25. Oktober 2019, 19:17 Uhr

Zwischen den Zeilen tiefe Menschlichkeit

25. Oktober 2019, 19:17 Uhr
Andrej Seuss präsentiert im Klosterbau vor dem Rausch-Porträt von Andreas Walser sein Buch über eine intime Künstlerfreundschaft. (Foto: Jürgen Wagner)

Paris, 1929. Ein Friedberger Schriftsteller und ein Schweizer Maler, beide homosexuell, treffen aufeinander. Nur kurz währt die Freundschaft. Der Maler stirbt an einer Überdosis Drogen, der Schriftsteller bewahrt die Erinnerung an den Freund in Büchern und erweist sich in Briefen an dessen Eltern als Aufklärer gegen Homophobie. Andrej Seuss zeigt in einem Buch eine bislang eher unbeachtete Seite des Büchnerpreisträgers Albert H. Rausch alias Henry Benrath. Und er gewährt einen intimen Einblick in die Pariser Künstlerszene.

Band 49 der Wetterauer Geschichtsblätter von 2002 trägt den Titel »Albert H. Rausch - Henry Benrath. Ein vergessener Dichter?«. In der Bibliografie am Ende von Seuss’ Buch »Nur das eine, furchtbare - Andreas ist tot! Die kurze Freundschaft zwischen Albert H. Rausch und Andreas Walser« fehlt das Fragezeichen. Das fiel Lothar Kreuzer auf, dem Vorsitzenden des Friedberger Geschichtsvereins, der am Donnerstag zur Buchpräsentation in den Klosterbau eingeladen hatte. Heute ist Benrath tatsächlich fast vergessen. »Ist jemand von der Henry-Benrath-Schule hier?«, fragte Seuss in die Runde. Es folgte Stille.

Wer den lebendigen Vortrag verpasst hat, kann auf das Buch zurückgreifen, das den Ästheten Rausch und Walser gefallen hätten. Das Druckbild ist vorzüglich, die farbigen Bildtafeln mit Gemälden und Zeichnungen haben eine hervorragende Qualität. Aber es ist vor allem die Lektüre, die lohnt.

Seuss, Lehrer an der Gesamtschule Konradsdorf und im Alten Hallenbad in der Kultur-AG aktiv, hat 1999 ein Radio-Feature beim HR über Rausch/Benrath veröffentlicht. Seit 2018 betreut er ehrenamtlich das Henry-Benrath-Archiv im Stadtarchiv. Auch andere Archive hat er nach Quellen durchforstet. Anhand von Briefen schildert er eine kurze, aber tiefe Freundschaft zweier Künstler auf der Suche nach dem Unbedingten.

In Paris trifft Walser Künstler wie Pablo Picasso oder Jean Cocteau. Der Drogenrausch verschafft ihm einen (kurzen) Schaffensrausch, der 26 Jahre ältere Albert H. Rausch warnt ihn davor. Vergeblich. Am 27. März 1930 schreibt er dem Friedberger Freund Wilhelm Hans Braun ein Telegramm, das Seuss im Titel seines Buches zitiert. Rausch machte keinen Hehl aus seiner Homosexualität, die damals als Verbrechen galt. An Walsers besorgte Eltern schrieb er: »Homosexualität ist eine Grundanlage, welche mit Ethos gar nichts zu tun hat; dass einer in ›homosexuellen Einfluss‹ kommen könne, ist völlig unmöglich.« Weder Andreas Walser noch dessen Freunde sei ein Vorwurf zu machen, schreibt Rausch. Soll heißen: Homosexualität ist eine ganz natürliche Sache.

Zuweilen greifen die Freunde im Briefverkehr auf Codes zurück. Das zeigt ein Brief Walsers an eine Freundin, wo es heißt: »›Werde, der du bist‹, sagt Nietzsche.« Das ist eine Paraphrase des Untertitels von Nietzsches Buch »Ecce Homo«, der den griechischen Dichter Pindar zitiert. Beide Phrasen - »Werde, der du bist« und »Ecce Homo« - gelten in der Schwulenszene als offene Geheimcodes, die auf die sexuelle Selbstbestimmung des Individuums abzielen.

Verwendung von Geheimcode

Im »Requiem«, einem von drei Büchern, in denen Rausch an Walser erinnert, schreibt er über Walsers Atelier: »Sehr bald jedoch erkannte ich: hier sucht der dämonische Wille eines Menschen - Schritt um Schritt, Nuance um Nuance - durch ›Leistung‹ zu erreichen, was dieser Mensch - unterbewusst - schon als (vorausgenommene) Prägung verkörpert.« Das »Outing« von Homosexuellen ist so gesehen eine Notwendigkeit und bereits in der Person angelegt, die nur dem Motto »Werde, der du bist« zu folgen braucht.

Seuss ist ein intimer, aber von großem Respekt getragener Blick auf Albert H. Rausch gelungen. Dieser sei wohl »als Mensch nicht ganz einfach« gewesen, habe antidemokratische Überzeugungen zum Ausdruck gebracht. Die Nähe zum Nationalsozialismus, wie sie Christian Hartmeier zuletzt beschrieben hatte, hält Seuss für »etwas überzogen«. Rauschs permanente »Selbstüberhöhung« nennt er »unerträglich«. Dennoch lohne die Beschäftigung mit diesem Autor, der in seinen Briefen eine tiefe Menschlichkeit zeige.

Andrej Seuss: Nur das Eine, furchtbare - Andreas ist tot! Die kurze Freundschaft zwischen Albert H. Rausch und Andreas Walser, Edition Clandestin, 116 Seiten, 16 farbige Bildtafeln, 29 Euro.

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