27. Februar 2017, 10:02 Uhr

Herrensitzung

Wo Männerträume wahr werden

Der folgende Bericht über den Besuch der Herrensitzung in Dorheim ist nichts für zarte Gemüter. Die Erkenntnisse allerdings sind enthüllend.
27. Februar 2017, 10:02 Uhr
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Von Jürgen Wagner
Seit 17 Jahren ist Denise hauptberuflich Stripperin. Fragen zu ihrem Job beantwortet sie am Ende dieses Textes. (Foto: jw)

Männer halten Wort. »Helmut Lipka hat heute Geburtstag, aber ich darf’s nicht verraten«, begrüßt mich ein Bekannter. »Ich werd’s im Bericht erwähnen«, verspreche ich. Lipka, der Vladimir Horowitz unter den Alleinunterhaltern, wurde wieder ein Jahr älter. Das passiert ihm öfter. Später singen ihm alle ein Ständchen, und er guckt ganz gerührt. Männer sind empfindsame Wesen.

Das gilt auch für meinen Sitznachbarn, der mit seinen Kumpels an- und aufstößt. »Wenn ich jetzt noch Hunger hätt’, würd’ ich mir noch e’ Schnitzel eneistobbe.« Ein Gedanke, auf den Frauen vermutlich nie kämen. Doch jetzt geht’s auf der Bühne los, mit Wummerbässen und Stroboskoplicht. »Seid Ihr gut drauf?«, rufen Michael Grau und Micky Hofmann. Die Menge blökt und grunzt zurück, und dann ertönt zum ersten Mal an diesem Abend dieser karnevalöse Brunftschrei, mit dem jedesmal eine bestimmte Person dazu aufgefordert wird, ein 0,5-Liter-Glas Hopfen-Smoothie ex runterzustürzen: »Ziiiiiieh!« Wäre Austrinken eine olympische Disziplin, das Dorheimer Bürgerhaus wäre ein Bundesleistungsstützpunkt.

Die Menge tobt. 210 Plätze gibt’s im Saal, mehr dürfen nicht rein. »Brandschutz«, sagt Volker Frühschütz. »Aber dafür habbe mer Gäng’, so breit, dass mer e Herd’ Küh’ durchtreibe’ kann.« Da stehen jetzt Cowboys, Matrosen und Piraten, singen und tanzen und spenden einem Mann Standing Ovations, der seit Gründung der Dorheimer Wetterfrösche im Jahr 1991 deren Vorsitzender ist und nun von der Karnevalsbühne abtritt: Günter Strack. Ein großer, ein bewegender Moment.

 

Wie Männer Gefühle zeigen

Dann geht’s wirklich los, locker und unverkrampft, ohne Elferrat und Ordensgedöns. Die Garde der Wetterfrösche, die »Fireflies« und die »Weathergirls« wirbeln mit Schwung und Liebreiz über die Bühne, für Stimmung sorgen die Dorheimer Hofsänger (das Motto, frei nach Nino de Angelo: »Wenn selbst das Bier nicht mehr schmeckt wie ein Bier, dann sind wir jenseits von Dorheim«), das Heavy-Metal-Schunkel-Duo »Die Nichtskönner« sowie die unverwüstlichen Robby und Hacky. Die tragen nicht nur ihr legendäres »Flaaschworscht«-Lied vor, sondern besingen auch »e’ richtich fettich Rippche«. Mein Sitznachbar ist ganz aus dem Häuschen.

Auch das Publikum stimmt Lieder an, immer wieder ertönt ein Stadiongesang mit den Zeilen »Alle Nutten sind Huren«, was zweifellos richtig ist. Ich könnte jetzt etwas über die rhetorische Stilfigur der Repetitio und die Poesie der Redundanz erzählen, vermute aber, dass das in Dorheim niemanden interessiert, zumindest heute Abend nicht.


»Ziiiiiiiieh!« Ach, das hatten wir schon. Aber es kommt dauernd wieder. Wird mal gerade nicht ausgetrunken, zaubert Thomas Geyer als »Illusion Man« pantomimisch ein Staunen in die Gesichter der Zuschauer, ein Auftritt zwischen Klamauk, Artistik und Wahnwitz. Oder Micky Hofmann erzählt Untenrum-Witze über Männerträume und Weiberkram. Ethisch-moralische Gründe lassen es sinnvoll erscheinen, einen Mantel des Schweigens über diesen Programmpunkt zu legen. Ein Gag allerdings war durchaus familienfreundlich (zumindest in der Wortwahl, in der Sache eher nicht): Sagt die Frau: »Jetzt lass doch mal Gefühle zu.« Sagt der Mann: »Die sind doch zu.« Wir sehen: Auch familiensoziologische Überlegungen haben ihren Platz beim Herrenabend.

Und Fußball. Theo alias Volker Frühschütz wird in der Form, in der er am Freitagabend im Trikot der Frankfurter Eintracht aufgelaufen ist, auch in 50 Jahren noch die Bayern in den Sack hauen. »Ziiiiiiiieh!« »Mammmmmpf«, macht mein Sitznachbar. Er vertilgt endlich sein Schnitzelbrötchen.

Fassen wir zusammen, was den Mann zum Mann macht: Bier, Kumpels, Schnitzel, lautes Rumgrölen, auf Tischen tanzen, Spaß haben, über dreckige Witze lachen und - ach ja, Frauen dabei zuschauen, wie sie sich nackisch machen, der traditionelle Höhepunkt des Herrenabends. Viel zu berichten gibt es da nicht. Stripperin Denise hatte zuerst einen Hauch von Nichts an, dann immer weniger und zum Schluss gar nichts, das war zu erwarten. Große Augen machte vor allem der junge Mann, den sie sich auf die Bühne holte, um ihn bis auf die Boxershorts zu entkleiden und ihm Kerzenwachs aufs Gemächt zu träufeln. Der junge Mann verzog dabei keine Miene. Ein echter Kerl.
 

Herrensitzung in Dorheim

 

Drei Fragen an Stripperin Denise

Da draußen erwartet Sie ein Saal voller betrunkener Männer. Keine Angst, da rauszugehen?

Denise: Ich mache das jetzt seit 17 Jahren. Wenn ich Angst hätte, wäre ich falsch in meinem Beruf.

Strippen ist Ihr Hauptberuf?

Denise: Ja, ich mache das weltweit, nicht nur im Karneval, auch auf Weihnachtsfeiern, Geburtstagen oder bei Junggesellenabschieden.

Sie ziehen während der Show Männer bis auf Unterhose und Socken aus, gießen ihnen Wachs in die Feuchtzone. Was sind die unangenehmsten Seiten dieses Jobs?

Denise: Feinripp (lacht). Das kommt immer wieder vor, selbst bei Männern, die ihren eigenen Geburtstag feiern.



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