06. November 2018, 20:51 Uhr

Zwischen Himmel und Hölle

06. November 2018, 20:51 Uhr
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Von Gerhard Kollmer
»Ich bin nicht als Reporter unterwegs«, sagt Andreas Altmann. (Foto: gk)

Andreas Altmann war viel unterwegs in der Welt und schrieb als Reporter darüber. Die Lesung aus seinem neuen Buch »In Mexiko – Reise durch ein hitziges Land« in der Ovag-Hauptverwaltung im Rahmen von »Friedberg lässt lesen« beginnt mit dem Satz: »Ich bin nicht als Reporter unterwegs«. Der in Paris lebende Autor will alles, nur keine herkömmlichen Reportagen (mehr) schreiben. Stattdessen soll in 127 kaum mehr als zwei Seiten langen »Momentaufnahmen« Mexiko als Land der extremen Gegensätze und Widersprüche lebendig werden, Kontur gewinnen. Landeskundliches, Historisches, Politisches fehlen. Dafür wird der Leser durch eine Reihe meisterhafter Kurzporträts von Menschen vorwiegend aus der Unterschicht mehr als »entschädigt«. Aus vielen kleinen Splittern (manche wie Diamanten funkelnd) ersteht ein schillerndes Kaleidoskop, das sich jeder genaueren Beschreibung entzieht. Scheinbar Banales wie die Begegnung mit dem alten »Platon« in Chiapas, der im klapprigen Überlandbus aus seinem Leben erzählt, steht der erschreckenden Schilderung eines Mannes in Acapulco gegenüber, dessen Sohn von der Drogenmafia ermordet wurde. Das Lachen über den im schönsten Tremolo von Liebe, Lust und Leidenschaft singenden kleinen Jungen auf einem Markt in Monterrey bleibt im Halse stecken, weil der Zuhörer unmittelbar darauf in wenigen drastischen Sätzen von der unvorstellbar brutalen Herrschaft der Drogenkartelle in etlichen Bundesstaaten des großen Landes erfährt. Jährlich Tausende, meist ungesühnte Morde; hilflose, korrupte Behörden, nicht fähig und willens, dieser das ganze Land wie Mehltau überziehenden Pest ein Ende zu bereiten. »Der IS ist ein SOS-Kinderdorf dagegen«. Latente und manifeste Gewalt sind allgegenwärtig in Mexiko mit seinen vielen wunderschönen Altstädten aus der Kolonialzeit, den atemberaubenden Landschaften und vor allem Menschen, die sich ihren Stolz und Lebensmut nicht rauben lassen. Altmanns Vortragsstil ist ungemein faszinierend, fast suggestiv.

Er liest wenige Absätze, kommentiert das eben Gelesene, schweift scheinbar ab, behält den Finger aber ständig am Puls. Und erzählt dabei über sich: »Reisen ist auch eine Reise nach innen. Wer hier entlangreist, wird gleichzeitig an einem Crashkurs zum Thema ›Wer bin ich?‹ teilnehmen«, heißt es im Vorwort seines Buches.

Glücklich trotz Armut

Eine alte halbblinde Bettlerin stolpert zwischen langen Reihen stinkender und hupender Autos herum; eine Prostituierte im Rotlichtviertel erzählt von ihrem trostlosen Beruf; Raoul, der Schuhputzer, nennt sich trotz bitterer Armut einen glücklichen Menschen: Die Begegnungen mit diesen Menschen hinterlassen bleibende Spuren. »Ich hatte einmal mehr begriffen, dass mich das Land mit keinem Gefühl, keinem Schmerz, keiner Freude und keinem Staunen verschonte.« Mit diesem Fazit endet ein zugleich verstörendes und bewegendes Buch, das den Leser beziehungsweise den Hörer nicht unberührt lässt. Der langanhaltende Applaus des zahlreich erschienenen Publikums nach 70 intensiven Minuten legte beredtes Zeugnis davon ab.



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