23. Juni 2019, 20:07 Uhr

Wie aus Widersprüchen Synergien werden

23. Juni 2019, 20:07 Uhr
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Von Hedwig Rohde
So bösartig-frech, dass er selbst grinsen muss: Satiriker Chin Meyer im Bad Nauheimer Jugendstiltheater. (Foto: Hedwig Rohde)

Ein »Leben im Plus« führen? Wer wollte das nicht? Und so lässt eine solche Vision spontan Bankerherzen höher schlagen und die Augen von Investoren leuchten. 700 Besucherinnen und Besucher im Jugendstiltheater des Dolce hatten dann allerdings vor allem etwas zu lachen, als der Satiriker Chin Meyer kürzlich auf Einladung der Sparkasse Oberhessen seine Ideen hinter der Ansage näher erläuterte.

Nicht »oder«, sondern »und« ist das Geheimnis, das konventionelle Entweder-Oder-Denken verbannt der Kabarettist auf den Müllhaufen der Geschichte. Unter dem ultimativen Einfluss von Geld und Politik lässt er scheinbar große Widersprüche sich zu spannenden Synergien vereinen. Will beispielsweise heißen: Der moderne Mensch kann mental Veganer sein und trotzdem ein Steak essen. Man kann Banker sein und trotzdem sozialverträglich handeln…

Bissig und rücksichtslos

Selbstverständlich funktioniert das Prinzip auch in der Politik. Potentaten können totalitären Neigungen folgen und trotzdem Menschenrechte achten. Trotziges fünfjähriges Kind oder mächtigster Mann der Welt? Ein Widerspruch von gestern! Verfassungsschutz oder eher Pannen-Dienst im Anzug? Dito! Bissig und rücksichtslos entlarvt Meyer Absurditäten und Peinlichkeiten in Regierungen und Parteien, in Politik und Gesellschaft, und das in so rasantem Tempo, dass manch ein Witz die vorherige Pointe quasi überholt.

Dabei verlässt er phasenweise die Rolle des Steuerfahnders Siegfried von Treiber, des härtesten Hundes, den das Finanzamt je zu bieten hatte und der sich im anfänglichen Dialog mit Gästen frech und schlagfertig etliche Lacher gesichert hatte. Die Definition der Steuer als »Zwangsabgabe ohne Anspruch auf Gegenleistung« mag nicht ganz so neu sein, doch in Kombination mit der fast atemlosen Aufzählung der -zig Steuerarten, die in Deutschland zu entrichten sind, entwickelt sie Komik-Potenzial. Und lachen muss man unwillkürlich auch über die schwarzhumorigen Berechnungen, wonach ein Kettenraucher als »Staatssponsor« via Tabaksteuer im Lauf seines Lebens 17 Kindertagesstätten finanziert und der »Penner unter der Brücke zum Motor der Konjunktur« avanciert. »Ökos« dagegen seht der Steuerfahnder kritisch (»Die belasten die Rentenkasse, denn sie leben lange, und das schlecht gelaunt«), Hartz IV versteht er als »steueroptimiertes Burnout-Stipendium« und eine Trennung von der Freundin nennt er eine »durch eine Restrukturierung im Privatleben bedingte neue Herausforderung«.

Nullzins und eine Einladung

Zum Thema des Abends, den Null- und den Negativzinsen, denen die Sparkasse durch das Angebot von Anlagen in Aktien und Fonds »Tschüs sagen« möchte, findet Meyer immer wieder zurück. Negativzinsen seien Guthabengebühren für all diejenigen, die sich nur ausreichend Kredite holten, und Bankräuber würden wohl demnächst in den Bankfilialen freundlich begrüßt, weil sie das lästige Geld wieder abholten. Als Steuerfahnder von Welt erhofft er sich für das Finanzamt einen moderneren Approach, beispielsweise durch die Umbenennung in »cash agency«, in der die Bürger künftig statt der banalen Steuererklärung ihr »science fiction document« abliefern.

Wer sich am Ende des Programms beflügelt sah, den eingangs ausgesprochen Einladungen von Sparkassen-Vorstand Roman Kubla und des Leiters Volkwirtschaft der DeKaBank, Dr. Holger Bahr, zu einem vertiefenden Anlagegespräch Folge zu leisten, der hatte dazu im Theaterfoyer reichlich Gelegenheit. Nach der mal ernsten (von Dr. Bahr), mal humorvoll-kabarettistischen Tour d’Horizon über die globale Welt der Finanzen gab es Anknüpfungspunkte genug.



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