Lauf der Jahre, und auch unterstützt vom Zufall, wurden schließlich mehrere Gräber und vier der ansonsten ausgesprochen seltenen Statuen gefunden.

Zwei Skelette entdeckt

Erk und der Heimat- und Geschichtsverein haben aber auch nach diesen aufsehenerregenden Funden nicht aufgehört, Anstöße zu geben. Als das Baugebiet Hunzgrund in Glauburg am Hang des Berges ausgewiesen wurde, habe die Fachwelt kein Interesse an einer Grabung gehabt. Schließlich erhielt der Verein zusammen mit einem Fachmann eine Grabungsgenehmigung. Das Ergebnis waren nicht nur zahlreiche Silogruben, sondern auch ein männliches und ein weibliches Skelett, die in merkwürdig verrenkter Haltung offenbar zur Zeit des Keltenfürsten bestattet worden waren.

Mit etwas Stolz berichtet Erk abschließend von seiner Frau. »Ohne die wäre das Museum vielleicht nicht an den Glauberg gekommen.« Anfangs habe sie immer etwas wegen des Hobbys ihres Mannes gebrummt. Doch als die Diskussionen begannen, dass die Funde vom Glauberg womöglich fern der Heimat ausgestellt würden, habe sie 170 Zeitungsartikel über den Fund an den damaligen Wissenschaftsminister Udo Cohrts geschickt. Der bedankte sich anschließend bei Erks Frau schriftlich, sie habe ihm die Meinung des Volkes vermittelt.    Oliver Potengowski



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