29. Januar 2017, 11:00 Uhr

Telefonbuch-Nostalgie

Wer liest schon das Telefonbuch?

Ist das gedruckte Telefonbuch in Zeiten von Interneteinträgen und Smartphone überhaupt noch zeitgemäß?
29. Januar 2017, 11:00 Uhr
Bei den Telefonverzeichnissen hat der Kunde die Wahl, doch die fällt immer mehr zugunsten der Online-Version aus. Der Internetauftritt von »Das Örtliche« etwa bietet zahlreiche Suchfunktionen und kennt die billigste Tankstelle. (Foto: Nici Merz)

»Alle Bücher sind zu dick. Nur dieses nicht«, verkündete der Literatur-Kritiker Marcel Reich-Ranicki. Gemeint war das Telefonbuch, die Rezension fiel durchweg positiv aus: »Hier triumphiert die Sachlichkeit!« Junge Leute wissen nicht mehr, wer Reich-Ranicki war. Genauso könnte es dem gedruckten Telefonbuch ergehen. Ist es noch zeitgemäß?

Als 1878 in New Haven in Connecticut/USA das erste Telefonbuch der Welt erschien, war dies eine Liste mit 50 Einträgen. Die Zahl der Fernsprechanschlüsse war noch überschaubar. Drei Jahre später wurde in Berlin mit dem »Verzeichnis der bei der Fernsprecheinrichtung Beteiligten« Deutschlands erstes amtliches Telefonbuch herausgegeben, ebenfalls ein noch recht dünnes Heft. Heute listet das Telefonbuch mit seinen verschiedenen Ausgaben und dem regionalen Ableger »Das Örtliche« etwa 100 Millionen private und gewerbliche Kontakte auf.

Ungefähr aus der Zeit der ersten Telefonbücher muss folgender Witz stammen. Sagt der eine zum anderen: »Du hast jetzt Telefon? Wusste ich gar nicht!« Antwortet der andere: »Liest Du denn nicht das Telefonbuch?« Auch Reich-Ranicki hat das Telefonbuch nicht gelesen, zumindest nicht komplett. Er hat Werbung für die Telekom gemacht. Die einzige Prominente, die auf die Frage, welches Buch sie zuletzt gelesen habe, »das Telefonbuch von Osnabrück« geantwortet hat, ist TV-Blondine Daniela Katzenberger. Das Telefonbuch ist ein reines Nachschlagewerk, aber auch dafür gibt es nun andere Medien: Computer und Smartphone.

Eine Umfrage in der Bad Nauheimer Fußgängerzone bestätigt das. »Das Telefonbuch? Das nutze ich nicht«, sagt ein 17-Jähriger. »Das ist komplett überflüssig, also für meine Generation.« Eine 21-Jährige sieht das genauso: »Das brauche ich nicht. Wieso auch?«, sagt sie und zeigt auf ihr Smartphone. »Da finde ich alle Nummern.« Doch auch ältere Menschen nutzen Telefonbücher hauptsächlich online. »Man kann doch alle Nummern googeln. Das Telefonbuch wird verschwinden«, ist sich ein 55-jähriger Besucher aus Limburg sicher. Ein Ehepaar aus Niddatal – sie 62, er 70 – sagt, hin und wieder würden sie zur gedruckten Version greifen. »Eigentlich ist es überflüssig. Es gibt aber noch viele ältere Leute, die keinen PC haben. Die brauchen das weiterhin.«

Auflagenzahlen gleich geblieben

Marcus Gaube, Teamleiter beim Telefonbuchverlag Sasse Medien GmbH, sieht das anders. »Die gedruckten Bücher sind noch zeitgemäß«, sagt er. Der Verlag war bis vor zwei Jahren in der Bad Nauheimer Fußgängerzone angesiedelt, nach einem Zusammenschluss mit zwei anderen Telefonbuchverlagen hat er seinen Sitz nun in Linden-Leihgestern, druckt »Das Örtliche« für verschiedene Regionen in Hessen. »Unsere Erfahrung ist, dass die Bücher sehr wohl nachgefragt und auch genutzt werden.« Die Auflagenzahlen seien in den letzten Jahren gleich geblieben: Für den Bezirk Gießen druckt Sasse Medien 91 000 Exemplare des »Örtlichen«, für Marburg 75 000, für den Kreis Biedenkopf 31 000. Die Auflage des »Örtlichen« für Bad Nauheim, Friedberg und Umgebung liegt bei 44 000 Exemplaren.

Die Bücher sind nach wie vor kostenlos, finanzieren sich durch Anzeigen von Gewerbetreibenden. Der Verlag gibt nicht nur das gedruckte Buch heraus, sondern betreut auch die Internetseite. Die bietet zahlreiche Funktionen an wie Rückwärts- und Umkreissuche, Geldautomaten-, Weihnachtsmarkt- oder Kinoprogrammsuche. Die Benzinpreissuche verrät, wo man die günstigste Tankstelle in der Umgebung findet. Das kann ein gedrucktes Buch nicht. Das Onlineportal wird monatlich von rund 18 Millionen Nutzern bundesweit aufgerufen.

Auch er höre immer mal wieder, die gedruckte Version sei überflüssig, sagt Gaube. Das sei vorschnell gedacht. Er selbst ist 40 Jahre alt. »Ich gehöre zur klassischen Übergangsgeneration. Aber man muss auch den älteren Nutzern gerecht werden.«

Das »Örtliche«, das »Telefonbuch« und die »Gelben Seiten« liegen meist an zentralen Orten aus. In Bad Nauheim etwa bei der Post, im Rewe-Markt und in Tankstellen. »Da bleiben immer welche übrig«, sagt ein Post-Mitarbeiter. Andernorts wird es direkt an die Haushalte verteilt. Der Hessische Rundfunk berichtete kürzlich, dass immer mehr unerbetene Telefonbücher stapelweise auf der Straße vergammeln oder in den Papier-Mülltonnen landen. Ein Ärgernis, um das sich dann der städtische Entsorgungsbetrieb kümmern muss.

Vielleicht sollte man einfach mal das Telefonbuch lesen. Auf die Frage, ob es noch zeitgemäß sei, antwortete ein 50-jähriger Bad Nauheimer, wenn er auf der Toilette sitze und nichts zu lesen habe, suche er sich lustige Namen heraus, rufe die Leute mit dem Handy an und wünsche ihnen einen schönen Tag. Mit Telefonbüchern kann man immer noch menschliche Kontakte pflegen.

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