14. November 2017, 20:18 Uhr

Wenn sich alles dreht

14. November 2017, 20:18 Uhr
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Aus der Redaktion
Tibo Gerriets

Über Ursachen, Symptome und Therapiemöglichkeiten bei Schwindel hat Prof. Tibo Gerriets bei einer Sonntagsvorlesung in der Kulturhalle der Klinik für Psychiatrie referiert. Gerriets ist Facharzt für Neurologie und Chefarzt der Schlaganfalleinheit (Stroke Unit) des Gesundheitszentrums Wetterau (GZW) im Bürgerhospital Friedberg. Annähernd 90 Zuhörer sorgten für voll besetzte Reihen.

Das »Gleichgewichtsorgan« des Menschen besteht aus mehreren Komponenten. Rezeptoren in Haut und Gelenken signalisieren über Nerven und Rückenmark dem Gehirn die liegende, sitzende oder aufrechte Position einer Person. Eine hochsensible Funktionseinheit im Innenohr, das Vestibularorgan, besteht aus mit Flüssigkeit gefüllten Bogengängen, in denen Tausende feinster Härchen durch Biegung auf Bewegungen der Flüssigkeit reagieren; die von ihnen so ausgelösten Nervenimpulse unterrichten das Gehirn über horizontale, vertikale oder drehende Bewegungen des Menschen. Beschwert sind die Härchen mit winzigen Calciumcarbonat-Kristallen, den Otholiten. Störungen dieses fragilen Systems sind Gerriets zufolge eine mögliche Ursache für Schwindelgefühle.

Drei besonders häufige »Schwindelkrankheiten« erläuterte er im Einzelnen. Der »gutartige Lagerungsschwindel« tritt plötzlich als heftiger Drehschwindel auf und ist oft mit Übelkeit verbunden. Er hält nur Sekunden an, kann sich aber mehrfach wiederholen. Ausgelöst wird er durch die Bewegung des Kopfes, und sei es nur durch dessen Umlagerung im Bett. Verursacht wird er durch den (alters- oder unfallbedingten) Abbruch eines oder mehrerer Otholiten und dessen Ablagerung im Bogengang. Dort schwimmt das Kristall frei beweglich umher und irritiert die feinen Härchen, die daraufhin »unverständliche« Impulse Richtung Gehirn abgeben.

Helfen kann die Physiotherapie durch spezielle Bewegungsabfolgen, mittels derer der frei schwimmende Otholit einen Ausgang aus dem Bogengang findet soll.

Gar nicht »gutartig« ist ein Schlaganfall des Kleinhirns, der sich ebenfalls durch Schwindelgefühle bemerkbar machen kann. Kennzeichnend sind der »schlagartige« Beginn des Schwindels, der häufig mit einer Drehillusion verbunden ist, manchmal auch mit dem ungewollten Abweichen des Ganges nach links oder rechts. Weitere Warnzeichen sind Übelkeit, Erbrechen und gelegentlich Kopfschmerzen.

»In diesem Fall gibt es nur eines: Die Notfallnummer 112 anrufen und sich vom Rettungsdienst zur nächsten Stroke Unit bringen lassen!«, betonte Gerriets.

Den »Schwindelkrankheiten« nicht eindeutig zuzuordnen sind Gleichgewichtsstörungen, die von einer Polyneuropathie, einer Erkrankung des peripheren Nervensystems, bedingt werden. Diabetes mellitus oder (starker) Alkoholkonsum, aber auch Rheuma, Infektionen, Vitaminmangel und Medikamente (insbesondere Chemotherapeutika) können Polyneuropathien verursachen. Mögliche Folgen sind neben Nervenschmerzen, die medikamentös therapiert werden, Gangunsicherheit und Schwindel. Zur Behandlung empfiehlt sich laut Pressemitteilung über den Vortrag hier wieder die Physiotherapie mit bestimmten Übungen, um den gestörten Gleichgewichtssinn durch Training wieder ins Lot zu bringen. (Foto: pv)



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