09. Juli 2019, 14:00 Uhr

Zwei Bebauungsvarianten

Wohnen am Friedhof: Proteste sind absehbar

Der Streit um eine Bebauung der Friedhofserweiterungsfläche in Nieder-Mörlen wird nach den Ferien wieder aufflammen. Der Magistrat stellt zwei Varianten und Wirtschaftlichkeitsberechnungen vor.
09. Juli 2019, 14:00 Uhr
Eine Verdichtung des Grießbrei-Viertels (im Bild die Alfred-Martin-Straße), um hier weitere 50 Wohnungen zu schaffen, ist mittelfristig kein Thema. Laut Bürgermeister Klaus Kreß ist die städtische Wobau mit den laufenden Projekten komplett ausgelastet. (Fotos: Nici Merz)

Wie kann in Bad Nauheim genügend bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden? Diese Frage hat sich in den letzten Monaten zum beherrschenden Thema der politischen Debatte in Bad Nauheim gemausert. Zwar gibt es im Stadtparlament keine festen Mehrheiten in Form einer Koalition, in diesem Punkt zeichnete sich zuletzt aber ein Viererbündnis ab. CDU, SPD, Grüne und FDP verfolgen konsequent das Ziel, etwas für Wohnungssuchende mit durchschnittlichem oder geringem Einkommen zu tun. Die Freien Wähler vertrauen als stärkste Fraktion eher auf die Kräfte des Marktes. Diese feste Formation bestätigte der Fraktionschef der Union, Manfred Jordis: »SPD, Grüne und FDP sind zuverlässige Partner, Absprachen mit der UWG dagegen schwierig.«

Ein Stichwort, von dem sich das Viererbündnis einiges verspricht, lautet »Verdichtung«, also die Schließung von Baulücken in Wohngebieten, die Vergrößerung oder der Ersatz bereits bestehender Gebäude. Initiativen in dieser Richtung wurden seit September 2018 in Sachen Grießbrei-Viertel und Friedhofserweiterungsfläche ergriffen. Während es beim Standort Nieder-Mörlen bald konkret werden soll, ist eine Verdichtung des Grießbrei-Viertels nicht absehbar. »Kurz nach der Sommerpause werden wir eine Machbarkeitsstudie für die Friedhofserweiterungsfläche vorlegen, in der zwei Varianten gegenübergestellt werden - eine mit dichterer, die andere mit aufgelockerter Bebauung«, erläutert Bürgermeister Klaus Kreß. Die Wirtschaftlichkeitsberechnung basiere - was den Mietwohnungsbau angeht - auf einem Quadratmeterpreis von 8,50 Euro. Diese Obergrenze hatte die Parlamentsmehrheit zuletzt bei zwei Investorenprojekten für 15 Prozent der Wohnungen festgelegt, und zwar auf 15 Jahre.

Widerstand angekündigt

Kreß muss aufgrund des Stadtverordnetenbeschlusses zwar die Studie erstellen lassen, lehnt die Bebauung der Grünfläche aber nach wie vor ab. In dieser Haltung ist er sich einig mit den Nachbarn der Ex-Friedhofserweiterungsfläche. Die Anlieger haben sich längst ausgetauscht und schauen der politischen Entscheidung gespannt entgegen. »Wir wehren uns gegen jegliche Art der Bebauung und werden bis zum Äußersten gehen«, kündigt Anwohnerin Anne Schneider im Namen ihrer Mitstreiter an. Die einzige Grünfläche für Erholungszwecke in Nieder-Mörlen, die einem Park gleiche, müsse erhalten werden. Notfalls werde man Fachanwälte zu Rate ziehen und - ähnlich wie im Fall Sprudelhof - alle legalen Protestformen nutzen.

Damit rechnen auch die Befürworter des Projekts, etwa aus den Reihen von CDU und SPD. »In Nieder-Mörlen wird eine sehr emotionale Diskussion geführt. Am meisten stört mich, dass die Gegner jene Leute, die bezahlbaren Wohnraum brauchen, fast mit Asozialen gleichsetzen. Dort soll kein Ghetto entstehen«, sagt CDU-Fraktionsvorsitzender Jordis. Auch die SPD will nicht vor massivem Widerstand einknicken, versichert Fraktionschef Axel Bertrand.

Aufgabe für Wobau?

Was die Ausgestaltung eines möglichen Neubaugebiets angeht, wollen beide zunächst die Details der Vorlage abwarten. Am Ziel, die städtische Wohnungsbau-Gesellschaft (Wobau) zumindest auf einem Teil des Geländes zum Zug kommen zu lassen, halten Christ- und Sozialdemokraten fest. Jordis könnte sich folgendes Modell vorstellen: Ein Teil der Grundstücke wird zum Marktpreis an Privatleute verkauft, die Einfamilien- oder Reihenhäuser errichten. Mit dem Erlös werden die Grundstückspreise für die Wobau subventioniert, damit in mehrgeschossigen Gebäuden bezahlbarer Wohnraum entstehen kann. Um die Baupreise zu drücken, muss nach Aussage von Bertrand über einen Verzicht auf Tiefgarage und komplette Barrierefreiheit nachgedacht werden. Mieten, wie beim Wobau-Neubauprojekt in der Dieselstraße, die bei 10 Euro liegen werden, dürften in Nieder-Mörlen nicht herauskommen. »In der Dieselstraße wird das Ziel bezahlbarer Wohnraum verfehlt«, sagt Bertrand.

Grießbrei-Viertel vorerst kein Thema

In Bad Nauheim gibt es sehr viele einkommensschwache Haushalte. Das hatte auch die CDU veranlasst, sich Ende 2017 des Themas »bezahlbarer Wohnraum« anzunehmen und bezüglich der Friedhofserweiterungsfläche Nieder-Mörlen aktiv zu werden. Auch die von der Stadtverwaltung angestoßenen Überlegungen, das Grießbrei-Viertel an der Schwalheimer Straße mit zusätzlichen Bauten zwischen den Wobau-Häusern zu verdichten, wurden begrüßt. Der Magistrat hatte im September 2018 im Bauausschuss die Masterarbeit von zwei Studentinnen vorgestellt. Danach könnten im Grießbrei-Viertel weitere 50 Wohnungen entstehen.

Die Mehrheit des Ausschusses begrüßte die Idee, eine Abstimmung dazu gab es allerdings nicht. Sofort nach der Sitzung wurden Proteste aus dem Wohngebiet laut, Bürgermeister Kreß sprach sich plötzlich klar gegen die Pläne aus. Heute erklärt der Rathauschef, mit einer Verdichtung an dieser Stelle sei mittelfristig nicht zu rechnen, weil die Wobau mit laufenden Projekten völlig ausgelastet sei. Ohnehin könne die Masterarbeit nicht eins zu eins umgesetzt werden. SPD und CDU wollen das Grießbrei-Viertel gleichwohl nicht aus den Augen verlieren. CDU-Fraktionschef Jordis ist sich nicht sicher, ob es bei der Wobau nicht doch noch freie Kapazitäten gibt.

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