31. Juli 2018, 21:02 Uhr

»Wetteraukreis, guten Tag«

31. Juli 2018, 21:02 Uhr
Tobias Schul (M.) an seinem Arbeitsplatz zusammen mit der Geschäftsführerin der Behindertenhilfe Wetterau, Eva Reichert, und Landrat Jan Weckler. (Foto: prw)

»Wetteraukreis, guten Tag!« Diese Begrüßung wählt Tobias Schul mehrere Hundert Mal am Tag. Er kann auch kurz vor Feierabend immer noch lächeln und freundlich die Frage beantworten, die er an diesem Tag schon mehrfach gestellt bekommen hat. Schul empfängt in der Kreisverwaltung die Besucher im Gebäude B und weist ihnen den Weg. Parallel dazu vermittelt er eingehende Telefonate, reserviert Dienstwagen und gibt die Schlüssel dafür aus.

Tobias Schul hat keinen ganz einfachen Weg hinter sich. Von Geburt an zu 70 Prozent gehbehindert, besuchte er eine Förderschule und machte danach in Baden-Württemberg eine Lehre zum Büropraktiker. Eine Ausbildung ohne große Perspektive. Der Arbeitsmarkt war gesättigt und Schul zunächst einmal arbeitslos.

Einstieg über Behindertenwerkstatt

Über eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung der Behindertenhilfe Wetteraukreis (bhw) fand er einen Einstieg in das Berufsleben. Schul probierte verschiedene Tätigkeiten innerhalb der Werkstatt aus, stellte aber schnell fest, dass das Richtige für ihn nicht dabei war. Er konnte und wollte mehr leisten. »Uns ist es wichtig, die Menschen je nach ihren Fähigkeiten und Wünschen individuell zu fördern«, sagt Eva Reichert, Geschäftsführerin der bhw.

Deshalb wurde für Schul ein Praktikumsplatz außerhalb der bhw gesucht und beim Wetteraukreis gefunden. Die Praktika in verschiedenen Abteilungen der Kreisverwaltung gingen über in eine sogenannte betriebsintegrierte Beschäftigung. Dabei war Schul zwar bei der bhw angestellt, aber in der Kreisverwaltung beschäftigt wie jeder andere auch. »Die betriebsintegrierte Beschäftigung ist eine gute Möglichkeit für beide Seiten, auszuprobieren, ob die Chemie und die Leistung stimmen«, so Reichert. Tobias Schul arbeitete in den Fachdiensten Soziale Hilfen, Ordnungsrecht und im Info-Service und Callcenter. »Hier hat es mir am besten gefallen.«

Nachdem Ingrid Pfister nach 46 Berufsjahren in den wohlverdienten Ruhestand ging, bot sich für ihn die Chance auf eine Vollzeitanstellung, zunächst einmal befristet. »Ich mag den Kontakt zu den Kunden. Die Leute sind alle sehr nett zu mir. Die Arbeitsatmosphäre ist sehr gut. Ich fühle mich hier wirklich wohl und meine Arbeit wird anerkannt. Wenn tatsächlich einmal ein Kunde laut wird, vielleicht weil er schlecht gelaunt ist, dann bleibe ich ruhig und mein Gegenüber beruhigt sich dann auch recht bald«, sagt Schul.

Die Ruhe selbst

Die Ruhe selbst ist Schul auch dann, wenn viele Leute vor ihm stehen und das Telefon ohne Unterlass klingelt. Das Schwerste für Schul war es, sich möglichst schnell zu merken, wer wo sitzt. Immerhin hat die Kreisverwaltung mehr als 1200 Mitarbeiter. »Ich habe mir fest vorgenommen, die Telefonnummern noch bis zum Jahresende zu lernen.«

Auf die Frage, was ihm noch wichtig ist, sagte er zunächst einmal Danke. Danke, an die Behindertenhilfe, dass sie ihm die Möglichkeit für ein Praktikum außerhalb der Werkstatt ermöglicht hat, und an den Wetteraukreis, dass er ihm die Chance gegeben hat, sich hier zu bewähren.

Um die Integration von Menschen mit Behinderung in den regulären Arbeitsmarkt zu fördern, schreibt der Gesetzgeber Arbeitgebern mit mehr als 20 Beschäftigten vor, mindestens fünf Prozent der Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung vorzuhalten. Wird dies nicht umgesetzt, wird eine Abgabe fällig, die wiederum für Integrationsaufgaben eingesetzt wird.

Der Wetteraukreis erfüllt diese gesetzliche Quote mit derzeit 128 Mitarbeitern, die eine Behinderung haben, um mehr als das Doppelte.

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