19. Oktober 2017, 05:00 Uhr

Nachhilfestunden

Wer schlau ist, büffelt in den Ferien Mathe

Ferien bedeuten für die meisten Kinder: keine Schule, kein Lernen. Manche nutzen aber die Zeit und besuchen die Nachhilfeschule. Dorthin gehen nicht nur die, die in der Schule nur Fünfen schreiben.
19. Oktober 2017, 05:00 Uhr
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Von Jürgen Wagner
Schulleiterin Evelyn Weiß und Nachhilfelehrer Sven Sylla lernen mit Giuliano (l.) und Nicholas für die nächste Mathearbeit. (Foto: Nici Merz)

Früher war Nachhilfe verpönt. »Da gehen eh nur die hin, die nichts kapieren«, hieß es. Wer Nachhilfe nehmen musste, fehlte nachmittags auf dem Bolzplatz und galt als Verlierer. Längst hat die Branche dieses (ohnehin nur bei Schülern geltende) Image abgelegt. Nachhilfe ist eine Dienstleistung wie jede andere, man kann sie stundenweise oder im Abo einkaufen, kann sie regelmäßig besuchen oder als Auffrischung vor dem Abitur.

Ferienkurse eigneten sich gut dazu, den Lernstoff in Ruhe und ohne Hektik durchzunehmen, sagt Evelyn Weiß. Die 71-Jährige leitet seit 20 Jahren die Nachhilfeschule Weiß in der Friedberger Altstadt. Gerade bereiten sich die beiden Grundschüler Nicholas und Giuliano auf die Mathearbeit vor, die sie nach den Ferien schreiben. Die Lernatmosphäre ist familiär, wird einer der beiden unruhig, kommt Nachhilfeschulhund Sultan, ein verschmuster Labrador-Retriever-Mischling, und lässt sich kraulen. »Nervöse Kinder werden dann gleich ruhiger.«

Lern-Gymnastik für die Synapsen

In den Ferienkursen der Nachhilfeschulen wird aber nicht nur Lernstoff gepaukt. Angeboten werden auch Konzentrationskurse. Die Kinder machen Lern-Gymnastik, bringen mit Bewegungsübungen die Synapsen im Gehirn auf Trab. »Wir vermitteln auch den kindgerechten Umgang mit Computer und Smartphone und geben den Schülern Verhaltensregeln mit auf den Weg«, erzählt Weiß. Etwa dass die Kinder ihre Hausaufgaben zu Hause am aufgeräumten Schreibtisch erledigen und nicht in der Küche, in der gerade gekocht wird. Auch eine Schlafenszeit wird vereinbart, damit die Kinder nicht bis Mitternacht vor der Glotze hängen – was gar nicht so selten vorkommt.

Kraft tanken in der Natur

Der Konzentrationskurs schließt mit einem Ausflug. Weiß: »Auf dem Glauberg-Plateau im Gras liegen, den Wind spüren, nur die Vögel zwitschern hören und zur Ruhe kommen – das ist für viele Kinder eine ganz neue Erfahrung. Dabei können sie Kraft tanken.«

Von »Fidget Spinners«, den kleinen Handkreiseln aus China und Plastik, die angeblich Stress reduzieren und hyperaktiven Kindern helfen soll, sich zu konzentrieren, hält Weiß nichts. »Damit kommt kein Kind zur Ruhe.« Tatsächlich gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg für eine therapeutische Wirkung von Fidget Spinners; in vielen Schulen sind sie inzwischen verboten. Wichtiger als Spielzeug sei die Atmosphäre, die man den Schülern biete, sagt Weiß: freundliche Räume, kleine Lerngruppen, kein Frontalunterricht, dafür aber eine individuelle Betreuung.

Mathematik steht bei der Nachhilfe ganz oben im Kurs. Auch Deutsch, Sprachen sowie in höheren Klassen Chemie und Physik werden oft nachgefragt. Weiß und ihre derzeit sechs Lehrer – die meisten Studenten – haben schon traumatisierte und verwahrloste Kinder unterrichtet und selbst aussichtslose Fälle bis zur Schulreife gebracht.

Jetzt studiert er Theologie

An einen Jungen erinnert sie sich, der als autistisch galt, völlig verschlossen war und nur schlechte Noten schrieb. »In der Nachhilfeschule haben wir herausgefunden, dass der Junge hochbegabt ist und eigentlich ein Überflieger sein müsste.« Der Junge hat die Schule dann mit Bravour geschafft, heute studiert er Theologie. Bei einem Mädchen stellte sich heraus, dass es schwerhörig ist. Das war weder in der Schule noch zu Hause aufgefallen. Das Kind bekam ein Hörgerät. »Danach waren die Leistungen gut.«

Nachhilfe nehmen nicht nur Schüler, die im Unterricht nicht mehr mitkommen. Zu den Kunden zählen auch Abiturienten, die auf einer 2 stehen und sich mit der Note 1,5 bessere Chancen auf einen Studienplatz ausrechnen. Nachhilfeschulen empfehlen Unterricht über einen längeren Zeitraum. Was aber genauso oft vorkommt: Die Mutter, die anruft und verzweifelt schildert, ihre Tochter schreibe morgen eine Mathearbeit und benötige heute unbedingt Nachhilfe. »Manchmal klappt das«, sagt Evelyn Weiß und lacht. Auf Dauer seien solche Schnellschüsse aber keine Lösung. Vielleicht besucht die Tochter beim nächsten Mal einen Ferienkurs und bereitet sich dann ohne Stress und Hektik auf die nächste Mathearbeit vor.

 

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Nachhilfeangebote

Alle Nachhilfeschulen versprechen eine individuelle Betreuung des Kindes: Wer in der Schule mit großen Klassen und Mitschülern aus zig Nationen nicht mitkommt, soll durch Nachhilfe fit gemacht werden. Nachhilfeschulen bieten Unterricht in nahezu allen Fächern an, für alle Schulformen und Klassen. Auch Ferienkurse zählen zum Angebot. In der Wetterau gibt es eine ganze Reihe von Angeboten. Infos im Internet u. a. unter www.schuelerhilfe.de, www.studienkreis.de, http://lernpoint-ev.de/, www.friedberger-nachhilfe.de, www.pfi-lernen.de, www.nachhilfeschule-weiss.de, www.nachhilfe-in-bad-nauheim.de oder www.dein-mathecoach-bad-nauheim.de. (jw)



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