20. März 2019, 11:00 Uhr

Trauer

»Wohlfühlort« für Trauernde

Menschen, die den Verlust eines nahestehenden Menschen erleben, sind oftmals allein in ihrer Trauer. Das Team des Trauercafès in Friedberg hat für sie seit zehn Jahren ein offenes Ohr.
20. März 2019, 11:00 Uhr
Das Team des Trauercafès (v. l.) Michaela Augustin-Bill, Marion Münster-Appel, Hartmut Waetzold, Mechthild Langhans, Klaus Auls und Barbara Heide führt nach jedem Termin ein Nachgespräch. Auch, um die Schicksale der Trauernden besser zu verarbeiten. (Foto: kgg)

Das ist jetzt schon ein halbes Jahr her. So langsam musst du doch mal mit der Trauer abschließen. Das Leben geht weiter.« Menschen, die um verstorbene Angehörige trauern, hören solche Sätze nicht selten. »Die Zeit heilt alle Wunden« gehört nicht zuletzt auch zu den Floskeln, die Trauernde zu hören bekommen. Das geschieht gewiss nicht in böser Absicht, doch Hinterbliebenen hilft das in ihrer Situation nicht weiter, setzt sie womöglich noch unter Druck.

Zu Aussagen wie diesen kann auch das Team des Trauercafès Friedberg nur mit dem Kopf schütteln. Sie sind sich einig: Das stimmt nicht. »Man kann nach einiger Zeit von einer Vernarbung der Seele sprechen«, sagt Michaela Augustin-Bill von der Hospizhilfe Wetterau, »aber nicht von einer Heilung.« Und wie lange der Trauerprozess dauert, sei bei jedem Menschen unterschiedlich.

 

Geschützter Ort der Trauer

Um diesen Menschen eine Stütze zu sein, hat der Hospizdienst Wetterau gemeinsam mit der Hospizhilfe Wetterau vor zehn Jahren das Trauercafé ins Leben gerufen. Ein geschützter Ort, ein »Wohlfühlraum«, in dem über Trauer gesprochen werden kann, ohne dass jemand die Gespräche nach Außen trägt. Jeden ersten Sonntag im Monat können sich Trauernde ab 14 Uhr im vierten Stock des Erasmus-Alberus-Hauses in Friedberg bei Tee, Kaffee und Plätzchen ganz frei zu den Themen austauschen, die sie bewegen.

Zu Beginn wird ein Text oder ein Gedicht verlesen, danach wird eine Kerze für die Verstorbenen angezündet. Anschließend unterhält man sich in großer Runde. Wen die Trauer in diesen Momenten aus der Bahn wirft, mit dem kann ein Betreuer auch eine ruhige Ecke aufsuchen und ein Einzelgespräch führen. Die »große Runde« meint im Schnitt etwa vier Teilnehmer im Alter zwischen 40 und 70 Jahren plus zwei bis drei Trauerbegleiter, sagt Klaus Auls vom Hospizdienst Wetterau. Er gehört zu den Gründern des Trauercafès. Tatsächlich variiere die Anzahl der Trauernden pro Monat stetig. Mal kämen zwei, mal acht. »Wir wissen vorher nie, wer kommt«, sagt Augustin-Bill. Denn das Angebot soll möglichst niederschwellig sein. Niemand muss sich an- oder abmelden, und wie oft man zu den Treffen geht, kann auch jeder selbst entscheiden.

 

Früher mehr Teilnehmer

Was auffällig ist: »Zu Beginn des Angebots vor zehn Jahren war die Teilnehmerzahl höher«, sagt Mechthild Langhans vom Hospizdienst. Woran das liegt, weiß keiner der Trauerbegleiter so genau. Sie können nur vermuten. »Vielleicht, weil die Gesellschaft offener geworden, der Tod kein Tabu-Thema mehr ist, und sich auch Medien häufiger damit beschäftigen«, vermutet Auls. Auch sei die Hospizbewegung intensiver tätig. Augustin-Bill gibt zu bedenken, dass vermehrt Menschen im Alter unter Einsamkeit leiden. »Es könnte auch sein, dass es ihnen dadurch an Vertrauen fehlt, um die Hürde zu überwinden und zu uns zu kommen«, sagt sie. »Der Weg zum Trauercafè ist nicht leicht«, bestätigt Auls. Denn man konfrontiere sich mit seiner Trauer. Dennoch sei es, seiner Erfahrung nach, nicht nur der Verlust des Ehepartners, des Vaters oder der Mutter, der die Trauernden beschäftigt, sondern auch die Herausforderungen, die der Alltag in der neuen Situation mit sich bringt. »Bei uns wird nicht nur getrauert, wir schweigen, beten und lachen miteinander – und es wird über Papierkram geschimpft.«

Kaum jemand, der nicht in der Situation war oder ist, weiß um die vielen Formulare, um die man sich kümmern muss. Totenschein, Rentenantrag und Rechnungen der Beerdigung sind nur eine Auswahl der Dinge, mit denen Hinterbliebene in der frischen Trauerphase konfrontiert sind. Verwitwete Frauen stünden etwa vor dem Problem, dass sie nicht wissen, wer nun die kaputte Steckdose repariert und den Rasen mäht, Witwer wüssten oftmals im Haushalt nicht mehr weiter. »Die Teilnehmer lernen voneinander und können sich wertvolle Tipps geben«, sagt Auls.

Das Angebot richtet sich an Menschen vor Ort und den umliegenden Ortschaften. Durch den zentralen Standort direkt gegenüber dem Friedberger Bahnhof kommen aber auch Menschen aus weiterer Entfernung. »Wir hatten schon Teilnehmer aus Frankfurt und Gießen hier«, sagt Auls. Wie oft jemand kommen möchte, ist ebenfalls ihm selbst überlassen. In der Regel variiere das zwischen zwei und sechs Mal. »Den Menschen tut es gut, sich in ähnlichen Empfindungen zu erleben«, sagt Auls. Und besonders schön ist, dass dabei auch schon die ein oder andere Freundschaft entstanden ist.

Info

Trauerbegleiter gesucht

Insgesamt stellen der Hospizdienst Wetterau und die Hospizhilfe Wetterau sechs ehrenamtliche Betreuer im Trauercafè, jeweils drei pro Verein. »Wir wünschen uns neue Mitglieder im Team, damit wir drei über 70-Jährige langsam den Staffelstab übergeben können«, sagt Klaus Auls vom Hospizidenst. Nicht ratsam sei es allerdings, sich in frischer Trauer dafür zu bewerben, erklärt die Koordinatorin der Holspizhilfe, Sabine Becker. Zunächst müssen Interessenten sich als Hospizbegleiter ausbilden lassen, danach können sie sich als Betreuer des Trauercafés spezialisieren. Bewerber sollten folgende Eigenschaften mitbringen: Kontaktfreudigkeit, emotionale Stabilität, keine Angst vor (fremden) Tränen und Zuhören können. Interessenten können sich an die jeweiligen Hospizvereine wenden. Kontakt: Hospizhilfe Wetterau, Tel. 0 60 31/772 76 33 oder E-Mail: info@hospizhilfe-wetterau.de; Hospizdienst Wetterau, Tel. 0 60 32/92 75 68 oder E-Mail: info@hospizdienst-wetterau.de.

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