Wetterau

Wetterauer Feuerwehren warnen: Grenzen der Belastbarkeit erreicht

Die Erwartungshaltung der Bürger wachse, andererseits sinke die Unterstützung. Welche Probleme die Feuerwehrleute haben, kam bei der Mitgliederversammlung des Kreisfeuerwehrverbands zur Sprache.
20. März 2018, 14:00 Uhr
Oliver Potengowski
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Deutlich mehr Brandeinsätze als im Vorjahr haben die Kreisfeuerwehren 2017 verbucht. Hinzukommen Übungen, Fortbildungen und vieles mehr. »Die Anforderungen steigen«, sagt Kreisbrandinspektor Lars Henrich und plädiert für Mitgliederwerbung. (Foto: dpa)

Innerhalb weniger Minuten war am Samstag in der Büdinger Willi-Zinnkann-Halle der Vorstand des Kreisfeuerwehrverbands einstimmig bestätigt: mit Kreisbrandinspektor Lars Henrich an der Spitze, seinem Stellvertreter Michael Kinnel, Schriftführer Michael Stotz, Kassenverwalter Thorsten Eberhard, Pressesprecher Robert Winkler und Alwin Kneiske als Sprecher der Ehren- und Altersabteilungen. »Eine Wahl, wie sie heute stattgefunden hat, ist beachtlich«, lobte Wolfgang Reinhardt, Vizepräsident des Landesfeuerwehrverbands.

Reinhard dankte dem Kreisverband für die mit nur einer Gegenstimme beschlossene Erhöhung des Jahresbeitrags um rund 50 Cent je Mitglied. Dadurch wird die Erhöhung der Abgabe an den Landesverband auf 3,20 Euro finanziert. Reinhard erklärte, ein solides finanzielles Fundament sei die Voraussetzung für die Arbeit des Verbands, der unter anderem die Aus- und Fortbildung organisiert.

 

Probleme bei der Ausbildung

Diese bekomme einen immer höheren Stellenwert, insbesondere wegen des Fortschritts der Technik, betonte Henrich in seinem Jahresbericht. Ein Problem bei der Ausbildung seien die Kapazitäten der Landesfeuerwehrschule, die nicht mehr ausreichten. Ein Teil der Ausbildung könne mit den 85 ehrenamtlichen Kreisausbildern getragen werden. Doch auch hier seien die Grenzen der Belastbarkeit nahezu erreicht. An dem Anstieg der Einsätze um 198 auf 2118 im letzten Jahr hätten die Brandeinsätze mit einer Zunahme um 150 auf 681 einen überproportional großen Anteil gehabt. Auch die technischen Hilfeleistungen stiegen um 95 Einsätze auf 913.

Henrich betonte, diese Einsätze kämen zu den immer größeren Anforderungen an die Feuerwehrleute durch das Berufs-, aber auch Familienleben. Mitgliederwerbung sei nötig. Dabei seien auch die Kommunen gefordert.

Bei der Mitgliederwerbung sind auch die Kommunen gefordert

KBI Lars Henrich

Derzeit sind die Mitgliederzahlen noch weitgehend stabil. Sie verringerten sich lediglich um 23 Feuerwehrleute auf 3953 im letzten Jahr. Dabei trug auch ein wachsender Anteil der inzwischen 554 Frauen (+26) dazu bei, den Rückgang bei den Männern abzumildern. Henrich führte das auf die Werbekampagnen der letzten Jahre zurück.

Auch die 73 Übernahmen aus der Jugendfeuerwehr, von denen der neue Kreisjugendwart Christian Zahn berichtete, halfen, die Zahlen zu stabilisieren. Er erwähnte aber auch, dass die Mitgliederzahl in den Jugendabteilungen um 114 Jugendliche auf 1457 gesunken sei. Rund ein Drittel seien Mädchen.

 

Michael Schäfer und Bernd Reiter neue Ehrenmitglieder

In ihren Grußworten betonten die Vertreter der Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik die zunehmend schwierigeren Arbeitsbedingungen der Feuerwehren und anderer Rettungsdienste zwischen einer wachsenden Erwartungshaltung der Bürger einerseits und sinkender Unterstützung andererseits.

Einstimmig entschieden die Feuerwehrleute, Michael Schäfer und Bernd Reiter zu Ehrenmitgliedern zu wählen. Die weitere Ehrung war eine Überraschung, die nicht auf der Tagesordnung stand: Der frühere Landrat Joachim Arnold bekam wegen seiner Verdienste um die Feuerwehr die Deutsche Feuerwehr-Ehrenmedaille verliehen. Arnold sagte, vor allem als Bürgermeister habe er erfahren, welche Belastungen Feuerwehrleute mit ihren Aufgaben ertragen müssten. »Da habe ich schätzen gelernt, was Kameradschaft bei den Feuerwehrleuten bedeutet.« Sie stünden auch nach den Einsätzen zueinander, um die Belastungen aufzuarbeiten. Arnold: »Das sind prägende Momente.«

Info

Drei Fragen an Kreisbrandinspektor Lars Henrich

In den Grußworten und auch der Presse wird immer wieder von Übergriffen gegen Rettungsdienste gesprochen. Wie groß ist das Problem im Wetteraukreis?

Lars Henrich: Wir hatten im letzten Jahr in Wöllstadt ein Ereignis, wo eine Einsatzkraft angegriffen wurde, stürzte und sich das Schlüsselbein brach. Der Täter ist polizeibekannt, Straf- und Zivilverfahren laufen noch. Verbale Entgleisungen gibt es, aber nicht so viele, wie das bundesweit ist. Oft ist es Unverständnis über Maßnahmen der Feuerwehr, etwa Absperrungen. Allgemein beobachten wir eine sinkende Toleranzschwelle.

Die Feuerwehr Bad Nauheim hat den Hessischen Integrationspreis bekommen. Welche Bedeutung haben Integration und Zuwanderung für die Feuerwehr?

Henrich: Alle Bürger, die in der Feuerwehr aktiv sein möchten, werden gleich aufgenommen – unabhängig von ihrer Herkunft. Auch Menschen, die nach Deutschland geflohen sind. Wir arbeiten daran, ihnen das System der deutschen Feuerwehren zu vermitteln. Weil die Feuerwehren in anderen Ländern oft Teil von Militär oder Polizei sind, gibt es bei Zuwanderern oft eine spürbare Distanz.

Wie ist die Nachwuchssituation der Feuerwehren im Kreis?

Henrich: Es reicht noch, aber daran muss gearbeitet werden. Ein Problem ist die Konkurrenz durch die Vielzahl von Freizeitangeboten und die schulische Belastung. Auch deshalb gibt es eine Vereinbarung zwischen Innen- und Kultusministerium, mehr Feuerwehr in die Schulen zu bringen. Das können Tagesveranstaltungen oder auch AGs sein. Eine Forderung ist, Brandschutzerziehung der Verkehrserziehung gleichzustellen. Dann würde das Land die Personalkosten tragen. So wäre die Finanzierung sichergestellt.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/friedbergbadnauheim/Wetterau-Wetterauer-Feuerwehren-warnen-Grenzen-der-Belastbarkeit-erreicht;art472,405577

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