19. Oktober 2018, 05:00 Uhr

Fund in Bad Nauheim

Wie Gottesanbeterinnen in die Wetterau kommen

Gottesanbeterinnen tummeln sich im Garten der Familie Oberwallner in Bad Nauheim. Es handelt sich um den nördlichsten Fund Hessens dieser Fangschrecke.
19. Oktober 2018, 05:00 Uhr
Riesige Facettenaugen und lange Fangarme: Die Gottesanbeterin, die seit 2017 auch in Bad Nauheim gesichtet wird, ist optimal für die Jagd gerüstet. (Foto: dpa)

Bad Nauheim war in diesem Sommer einige Male die wärmste Stadt Deutschlands. Vielleicht auch die trockenste. Während viele Tierarten darunter leiden, gibt es auch Gewinner des Klimawandels. Dazu gehört die Gottesanbeterin, die bereits seit zwei Jahren in der Kurstadt gesichtet wird. Ob das Insekt des Jahres 2017 hier heimisch wird, darf allerdings bezweifelt werden.

Der Laie verbindet die Gottesanbieterin mit Afrika oder dem Mittelmeerraum. Tanja Oberwallner aus dem Presley Boulevard sah vor einem Jahr gleich zwei Exemplare der großen Fangschrecke in ihrem Garten sitzen und auf Beute warten. »Ich war total überrascht und habe gedacht, dass die Tiere aus einem Terrarium entkommen sind oder ausgesetzt wurden«, sagt die Bad Nauheimerin.

 

Platz an der Terrasse

Als sie am Dienstag letzter Woche erneut eine Gottesanbeterin bemerkte, glaubte sie nicht mehr an Zufall und wandte sich ans Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) in Gießen, um den Fund zu melden. Diese Behörde hat die Bürger aufgerufen, eine Nachricht zu schicken, sobald sie eine Gottesanbeterin entdecken. »2017, als die Gottesanbeterin Insekt des Jahres war, sind wir auf diese Idee gekommen«, sagt HLNUG-Mitarbeiter Christian Geske. In Bad Nauheim sei bislang der nördlichste Nachweis Hessens gelungen (siehe weiteren Artikel).

Mit Besuchern geht Tanja Oberwallner gerne in ihren kleinen Garten. Nur wenig entfernt von der Terrassentür wächst eine Pflanze, die aus vielen Halmen besteht – an einem hängt die Gottesanbeterin. »Dort sitzt sie seit zwei Tagen. Um diese Jahreszeit sterben die Tiere langsam ab, sind etwas träge.«

 

Kletterkünstlerin

Zwischen August und Oktober legt die Fangschrecke ihre Eipakete ab, die überwintern, damit sich ab nächstem Mai der Nachwuchs entwickeln kann. Die Gottesanbeterin durchläuft etwa sechs Larvenstadien, bevor sie ausgebildet ist. »Von den Gartenbesitzern werden meist die ausgewachsenen Fangschrecken entdeckt. Oft die Weibchen, weil die fast nie fliegen«, sagt HLNUG-Insektenexperte Niklas Krummel.

Tanja Oberwallner hat sich ebenfalls zu einer Art Fachfrau für die Gottesanbeterin gemausert. Sie bewundert vor allem die Kletterkünste dieser bis zu 7,5 Zentimeter großen Insekten, die auch an Fensterscheiben hochkrabbeln können und oft an der Hauswand hängen, wo sie besonders auffallen. Auch die zwei Töchter der Familie finden die Sache spannend. Von »igittigitt« keine Spur, sie beobachten eifrig, was die Fangschrecke so treibt.

 

Arme schnellen blitzschnell vor

Dabei ist eine Menge Geduld erforderlich. Die Gottesanbeterin ist immer auf Beutefang, es muss sich aber erst mal ein passendes Tier in ihre Nähe wagen. Ihre mit Widerhaken ausgerüsteten langen Fangarme sind meist angewinkelt, was an eine betende Person erinnert. Tanja Oberwallner spricht von einer »Meditationshaltung«.

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Seit Tagen hängt die Gottesanbeterin in dieser Pflanze, Tanja Oberwallner hockt daneben. (...

Hat das Insekt mit den großen Facettenaugen Beute gesichtet, schnellen die Fangarme in Sekundenbruchteilen nach vorne. Das hat die Bad Nauheimerin noch nicht beobachtet. »Die Gottesanbeterin frisst alles, was sich bewegt«, weiß sie aber. Dazu zählen auch Artgenossen, nicht nur die kleineren Männchen, die sich die Gottesanbeterin manchmal während des Geschlechtsakts einverleibt.

 

Falter und Wespen als Leibspeisen

Andere Geschichten zu Ernährungewohnheiten der Tiere werden von den HLNUG-Experten dagegen ins Reich der Fabeln verwiesen. So ist im Internet zu lesen, dass sich die großen Insekten selbst an Mäusen und Fröschen gütlich tun. Das schließt Niklas Krummel fast aus, zumal die Gottesanbeterin selten auf der Erde sitzt. Heuschrecken, Falter, Wespen oder Fliegen gehörten eher zu den Leibspeisen des Lauerjägers.

Tanja Oberwallner findet ihre Garten-Mitbewohnerin faszinierend und hofft auf eine Fortsetzung im kommenden Jahr. Ihr Garten bietet die notwendigen Voraussetzungen. Dort gibt es nämlich auch einige Magerpflanzen. »Wir haben das ›gepflegte Chaos‹, das ganze Jahr über blüht etwas«, sagt sie. Das locke viele Hornissen, Hummeln und andere Fluginsekten an, was der Gottesanbeterin zugute komme.

Sollte die Fangschrecke 2019 erneut bei den Oberwallners auftauchen, will das Landesamt genauer untersuchen, ob es in Bad Nauheim ein größeres Vorkommen gibt. Allzu viele Hoffnungen auf ein Dauergastspiel sollte sich Tanja Oberwallner nicht machen. »Es muss nur mal eine verregneter, kühler Sommer und Frost im Oktober geben, dann könnte die Gottesanbeterin wieder für einige Jahrzehnte verschwinden«, sagt Niklas Krummel.

 

Info

Seit 2004 in Südhessen

Femme fatale oder Vorbild für Kung-Fu-Kämpfer – um die Gottesanbeterin (Mantis religiosa) ranken sich viele Mythen. Weil sie leicht zu identifizieren ist, hat das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) 2017 begonnen, ein Register anzulegen. Der nördlichste Fund in Hessen ist den Oberwallners in Bad Nauheim gelungen. Laut Niklas Krummel (HLNUG) ist die Gottesanbeterin seit 2004 in Heppenheim etabliert und wandert Richtung Norden. Der Sommer und Herbst 2018 ist ideal für diese Spezies, die aus Afrika stammt. Als invasive Art kann die Gottesanbeterin allerdings nicht bezeichnet werden, denn sie ist seit Jahrhunderten in Deutschland heimisch. So gibt es eine Schrift von 1761 aus Frankfurt, in der das Insekt beschrieben wird. Zeitweise war die Fangschrecke nur am Kaiserstuhl zu finden, im Rest Deutschlands galt sie als ausgestorben. Anekdote am Rande: Das Gottesanbeterinnen-Register des HLNUG wird Teil des »Heuschrecken-Atlas für Hessen«, obwohl das Tier nicht mit Heuschrecken verwandt ist. Wer eine Gottesanbeterin entdeckt, kann eine möglichst bebilderte Info ins Internet stellen: www.hlnug.de. (bk)

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