01. Dezember 2018, 12:00 Uhr

Trotz Protesten

Wohnen am Friedhof in Nieder-Mörlen: Machbarkeitsstudie kommt

Wohnungsbau auf der Friedhoferweiterungsfläche in Nieder-Mörlen? Zunächst soll es eine Machbarkeitsstudie geben, beschlossen zwei Ausschüsse. Die Gründung einer BI zeichnet sich ab.
01. Dezember 2018, 12:00 Uhr
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Von Bernd Klühs

Im Februar hatte sich die CDU eines Themas angenommen, das die SPD schon seit Jahren in ihrem Programm hat: die Schaffung bezahlbaren Wohnraums in Bad Nauheim. Folgerichtig präsentierte die Union kürzlich einen Antrag, der eine entsprechende Machbarkeitsstudie für die Friedhoferweiterungsfläche in Nieder-Mörlen vorsieht. Weil in einer gemeinsamen Sitzung des Bau- sowie des Haupt- und Finanzausschusses neben CDU und SPD auch die Grünen für die Initiative stimmten, reichte es in beiden Gremien für eine knappe Mehrheit.

»Nette Sonntagsreden« über die Notwendigkeit, in Bad Nauheim mehr Wohnraum für die Mittelschicht und Geringverdiener zu schaffen, gibt es nach Ansicht von CDU-Fraktionschef Manfred Jordis genug. »Aber sobald ein konkreter Vorschlag kommt, ist man dagegen«, ergänzte Parteifreund Oliver von Massow. So sei eine Lösung des Problems nicht zu erreichen. Auch der Magistrat sei gefordert, Vorschläge zu entwickeln.

Wir leben in einer parlamentarischen Demokratie und wollen keine Anarchie

Peter Heidt (FDP)

Aus Sicht der Union bietet die Fläche am Friedhof einen großen Vorteil: Sie ist in städtischem Eigentum. In Kooperation mit der städtischen Wohnungsbau-Gesellschaft (Wobau) könne ein Konzept für bezahlbaren Wohnraum entwickelt werden. Vorstellen könnte sich die CDU auf dem gut 17 000 Quadratmeter großen Gelände einen Mix aus Einfamilienhäusern und mehrgeschossigen Gebäuden, um sich der Umgebung anzupassen. »Von sechs oder gar sieben Etagen, wie es in Nieder-Mörlen bereits kolportiert wird, ist keine Rede«, sagte Jordis. Wie er unterstrich, handele es sich zunächst nur um einen Prüfantrag, eine Vorentscheidung pro Bebauung sei damit nicht verbunden.

Sprecher von SPD und Grünen verwiesen auf etliche Projekte privater Investoren und die großen Baugebiete für Einfamilienhäuser in Bad Nauheim. »Das Problem ist aber nur durch mehr öffentlichen Wohnungsbau zu lösen«, betonte SPD-Fraktionsvorsitzender Axel Bertrand. Auf ständig steigende Mieten ging sein Fraktionskollege Georg Küster sein. Er selbst und viele andere Rentner seien nicht in der Lage, Quadratmetermieten von 10 Euro und mehr zu bezahlen. »In Bad Nauheim muss unbedingt etwas passieren.«

 

UWG und FDP stimmen fast komplett dagegen

 

Die Vertreter von UWG und FDP positionierten sich nicht alle eindeutig gegen den CDU-Antrag, stimmten aber letztlich fast komplett mit Nein. Als schärfster Kritiker meldete sich Bürgermeister Klaus Kreß zu Wort. »Das Gebiet ist völlig ungeeignet für eine Bebauung. Die Struktur einer gewachsenen Wohngegend würde gesprengt«, betonte der Rathauschef. Auch wirtschaftliche Erwägungen sprächen gegen den Antrag, weil bezahlbarer Wohnraum an dieser Stelle kaum zu realisieren sei. Kreß erwähnte diesbezüglich eine alte Bauschutt-Deponie und einen Mischwasserkanal, der dort verlaufe. Beides mache das Bauen an dieser Stelle teuer. Zudem sei die Wobau bereits jetzt völlig ausgelastet.

Kreß warnte vor einer zu großen Verdichtung, die auf Widerstand in der Bevölkerung stoße, nicht nur in Nieder-Mörlen, auch im sogenannten Grießbrei-Viertel. »Hören Sie auf, jede grüne Fläche mit mehrgeschossigem Wohnungsbau vollzuballern. Das gefährdet den Charakter der Stadt, die Menschen werden verunsichert«, appellierte Kreß an die Ausschuss-Mitglieder.

Hören Sie auf, jede grüne Fläche mit mehrgeschossigem Wohnungsbau vollzuballern

Bürgermeister Klaus Kreß

Für die Redebeiträge des Bürgermeisters gab es starken Beifall von den Zuhörern aus Nieder-Mörlen. Peter Heidt und seine FDP wollen sich solche, in der Geschäftsordnung eigentlich nicht vorgesehenen Meinungskundgebungen in Sitzungen nicht mehr bieten lassen. Kritik übte er diesbezüglich an der Leitung der letzten Stadtverordnetensitzung durch Parlamentsvorsteher Gerhard Hahn (UWG). »Wir leben in einer parlamentarischen Demokratie und wollen keine Anarchie. Wenn das so weitergeht, werde ich hier nicht mehr mitarbeiten«, sagte der Freidemokrat.

UWG-Sprecher Markus Philipp forderte die kritischen Bürger aus Nieder-Mörlen auf, nicht sofort zu protestieren, sondern sich zunächst »vertiefend mit dem Thema zu befassen«. Er könne die Erregung der Anwohner der Friedhofserweiterungsfläche zwar verstehen, sie und andere Bürger sollten aber nicht nach dem Sankt-Florians-Prinzip handeln.

Info

Massiven Widerstand angekündigt

In Nieder-Mörlen wird sich vermutlich eine Bürgerinitiative gründen, die sich gegen eine Bebauung der Friedhofserweiterungsfläche zur Wehr setzt. Das kündigte Anne Schneider an, die in der Nähe des Geländes wohnt und sich als Sprecherin der Initiative gegen die Wohnbebauung am Sprudelhof einen Namen gemacht hat. In diesem Fall trug der Protest Früchte: Am 22. November hatte die Mehrheit der Stadtverordneten beschlossen, in der Ludwigstraße keine Wohnhäuser zu errichten. Schneider spricht von einer »großen Gruppe von Leuten, die vorwiegend im Hempler-Gebiet oder rund um die Dürerstraße leben« und sich nicht mit einer Bebauung der Grünfläche anfreunden können. Mit »großem Unverständnis, teilweise sogar mit Entsetzen« sei der CDU-Antrag zur Kenntnis genommen worden. Argumente der Anlieger: Zerstörung einer »grünen Oase« samt Tier- und Pflanzenwelt, mehr Verkehrsbelastung. Wie es in einem Schreiben an die Stadtverordneten weiter heißt, würden die Grundstücke im umliegenden »gehobenen, sehr teuren Einfamilienhaus-Wohngebiet« entwertet, wenn in der Nachbarschaft mehrgeschossig gebaut werde. »Wir hatten gehofft, das der Kelch an uns vorübergeht und der CDU-Antrag in der Ausschusssitzung abgelehnt wird«, sagte Schneider auf WZ-Anfrage. Über das weitere Vorgehen müsse jetzt gesprochen werden. »Wir lassen uns das nicht bieten und werden bis zum Äußersten gehen« (bk)



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