Wetterau

Wetterauer Omas protestieren gegen Rechts

Sie wollen, dass ihre Enkel in einem Land ohne Rassismus groß werden: die Demo-Gruppe »Omas gegen Rechts«. Die Bad Vilbelerin Angelika Ungerer holt die Bewegung jetzt in ihre Heimat.
07. Januar 2019, 14:00 Uhr
Alexander Gottschalk
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Angelika Ungerer (l.) und Heike Arnold von der Frankfurter Gruppe gehen mit den »Omas gegen Rechts« regelmäßig auf die Straße. Hier demonstrieren sie in Enkheim gegen die Frankfurter AfD, die im dortigen Volkshaus im Oktober ihre Abschlussveranstaltung zur Landtagswahl abgehalten hat. (Foto: pv)

Ein politischer Mensch war Angelika Ungerer (59) eigentlich nie. Sie gehörte nie einer Partei an, focht nie für eine Gewerkschaft, ging nicht auf Demos. Obwohl: Mit zwölf Jahren hat sie mal jemand mitgenommen, um für den Bau einer Umgehungsstraße zu protestieren. Ein anders Mal besuchte sie eine Greenpeace-Kundgebung. Aber richtig mitmischen wollte sie nirgends. Heute ist das anders.

Die Bad Vilbelerin hat Ende Oktober die »Omas gegen Rechts Wetterau« ins Leben gerufen. Eine Gruppe, die sich gegen den Rechtsruck stellen soll. Dagegen, dass manche nicht an der Gesellschaft teilhaben können. Gegen Menschenfeindlichkeit. Gegen Frauenbilder aus den 50er Jahren.

Ungerer hat sich ein Spruchbanner gebastelt, an ihre eigens gestrickte Mütze einen »Omas«-Anstecker geheftet, Flyer ausdrucken lassen und sich die offizielle Hymne ihrer Protestbewegung besorgt. »Omas, Omas, uns, braucht das ganze Land, wir kämpfen für die Kinder und machen Widerstand«, heißt es darin.

 

1500 Frauen Deutschlandweit

Warum? Die Antwort fällt der großen Frau mit den blonden Haaren leicht: »Als Jugendliche habe ich meine Mutter oft gefragt, wie es sein kann, dass immer alle sagen, sie hätten von den Konzentrationslagern und den anderen Gräueltaten der Nazis nichts mitbekommen«, erzählt Ungerer. »Ich will nicht, dass meine Enkel irgendwann auch fragen, warum ich damals nichts getan habe. Ich will nicht dabei zusehen, wie wir von den Rechten überrannt werden.« Sie hat Angst, dass der Faschismus irgendwann einfach wieder da ist.

Stadtbekannt wurde Ungerer ab 2015 als Vorsitzende des Bad Vilbeler Flüchtlingshilfevereins. Die Ablehnung, die den Flüchtlingen entgegenschlug, stieß ihr sauer auf. »Die Flüchtlingskrise hat mich politisiert«, sagt sie heute. Erst gab Ungerer nur Sprachkurse, dann häuften sich die Aufgaben, und sie stand an der Spitze der Vilbeler Flüchtlingsarbeit.

Ich will nicht, dass meine Enkel irgendwann fragen, warum ich damals nichts getan habe

Angelika Ungerer, Gründerin der Wetterauer "Omas gegen Rechts"

Ende 2017 gab sie den Posten auf. Zu viel blieb an ihr hängen, sagt sie, zu wenig Unterstützung kam von Stadt und Zivilgesellschaft. Doch das Gefühl, dass in Deutschland etwas gewaltig schief läuft, blieb. Bei den Omas gegen Rechts fand sie Gleichgesinnte. Rund 1500 Frauen haben sich unter diesem Namen deutschlandweit zusammengefunden.

Die Seniorinnen kommen aus allen Schichten. Hausfrauen, Gewerkschafterinnen, manche bei den Grünen oder den Linken, andere in keiner Partei, vergleichsweise junge wie Ungerer, und solche, die nicht mehr ohne Gehilfe laufen können.

Viele der Omas hätten ähnliche Geschichten wie sie, erzählt die Vilbelerin. Sie sind im Nachkriegsdeutschland aufgewachsen, engagieren sich in der Flüchtlingshilfe, an Schulen oder in der Nachbarschaftshilfe, die meisten seien tatsächlich Großmütter. Ungerer, die selbst zwei Töchter hat, ist erst vor drei Monaten Oma geworden. Der Vater ihres kleinen Enkels hat kurdische Wurzeln. Ein Grund mehr aufzubegehren gegen die AfDs und Pegidas dieser Welt.

 

Mitstreiter aus der Wetterau gesucht

»Ich wäre auch bei den Omas gegen Rechts, wenn ich nicht Großmutter wäre«, sagt Ungerer. Beim Abschluss des Wahlkampfs der Frankfurter AfD zogen die Omas mit rund 300 Menschen pfeifend und gröhlend vor das Volkshaus im Stadtteil Enkheim. Seit diesem Tag geht sie regelmäßig zu den Oma-Treffen.

Weil sie aber in der Wetterau besser vernetzt ist, hat sie die Gruppe in Bad Vilbel gegründet. Mitstreiterinnen sucht sie derzeit noch, räumt sie ein. Optimistisch, diese auch zu finden, ist sie aber. Beim Frankfurter Frauenmarsch am 19. Januar will sie dabei sein, dann soll es in Bad Vilbel einen Präventionskurs zu Altersrassismus geben.

»Früher wurde gegen konkrete Probleme protestiert, die Startbahn West oder Waldrodung«, sagt Ungerer. »Jetzt ist es anders. Unsere ganze Gesellschaft ändert sich.« Und nicht zum Guten, wie sie findet. »Wenn ich höre, dass viele Jugendliche nicht wissen, was der Holocaust ist, bin ich tief erschrocken«, sagt sie. Und wenn die Jungen schweigen, müssen die Alten eben umso lauter sein.

Die Omas organisieren sich hauptsächlich über Social-Media. Bei Facebook ist die Wetterauer Gruppe unter dem Schlagwort »Omas gegen Rechts Wetterau« zu finden. Direkten Kontakt gibt’s per Mail an OGR-Wetterau@gmx.de.

 

Aus Österreich nach Deutschland

Der Verein »Omas gegen Rechts« wurde im Mai 2017 in Österreich gegründet. Mittlerweile ist die Initiative aber längst auch in den meisten größeren deutschen Städten angekommen, seit einem Jahr ist sie auch hierzulande ein eingetragener Verein. Die Omas beschreiben sich selbst als Plattform für zivilgesellschaftlichen Protest mit dem Motto »Alt sein heißt nicht stumm sein!«. Im Internet sind sie unter omasgegenrechts.at zu finden. Offen ist die Bewegung nicht nur für ältere Frauen, sondern für Unterstützer jeden Alters und Geschlechts.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/friedbergbadnauheim/Wetterau-Wetterauer-Omas-protestieren-gegen-Rechts;art472,536357

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