15. Oktober 2019, 20:32 Uhr

Zuhörer dürfen Themen vorgeben

15. Oktober 2019, 20:32 Uhr
Die Atmosphäre beim Konzert hat Prof. Hans-Jürgen Kaiser so gut gefallen, dass er nach der Veranstaltung strahlt. (Foto: pv)

. Die Konzertbesucher in der St.-Bonifatius-Kirche konnten wieder einmal erleben, welche Klangfülle in ihrer Orgel steckt: Prof. Hans-Jürgen Kaiser hatte sein Gastspiel unter das Motto »Veni Creator« gestellt und dafür Werke ausgewählt, die wie gemacht für die Bad Nauheimer Link-Orgel erschienen. Hingerissen vom ebenso rasanten wie einfühlsamen Spiel des Organisten vom Hohen Dom zu Fulda spendeten die Zuhörer lang anhaltenden Beifall.

Fulda war im frühen Mittelalter eine Kirchenmetropole von europäischer Bedeutung. Hier hatte Hrabanus Maurus als Mönch und Abt des Klosters gewirkt und zum Konzil in Aachen im Jahre 809 den Hymnus »Veni Creator Spiritus« (Komm Schöpfer Geist) verfasst, der seither vielfach vertont wurde. Diese bedeutsame Orgelhistorie hatte Prof. Kaiser seiner Werkauswahl für sein Nauheimer Konzert zugrunde gelegt und Kompositionen der französischen Komponisten Jehan Titelouze, Nicolas de Grigny und Maurice Duruflé ausgewählt, welche diesen berühmten Hymnus mit den jeweiligen stilistischen Mitteln ihrer Zeit bearbeitet hatten. In diesen Werken konnte der Domorganist die ganze Bandbreite der Bad Nauheimer Link-Orgel mit ihrer französischen Disposition entfalten: Flötende Kantilenen wechselten mit dröhnenden Posaunenklängen, getragene Melodien mit rasend schnell eilenden Läufen. Durch den Einsatz des Schwellwerks erzielte der Virtuose variable Echo-Effekte und brachte so jedes dieser Orgelwerke als überraschend abwechslungsreiche Kompositionsfolge zu Gehör. Und er ließ es sich nicht nehmen, Johann Sebastian Bach in die Mitte seines Konzertes zu stellen, hatte dieser doch mit »Komm Gott Schöpfer, Heilger Geist« ebenfalls den Hymnus vertont. Der Solist schloss daran Bachs bekannte »Toccata und Fuge d-Moll« an - zur großen Freude und Begeisterung der Zuhörer.

Doch damit nicht genug: Hans Jürgen Kaiser ist Professor für Orgel-Improvisation an der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität. Und so konnte sich etwas im Rahmen der »Konzerte an St. Bonifatius« noch nie Dagewesenes ereignen: Die Zuhörer durften dem Organisten Themen für eine Improvisation vorgeben. Zwei Pfingstchoräle und ein Osterchoral standen auf der Wunschliste, die der Meister dann grandios zu einem umfangreichen Spontan-Werk zusammenfügte. Dabei zeigte sich Kaiser in allen nur denkbaren Techniken bewandert und auf der Höhe seiner Zeit. Besonders in seiner Improvisation über »Christ ist erstanden« wurde dies geradezu erschütternd deutlich, als sich nach einem impressionistischen Klangszenario über die Martern Christi aus hingeschleuderten Klangfetzen, eruptiven Staccati und schrillen Clustern schließlich das strahlende Thema erhob.

Publikum ist begeistert

Die atemberaubende Technik und feine Subtilität des Domorganisten sind an sich schon außergewöhnlich genug - doch verbunden mit seiner bewundernswerten Hingabe an die Musik gelang es ihm bei dieser Improvisation, die Orgel zum raumfüllenden Schwingen zu bringen und seine innere Vorstellung von Musik Klang werden zu lassen. Prof. Kaiser hatte als Konzertabschluss Maurice Duruflés »Adagio et Choral varié sur le thème du veni creator« gewählt, und dessen sechs Variationen ließen noch einmal alle Klangmöglichkeiten aufblühen.

Das begeisterte Publikum brachte dem Domorganisten Standing Ovations, und dieser spielte als Zugabe einen Satz aus Mendelssohns Orgelsonate Nr. 4. Dass Regionalkantorin Eva Maria Anton den berühmten Kollegen für das Gastspiel in St. Bonifatius hatte gewinnen können, kommentierte ein Zuhörer so: »Heute war ein großer Tag für Bad Nauheim.« Henning Stahl

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