30. September 2019, 05:00 Uhr

Kein WC

Züge ohne Toilette fahren weiter - bis Ende 2022

Man steigt in den Zug nach Gelnhausen und muss feststellen, dass er nicht über ein WC verfügt: Solche Situationen sollte es ab Ende dieses Jahres nicht mehr geben - eigentlich.
30. September 2019, 05:00 Uhr
Die Toilette im Nahverkehrszug ist mittlerweile eine Selbstverständlichkeit - außer in neun »Altfahrzeugen«, die noch bis Ende 2022 in der Wetterau und im Taunus unterwegs sind. S-Bahnen haben generell kein WC. (Foto: dpa)

Eine Stunde und 35 Minuten, bei Verspätung mehr. Diese Fahrzeit kann sehr lang werden - wenn man in Gießen in die Regionalbahn nach Gelnhausen gestiegen ist und feststellen muss, dass sie ohne Toilette unterwegs ist. Neun solcher Fahrzeuge bleiben auch künftig in Betrieb, erklärt der Rhein-Main-Verkehrsverbund auf WZ-Anfrage. Sie sollten eigentlich im Dezember dieses Jahres ausgemustert werden. Nun verschiebt sich ihr Ruhestand auf Ende 2022.

Der laufende Verkehrsvertrag mit der Hessischen Landesbahn (HLB) müsse um drei Jahre verlängert werden, erläutert der RMV. Hintergrund seien umfangreiche Baumaßnahmen im »Teilnetz Wetterau West-Ost«, die sich erheblich auf das Fahrplanprogramm auswirkten. »Daher war es nicht möglich, für die Ausschreibung des neuen Verkehrsvertrags mit einer Betriebsaufnahme im Dezember 2019 jeweils belastbare und von den Bietern kalkulierbare Betriebsprogramme zu erstellen.«

»Nachrüstung technisch nicht möglich«

Vor allem in der Wetterau und auf einzelnen Abschnitten der Taunusbahn würden daher weiterhin »Altfahrzeuge« eingesetzt. Eine Nachrüstung mit Toiletten sei technisch nicht möglich, ergänzt ein HLB-Sprecher. Man müsste dann eine Betriebserlaubnis ganz neu beantragen, doch darauf hätten solch betagte Wagen keine Chance mehr. Sie müssten dieselben Kriterien erfüllen wie neue Fahrzeuge. Ende der 90er Jahre habe man »Fakten geschaffen« mit der Entscheidung, einige Bahnen ohne WC fahren zu lassen.

Mittlerweile gehörten Toiletten selbstverständlich zur Ausstattung jedes Nahverkehrszugs, unterstreichen HLB wie RMV. Ab Ende 2022 werde das auch durchgehend in der Wetterau und im Taunus gelten. »In den S-Bahnen sind aufgrund der kürzeren Fahrzeiten keine Toiletten vorgesehen - hier nutzen wir den Platz stattdessen für zusätzliche Fahrgastkapazitäten«, so der Verbund. Doch auch mit der S-Bahn kann man leicht über eine Stunde unterwegs sein. Und ein dringendes Bedürfnis lässt sich nicht immer vorab steuern, etwa bei Kindern oder Menschen mit einschlägigen Krankheiten wie chronischen Darmentzündungen.

Fahrgäste werden nicht informiert

S-Bahn-Nutzer wissen immerhin in der Regel, dass es dort keine Toilette gibt; ebenso wie Kunden, die - wie derzeit wieder in der Wetterau - mit Bussen vorlieb nehmen müssen, weil Lokführer fehlen. Bei den Nahverkehrszügen gibt es keinerlei Information vorab: Das sei nicht möglich, heißt es. Und anscheinend ist es auch nicht nötig. Jedenfalls weiß man bei keiner der beiden Institutionen von Fällen, in denen Fahrgäste im Zug ein Problem schilderten oder gar aussteigen mussten.

Bei der zentralen Servicestelle des RMV ging im Laufe dieses Jahres keine einzige Beschwerde wegen fehlender Toiletten in HLB-Zügen ein, lediglich zwei wegen S-Bahnen ohne WC, so lautete die Auskunft gegenüber dieser Zeitung. »Das entspricht weniger als 0,01 Prozent der 2019 bislang eingegangenen Anliegen.«

»Recht selten« komme eine solche Klage direkt bei der HLB an, so der Sprecher. Die Stamm-Fahrgäste wüssten Bescheid. Zudem sei die »Verweildauer« in diesen Zügen meistens überschaubar: Nur ein Bruchteil der Nutzer lege die ganze Strecke zurück. Trotzdem stellt er klar: »Es wäre schön gewesen, wenn der Einsatz neuer Fahrzeuge schneller umzusetzen gewesen wäre. Wir finden die Verzögerung nicht besonders glücklich.«

Vandalismus und Verunreinigung

Und der Sprecher unterstreicht: »Das ist für uns kein Kostenthema.« Leider gebe es in den Toiletten häufig Vandalismus oder Verunreinigung. Die HLB bemühe sich stets, sie möglichst umgehend zu reinigen oder zu reparieren. Die Ausgaben dafür könne er nicht beziffern. Keinesfalls wolle man auf WCs verzichten, weil sie etwa zu teuer wären.

Vor drei Jahren erklärte der Hessische Verkehrsminister auf eine Kleine Anfrage des Gießener FDP-Abgeordneten Wolfgang Greilich, 82 Prozent der Toilettenstörungen würden noch am selben Tage behoben, weitere 12 Prozent innerhalb von drei Tagen.

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