13. November 2018, 20:53 Uhr

Zeit heilt längst nicht alle Wunden

13. November 2018, 20:53 Uhr
Auch in der Solgrabenschule setzen sich junge Menschen mit der Pogromnacht auseinander. Hier präsentieren Schüler Ergebnisse ihrer Arbeit. (Foto: pm)

Die gemeinsame Gedenkveranstaltung der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, der Stadt und den Bad Nauheimer Kirchengemeinden anlässlich des Gedenkens an die Opfer der Reichspogromnacht ist auf Samstag, 10. November, verschoben worden. Sie fand im Erika-Pitzer-Begegnungszentrum statt.

Mit dem Datum des 9. November verbinden sich eine Reihe historischer Ereignisse, die für die deutsche Geschichte von größter Bedeutung sind: der Beginn der Weimarer Republik 1918, die Öffnung der Berliner Mauer 1989 – aber vor allem der 80. Jahrestag der Reichspogromnacht 1938.

Plünderungen in Bad Nauheim

In der historischen Forschung der vergangenen Jahre sei deutlich geworden, wie sich vielerorts normale Bürger freudig, ja lustvoll an Demütigung, Ausbeutung und Gewalt gegen die jüdischen Nachbarn beteiligt hätten, bemerkte Pfarrer Dr. Peter Noss in seiner Begrüßung im Namen der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und der evangelischen Kirche. Es war die Katastrophe vor der Katastrophe des Holocaust, der angestrebten Vernichtung aller Juden in Europa. Wer sich nicht beteiligt habe, der habe doch zumindest geschwiegen. Nur ganz wenige, auch in den Kirchen, hätten ihre Stimme gegen dieses Unrecht erhoben. Insofern gehe es immer auch um die Frage der Schuld beziehungsweise der daraus folgenden Verantwortung. Eine Verantwortung, die die Schülerinnen und Schüler der Solgrabenschule mit ihrer Lehrerin Kristin Bode entdeckt und umgesetzt haben, indem sie nach einer Reise nach Krakau und Auschwitz das Erlebte kreativ verarbeiteten und am 9. November in der Schule vorstellten: Sie erinnerten unter anderem an die Verfahren gegen Deutsche im Jahr 1946, die sich auch in Bad Nauheim an den Plünderungen beteiligt hatten und so zu Mittätern geworden waren.

Die rekonstruierten und mit Bildern unterlegten Lebensgeschichten von Bad Nauheimern jüdischen Glaubens in der Nazizeit gingen unter die Haut. Die Schlussfolgerung für heute: So vielfältig wie die Schülerschaft ist auch das Leben insgesamt, in dem Antisemitismus und Ausgrenzung keinen Platz haben dürfen.

Bürgermeister Klaus Kreß betonte, dass die Ereignisse niemals vergessen werden dürften. Auch in Bad Nauheim waren vor 80 Jahren jüdische Menschen gedemütigt und ihr Besitz geplündert worden. Pfarrer David J. Rühl von der katholischen Gemeinde St. Bonifatius erinnerte an das Sprichwort »Die Zeit heilt alle Wunden« – angesichts der schrecklichen Ereignisse sei das blanker Zynismus. Auch heute gebe es wieder unverhohlenen Antisemitismus, den es abzuwehren gelte.

Verschollenes Manuskript entdeckt

Friederike Müller las aus dem Roman »Der Reisende«, in dem Autor Ulrich von Boschwitz seine Erfahrungen aus der Pogromnacht literarisch verarbeitet und bereits 1939 erstmals veröffentlicht hatte. Das Manuskript galt lange als verschollen und wurde erst kürzlich in der Deutschen Nationalbibliothek wiedergefunden. Musikalisch wurde die Veranstaltung von Schülern der Musikschule begleitet.

Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Bad Nauheim, Manfred de Vries, dankte abschließend und betonte die Notwendigkeit, sich auch künftig für die demokratische Gesellschaft einzusetzen.

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