14. Oktober 2018, 12:00 Uhr

Feldpost

Wie ein Wölferheimer im Krieg den Glauben an das Gute behielt

Während Kugeln seine Kameraden zerfetzten, hatte Karl Leonhard lange Glück. Der Wölfersheimer schrieb während des Ersten Weltkriegs Briefe an seine Familie in der Wetterau.
14. Oktober 2018, 12:00 Uhr

Feldpost

In unserer Feldpost-Serie veröffentlichen wir wöchentlich Auszüge aus Feldpostbriefen, erzählen die Geschichten dazu und welche Schicksale sich dahinter verbergen.

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Der Erste Weltkrieg war noch kein halbes Jahr alt, als im Herbst und Winter 1914 immer mehr Verlustnachrichten in den Wetterauer Ortschaften einliefen. Mit der Zahl der gefallenen Gemeindesöhne wuchs auch die Skepsis in der Bevölkerung. Bald war die grenzenlose Siegeseuphorie verflogen, die vor der Mobilmachung geherrscht hatte.

Die Butzbacher »168er« wurden von Anfang an direkt an die Brennpunkte des Kriegsgeschehens geschickt. Von der Garnison in der Schloss-Kaserne zog das I. Bataillon des 5. Großherzoglich Hessischen Infanterie-Regiments zunächst durch das neutrale Luxemburg und kämpfte bis Ende November 1914 an der Marne, in der Champagne und in Flandern.

Zu dieser Einheit gehörte auch Karl Leonhard, ein Bergmannsohn aus Wölfersheim. Als Hornist war er 1912 zur Infanterie gegangen. Schon damals war die Gefahr eines militärischen Konflikts groß. Aber das hatte den »Lisbeths-Karl«, wie man ihn zu Hause in Wölfersheim nannte, nicht von dem Schritt abhalten können. Schließlich waren die meisten seiner Freunde auch beim Militär.

 

Vier Leonhard-Sippen in Wölfersheim

Die Lisbeths, das waren Karl Leonhard, seine acht Geschwister und seine Mutter Elise. Zusammen wohnten sie in einem kleinen Häuschen in der Wingertstraße 9. Der Vater Karl Friedrich Leonhard war bereits 1908 verstorben. Um die Familie von den anderen vier Leonhard-Sippen in Wölfersheim unterscheiden zu können, wurden Hausnamen verteilt. Die Lisbeths nannte man nach dem Rufnamen der Mutter. Außerdem gab es noch die Antons, die Bommelos, die Watze und die Harrys.

Es ist möglich, die nächsten Briefsachen bleiben vielleicht 8-14 Tage aus und Mutter glaubt nachher, es wäre mir etwas passiert

Brief von Karl Leonhard

Die Feldpostbriefe, die Karl Leonhard von der Front schrieb, zeigen deutlich seine Stellung innerhalb der Familie: Wie ein Stellvertreter seines verstorbenen Vaters versuchte er die Geschicke zu lenken, war eine Stütze für Mutter und Geschwister und gab Ratschläge, während er selbst in Lebensgefahr schwebte. Er sah, wie die Körper seiner Kameraden, die hinter ihm angriffen, von Kugeln getroffen und zerfetzt wurden. Und immer bat er seine Schwester Lina, nichts von den Schilderungen der geliebten Mutter zu erzählen. Gleichzeitig schickte er tröstende Sätze in die Heimat: »Lass nur den Kopf nicht hängen, sondern sei immer frohen Mutes.« – »Seid nicht traurig.« – »Nehmt eure Zuflucht zu dem Trostlied, welches wir hier im Felde singen: Eine feste Burg ist unser Gott.« – »Gott hat bisher geholfen und wird auch weiter helfen.«

 

Gottvertrauen an der Front

Leonhard war ein frommer Soldat mit großem Gottvertrauen. An der Westfront hatte ihn jede feindliche Kugel und Granate verfehlt. Grund hatte er also genug, Gott zu danken. »Es ist einer über uns, der es besser zu lenken weiss, wie wir Menschen«, heißt es in einem Brief.

Am 29. November 1914 wurden die 168er mit der Eisenbahn in den Osten transportiert. In der Schlacht bei Lowicz-Sanniki, etwa 10 Kilometer nordwestlich von Warschau, musste das Butzbacher Bataillon gegen die Russen kämpfen. Alles drohende Unheil von sich weisend, schrieb Leonhard noch schnell einen Brief nach Hause: »Sage Näheres der lieben Mutter, denn es ist möglich, die nächsten Briefsachen bleiben vielleicht 8-14 Tage aus und Mutter glaubt nachher, es wäre mir etwas passiert.«

 

Sein Name auf einer Gedenktafel

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Gegenüber des Weißen Turmes in Wölfersheim steht Karl Leonhards Name. Die 29 Männern sind ...

Es sollte sein letzter Brief bleiben. Am 12. Dezember 1914 verließ den Wölfersheimer alles Glück, das er bis dahin gehabt hatte. Während die französischen Kugeln Männer neben und hinter ihm erwischt hatten, traf eine russische diesmal direkt in seine Brust. Ungewiss ist, ob er lange leiden musste. Ende Januar 1915 erreichte seine Familie eine Feldpostkarte, in der ein Feldwebel sein Beileid ausdrückt. Vom »Heldentod für das Vaterland« und von dem Trost, »daß er für ein hohes Ziel, für Gott, König und Vaterland gefallen ist«, künden die phrasenartig geschriebenen Zeilen.

Heute erinnert eine Gedenktafel gegenüber des Weißen Turmes in Wölfersheim an Karl Leonhard. Auf der steht sein Name als achter von 29 Männern, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind. Die Feldpostbriefe besitzt sein Neffe Wilhelm Leonhard nur noch als Kopien. Diese Papiere und ein Foto gehören zu den wenigen Dingen, die übrig geblieben sind.

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