23. August 2019, 05:00 Uhr

Tatort Schule

Wenn’s in der Schule eskaliert: Krasse Fälle für die Polizei

Die Polizisten Julia Ruppel und Peter Haas arbeiten in der Friedberger Arbeitsgruppe gegen Gewalt an Schulen (AGGAS). Hier reden sie über Drohungen, Sexting und einen verprügelten Lehrer.
23. August 2019, 05:00 Uhr
Gewalt gibt es auch an Wetterauer Schulen. In den meisten Fällen handelt es sich sowohl bei den Tätern als auch bei den Opfern um Schüler. (Symbolfoto: Siggi Klingelhöfer)

Waren die Schüler früher braver als heute?

Peter Haas: Nein, ich bin jetzt knapp acht Jahre hier in der AGGAS, und wir haben immer ungefähr ein gleichbleibendes Aufkommen von Straftaten. Pro Jahr haben wir im Wetteraukreis so um die 300 Delikte, die wir bearbeiten. Es steigt nicht permanent an.

Sind es heftigere Delikte als früher?

Haas: Die ganzen digitalen Sachen sind dazu gekommen. Das hat man vor einigen Jahren nicht gehabt - oder noch nicht in einem solchen Ausmaß. Aber ansonsten kann man nicht sagen, dass es heftiger wird. Wir führen keine Statistik darüber, welches Delikt es an Schulen gibt. Ich kann es nur anhand unseres Arbeitsaufkommens sehen. Ich bin der Meinung, dass das Dunkelfeld an Schulen höher ist als anderswo. Dass Straftaten also nicht angezeigt werden. Schule hat immer die Eigenheit, dass Täter und Opfer sich kennen. Da gibt es, glaube ich, ein Hemmnis.

Sind vor allem Schüler die Opfer?

Haas: Ja. Im Regelfall sind sowohl Täter als auch Opfer Schüler. In seltenen Fällen wird auch mal der Lehrer als Täter angezeigt. Wir bearbeiten auch Fälle, in die Lehrer, Schulsozialarbeiter oder Eltern verwickelt sind.

Erstrecken sich die Fälle von der Grundschule bis zum Abitur?

Haas: Wir haben ja in Deutschland die Strafbarkeitsgrenze ab 14.

Das heißt, wenn in der Grundschule etwas vorfällt, dann wird das bei Ihnen nicht gemeldet? Oder es bringt nichts?

Haas: Grundschulen suchen auch mal Rat bei uns. Theoretisch ist es auch möglich, gegen ein nicht strafmündiges Kind Strafanzeige zu erstatten, nur eröffnet die Staatsanwaltschaft kein Verfahren. Uns bleibt im Endeffekt in dem Bereich nichts anderes übrig, als pädagogisch zu arbeiten. Wenn ein Kind kurz vor dem 14. Lebensjahr steht und es abzusehen ist, dass weiterhin Straftaten begangen werden, und es sind wirklich gravierende Sachen, dann können wir ein ganz normales Strafverfahren durchführen.

Was bedeutet das?

Haas: Das heißt, wir laden dann auch vor, bearbeiten es genauso, als wäre das Kind schon strafmündig, allein um das mal pädagogisch durchzuexerzieren, was auf das Kind zukommen würde, wäre es schon 14 Jahre alt. Es hat auch für uns den Vorteil, dass dann gewisse Daten von dem Kind im polizeilichen und im staatsanwaltschaftlichen System gespeichert sind und dass es nicht mehr als Ersttäter gilt, wenn es mit 14 noch mal ein Delikt begeht. Aber da muss schon ein bisschen geistige Reife da sein, dass der Täter auch sein Unrecht anerkennt. Das ist in der Grundschule noch nicht unbedingt gegeben. Wir dürfen auch als Polizei nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen und mit der Kripo zur Grundschule kommen.

Aber man hört ja auch überregional von heftigen Fällen in Grundschulen.

Haas: Das stimmt, aber rein rechtlich können wir bei Grundschülern als Täter nicht repressiv tätig werden. Wir können jedoch Gefahren abwehren. Wir hatten im Wetteraukreis auch schon Grundschulen, an denen Schulleiter und Lehrer von Eltern bedroht wurden.

Sie haben eben schon die digitale Welt angesprochen. Welche Beispiele haben Sie in Sachen Soziale Medien?

Haas: Mobbing findet heute eher digital als nicht digital statt. Meiner Meinung nach immer noch vor allem auf WhatsApp und Instagram. Wenn es zu einer Körperverletzung an einer Schule kommt, wird davor und danach über Whats-App darüber geschrieben oder gedroht. Man hat selten ein Delikt, bei dem die digitalen Medien überhaupt keine Rolle spielen. Eine andere unangenehme Sache ist die Verbreitung von Sexting, dass also Videoclips mit pornografischen Inhalten rumgeschickt werden, auf denen Kinder oder Jugendliche zu sehen sind. Wir hatten auch schon Videos, die mutmaßlich aus dem Nahen Osten kommen, mit Hinrichtungsszenen, die gefilmt worden waren und in den Klassen rumgingen. Es gibt auch NS-Darstellungen mit Hitlerbild oder Hakenkreuz.

Ist das nicht frustrierend, weil alles so unübersichtlich ist?

Haas: Das ist richtig. Das ist ein Problem. Einer schickt es weiter in die Parallelklasse oder zu einem Kumpel, der stellt es wieder in die Klassengruppe ein. Da ist es für die Polizei ganz schwer, mal den Deckel drauf zu kriegen. Man hat ruckzuck zehn, 20, 30 Strafanzeigen. In dem Bereich bietet unser Jugendkoordinator Elternabende an, um Aufklärungsarbeit zu leisten. An vielen Schulen kommt das leider zu kurz. Da ist noch Luft nach oben, da gibt es viel zu tun. Wenn ein junges Mädchen sich selbst nackt fotografiert und das Bild rumschickt, bekommt die Polizei das Bild auch nicht wieder raus. Da hilft nur die Prävention.

Gibt es typische Täter und typische Opfer?

Haas: Typische Opfer gibt es: Jemanden, dem man schon ansieht, dass er mit wenig Selbstbewusstsein durchs Leben geht. Typischer Täter - das ist pauschal schwer zu sagen.

Welcher Fall in der Wetterau war besonders schlimm?

Haas: An einer Schule in Friedberg hat der Stiefvater eines Kindes im Unterricht vor der Klasse den Lehrer zusammengeschlagen. Das müsste ungefähr ein Jahr her sein. Problematisch war auch, dass es sich um eine Grundschulklasse mit sehr kleinen Kindern handelte, die alle ein bisschen lernbehindert waren. Die Anhörung mit den kindlichen Zeugen war nicht ganz einfach. Aber wir haben es hingekriegt.

Julia Ruppel: Ein Schüler hat mal mit einem Teleskop-Schlagstock auf einen anderen eingeschlagen.

Wie sieht es mit Drogenproblemen an Wetterauer Schulen aus?

Ruppel: An vielen weiterführenden Schulen wird meiner Meinung nach gekifft, aber härtere Drogen sind im Wetteraukreis nicht so verbreitet.

Haben Sie Erfahrung mit Schülern, die einen Amoklauf angekündigt haben?

Haas: Wenn ein Schüler auf latente Art und Weise äußert, dass er »School Shootings« gut findet, dann sind wir sofort da. Da lassen wir alles stehen und liegen.

Aber Sie hatten noch keinen Fall, in dem wirklich jemand so etwas machen wollte, oder?

Haas: Nein, aber gerade über digitale Medien wird sowas mal aus Spaß angedroht. Das darf man auf keinen Fall ignorieren oder unterschätzen.

Wie oft werden Fälle gemeldet, in denen ein Erwachsener ein Kind angesprochen haben soll?

Ruppel: Gott sei Dank viel, viel häufiger, als es tatsächlich stattfindet. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir hier so einen Fall hatten. Es passiert ganz, ganz selten, dass ein Kind von einem Erwachsenen mit einer bösen Absicht angesprochen wird. Aber die Eltern sind da wirklich sehr empfindsam. Wir müssen jedem Hinweis über jemanden nachgehen, der Kinder angesprochen haben soll. Das ist ein schmaler Grat. Man darf auch keine Panik verbreiten. Man muss die Kinder aufklären, wie sie sich verhalten sollen - und darüber, was auffällige Verhaltensweisen sind.

Sie haben eben den Fall angesprochen, in dem ein Lehrer das Opfer gewesen ist. Welche Rolle spielen Lehrer, wenn es ums Thema Gewalt an Schulen geht?

Haas: Ich denke, wenn ein Lehrer seine Klasse gut in den Griff bekommt und motivieren kann, wird Gewalt an Schulen weitgehend eingedämmt. Oder er kann sofort reagieren, wenn er merkt, dass etwas nicht gut läuft. Es ist auch für uns sehr von Vorteil, dass es flächendeckend Schulsozialarbeit gibt.

Kommen wir zu den Eltern. Ist es nur ein Klischee, dass die sich heute mehr in die Schule einmischen? Eventuell auch gewalttätig werden?

Haas: Von den Lehrern aus meinem Bekanntenkreis höre ich schon, dass sich Eltern mehr in schulische Sachen reinhängen, als das früher der Fall war.

Und dass es zu Gewalt, Bedrohung oder Beleidigung kommt?

Haas: Das ist sehr selten - fünf, sechs Fälle im Jahr.

So arbeitet die Friedberger AGGAS

Schüler, Eltern und Schulen aus der Wetterau können sich an die Arbeitsgruppe gegen Gewalt an Schulen (AGGAS) wenden (E-Mail an AGGAS-WETTERAU.ppmh@polizei.hessen.de, Tel. 0 60 31/60 13 84 oder Tel. 0 60 31/60 13 85). Wenn akut etwa passiert, kommt in der Regel die Schutzpolizei zum Einsatz. Die weitere Bearbeitung des Falles obliegt den Kriminaloberkommissaren Julia Ruppel und Peter Haas von der Friedberger AGGAS. Um Prävention kümmern sich die beiden fast nicht, dafür ist der Jugendkoordinator zuständig. Es geht eher um die Repression, also die Konsequenzen, die aus einer Tat gezogen werden. »Wir in der AGGAS arbeiten überwiegend repressiv. Wir haben in der Wetterau ungefähr 35 000 Schüler, und wir sind hier zu zweit. Da sind wir mit der Repression relativ ausgelastet«, sagt Haas. Allerdings leisten er und seine Kollegin auch Präventionsarbeit in Sachen Mobbing und machen - gemeinsam mit weiteren Polizisten - regelmäßig Drogenkontrollen an Schulen. (agl)

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