30. Januar 2019, 05:00 Uhr

Stadtbus

Zu teuer: Politiker lehnen Ein-Euro-Ticket für Bad Nauheim ab

Das Beispiel Karben, wo das Ein-Euro-Ticket für den öffentlichen Personennahverkehr sehr gut angenommen wird, schreckt Bad Nauheimer Politiker eher ab. Die Kosten sind zu hoch, so das Urteil.
30. Januar 2019, 05:00 Uhr
Bei Einführung eines Ein-Euro-Tickets wäre der Ansturm auf den Stadtbus sicher noch größer. Weil dadurch das Betriebsdefizit weiter steigen würde, hat die Politik diese Neuerung abgelehnt. (Foto: Nici Merz)

Grundlage der Diskussion im Haupt- und Finanzausschuss über das Ein-Euro-Ticket war ein Grünen-Antrag. Die Umweltpartei hält dieses Modell für ein probates Mittel, um die Innenstadt von Lärmemissionen und Abgasen zu entlasten. Würden mehr Bürger und Gäste Bad Nauheims den Stadtbus nutzen, stünde in der City zudem mehr Parkraum zur Verfügung.

In Verhandlungen mit dem Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMW) solle der Magistrat die Basis für die Einführung des verbilligten Tickets legen. Da der Fahrschein subventioniert werden müsste, sollte nach Ansicht der Grünen eine Teilung der Mehrkosten zwischen Stadt und RMV erfolgen.

 

Wunschdenken der Grünen

Auf die Stadt kämen laut Grünen-Schätzung Zusatzausgaben von 70 000 Euro pro Jahr zu. Für eine Gegenfinanzierung reiche eine fünfprozentige Parkgebührenerhöhung. Die Zahl 70 000 Euro wurde in der Ausschusssitzung als Wunschdenken enttarnt. Nach Angaben von Peter Drausnigg, Chef der Stadtwerke, die für den Stadtbus zuständig sind, wurden 2017 fast 230 000 Stadtbus-Einzeltickets für 2,10 Euro verkauft. Würde der Preis auf 1 Euro fallen, entstünden jährliche Mehrkosten von gut 250 000 Euro. Lockte das attraktive Angebot deutlich mehr Bürger in den Bus, läge der Fehlbetrag deutlich höher.

Angesichts eines ohnehin bereits vorhandenen Jahresdefizits von 750 000 Euro beim Stadtbus-Betrieb, das die Stadtwerke ausgleichen müssen, warnte Oliver von Massow (CDU) vor einer Zusatzbelastung. »Wie das Beispiel Karben zeigt, nehmen die Leute das Ein-Euro-Ticket an, was erst mal positiv ist. Doch wir dürfen die Finanzen nicht außer Acht lassen.« Näher auf das Beispiel Karben ging Tillmann Weber (FDP) ein. Dort sei die Politik blauäuig an das Thema herangegangen, habe Mehrkosten von 20 000 Euro eingeplant. »Inzwischen sind sie beim vierfachen Betrag.«

 

RMV zu unflexibel?

Ein Teil der Mehrkosten auf den RMV abzuwälzen, werde kaum gelingen, versicherten Stadtwerke-Geschäftsführer Drausnigg und Erster Stadtrat Peter Krank. Der Verkehrsverbund zeige sich unflexibel, halte starr an Positionen fest. Laut Krank muss die Stadt dem RMW etwa alle entgangenen Einnahmen zahlen, die durch den kostenfreien Stadtbus in der Adventszeit oder den Bergweihnacht-Shuttlebus entstehen.

Der Ein-Euro-Ticket-Antrag wurde mit klarer Mehrheit abgelehnt, nur Grünen-Vertreter Dr. Martin Düvel stimmte dafür. Eine knappe Mehrheit gab es dagegen für eine Initiative der Freien Wähler in Sachen Job- oder Bürgerticket (siehe weiteren Artikel). Wie Krank und Drausnigg anzumerken war, begrüßten sie beide Anträge nur, weil damit die Verkehrsdebatte in Gang kommt. Inhaltlich lehnte der Erste Stadtrat die Forderungen klar ab: »Ich bin fassungslos, wie hier über ein nicht kalkulierbares finanzielles Desaster diskutiert wird.«

 

Eigenes Bad-Nauheim-Modell?

Weil von RMV und VGO nicht viel Hilfe zu erwarten sei, müsse die Stadt ein eigenes Modell entwickeln. »Das ist eine Mammutaufgabe«, sagte Krank. Seiner Ansicht nach geht es bei der Attraktivität des Stadtbusses weniger um den Ticketpreis, wichtigste Aufgabe sei ein passgenauer, gut mit der Bahn vertakteter Fahrplan.

»Der Pendler aus Steinfurth fährt nur Bus, wenn er morgens zur richtigen Zeit zum Bahnhof kommt und abends auch nicht lange warten muss. Ist das nicht der Fall, nützt auch das Ein-Euro-Ticket nichts«, betonte der Erste Stadtrat. Das bestätigte Gisela Babitz-Koch (CDU). In Rödgen werde der Stadtbus von Berufstätigen kaum angenommen, weil ein zeitnaher Umstieg auf den Zug nicht möglich sei.

 

Bad-Nauheim-Modell geplant

Das Bad-Nauheim-Modell für den Nahverkehr müsse bald entwickelt werden, sagte Drausnigg. In etwa zwei Jahren werde die Stadtbus-Konzession neu ausgeschrieben. Spätestens dann müsse die Politik wissen, was sie wolle. Stadtverwaltung und Stadtwerke sind diesbezüglich im Gespräch. Dabei spielt die Einführung von E-Bussen eine Rolle.

Zudem könnten Pendler von großen Parkplätzen am Stadtrand mit Bussen in die Innenstadt gebracht werden. Der Erste Stadtrat begrüßte den Vorschlag von FDP-Mann Weber, lieber Geld für ein Gutachten bereitzustellen, als ohne Gesamtkonzept auf Job- oder Bürgerticket zu setzen.

 

Info

Jobticket wird geprüft

Der Grünen-Antrag zur Einführung eines Ein-Euro-Tickets wurde vom Haupt- und Finanzauschuss mit einer 9:1-Mehrheit abgelehnt. Stattdessen wurde der Magistrat beauftragt, mit dem RMV über ein Jobticket für städtische Bedienstete und Mitarbeiter der städtischen Gesellschaften oder ein Bürgerticket zu verhandeln. Dafür votierten sechs Ausschussmitglieder, vier lehnten ab. Bezüglich der Kosten bestehen zumindest in Sachen Jobticket klare Vorstellungen. Fachbereichleiter Matthias Wieliki (Zentrale Steuerung und Öffentlichkeitsarbeit) hat sich bereits beim Verkehrsverbund informiert. Danach muss die Stadt pro Jahr 50 000 Euro zahlen, egal wie viele Mitarbeiter das Angebot nutzen. (bk)

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