27. Oktober 2019, 18:00 Uhr

Hebamme gesucht

Wenn die Geburt zu teuer ist

Eine Hebamme zu finden, wird für Schwangere immer schwieriger. Dabei ist der Beruf noch immer beliebt und die Ausbildungsplätze begehrt. Die Probleme liegen an anderer Stelle.
27. Oktober 2019, 18:00 Uhr
Viele freiberufliche Hebammen betreuen Frauen zwar vor und nach der Geburt, bieten aber keine Geburtshilfe an. Das hat finanzielle Gründe. (Fotos: dpa/privat)

Eine Schwangerschaft ist für viele Paare das größte Glück der Welt. Doch spätestens wenn das Baby da ist, kommen viele Fragen auf: Entwickelt sich mein Kind gut? Wieso habe ich Probleme beim Stillen? Und was tue ich, wenn mein Baby einfach nicht aufhört zu schreien? Diese Fragen kann eine Hebamme beantworten - wenn sie Zeit hat.

»Ich kann Sie und Ihr Baby leider nicht betreuen«, diesen Satz sagt Alexandra Specka oft. Sie ist freiberufliche Hebamme in Reichelsheim. »Im Schnitt muss ich fünf Frauen pro Woche absagen, auch wenn es mir jedes Mal sehr leid tut.« Auch ihre Kolleginnen sind ausgelastet.

Viele junge Familien ziehen in die Wetterau. Gleichzeitig werden Kreißsääle in der Region geschlossen. In den verbleibenden Kliniken herrscht Hochbetrieb. Zwei Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages belegen, dass sich fast die Hälfte aller Hebammen um drei Gebärende gleichzeitig kümmern muss. Das bestätigt Swantje Kalwat, zweite Kreisvorsitzende der Wetterauer Hebammen. In großen Kliniken seien es trotz voll besetztem Dienstplan manchmal sogar vier bis fünf oder mehr. Empfohlen ist eine Betreuung eins zu eins. Die Gefahr, dass Fehler passieren, sei groß, sagt Specka.

Im Bad Nauheimer Hochwaldkrankenhaus seien die Probleme laut Chefarzt Ulrich Groh nicht so massiv. »Wenn die Geburt so richtig in Gang gekommen ist, kann sich eine Hebamme ganz auf die Gebärdende fokussieren. Nur wenn sehr viel los ist, kann es sein, dass eine Hebamme auch einmal zwei Frauen betreuen muss.« Dann sorge das Team aber dafür, dass niemand alleingelassen werde. Man habe auch noch nie werdende Mütter ablehnen müssen.

Wetterau: Hebammen-Kurse voll besetzt

Nachwuchssorgen hat Groh nicht. »Wir konnten alle Stellen problemlos besetzen.« Die Kurse an der Gießener Hebammenschule sind voll, meist gibt es mehr Bewerber als Plätze. Das Problem ist laut Specka ein anderes: »Nicht alle bieten das an, was gewünscht wird.« Freiberufliche Hebammen würden oft nur die Vor- oder Nachsorge übernehmen und keine Geburten begleiten. Wer in einer Klinik angestellt sei, arbeite eher nicht im Bereich der Nachsorge. »Viele Hebammen werden nach der Ausbildung auch erst mal selbst schwanger.«

Kreissprecherin Kalwat sieht durch aus einen Hebammenmangel. Dahinter stecke aber noch mehr: »Immer weniger angestellte Hebammen arbeiten Vollzeit.« Wegen der hohen Belastung und den vielen Überstunden. »Viele werden krank«, sagt Kalwat. Außerdem sei der Schichtdienst nicht unbedingt familienfreundlich. Diese Hebammen würden sich selbstständig machen, um sich ihre Arbeit flexibler einteilen zu können. Dann würden sie aber meist auch weniger arbeiten und keine Geburten mehr betreuen.

Wetterau: Hebammen müssen über 8000 Euro für Versicherung zahlen

Ein Grund dafür ist die teure Haftpflichtversicherung. Über 8000 Euro im Jahr muss eine freiberufliche Hebamme zahlen, die Geburtshilfe anbietet. Aufwendige Dokumentation und komplizierte Abrechnungen kosteten immer mehr Zeit. Dazukomme viel Verantwortung für einen geringen Verdienst. »In Relation zu körperlichen, emotionalen und familiären Belastungen ist das Gehalt nicht angemessen«, findet Kalwat.

»Um wirtschaftlich zu arbeiten, dürfte ich gerade mal 20 Minuten bei einer Familie verbringen«, sagt Specka. Besonders am Anfang nehme sie sich aber oft eine Stunde oder mehr Zeit. Der Alltag sei sehr getaktet und mitunter stressig: »Ich habe die Zeit immer im Rücken.«

»Arbeitet man selbstständig, muss man zudem sehr klare Grenzen ziehen, inwieweit man erreichbar sein kann und will, sonst hat man nie Feierabend«, ergänzt Kalwat. »Auch zum Urlaub muss man sich oftmals zwingen, denn Anfragen gibt es immer oder Problemfälle, die man dann doch mitnimmt.« Wer Hebamme werde, habe ein sehr hohes Pflichtbewusstsein. »Wer es da nicht schafft, sich selbst zu schützen, der brennt irgendwann aus.« Burn-out sei ein häufiges Phänomen unter Hebammen.

Das bringt laut Kalwat viele ältere Kolleginnen dazu, ihren Job früher als geplant aufzugeben. Der Gewinn sei einfach zu gering, wenn man nicht Vollzeit arbeiten wolle.

Trotz all dieser Schwierigkeiten machen die Hebammen ihren Job gerne. Denn sie werden belohnt. »Man sieht, wie ein Leben heranwächst. Das ist nicht nur für die Eltern, sondern auch für uns spannend«, sagt Specka. »Ich finde es schön, die Familie in so einer bewegenden Zeit unterstützen zu können.«

Wetterau: Lösungsvorschläge für den Hebammen-Mangel

Was müsste passieren, damit sich die Situation für werdende Mütter und Hebammen verbessert? Kreissprecherin Swantje Kalwat hat einige Ideen: »Der Personalschlüssel in der Geburtshilfe muss verbessert werden«, fordert sie. Dabei müssten auch besondere Fälle wie Zwillingsgeburten berücksichtigt werden. Außerdem sei eine Überarbeitung der Qualitätsindikatoren für medizinische Versorgung nötig. Die Arbeitsbedingungen müssten familienfreundlicher sein. Außerdem schlägt Kalwat einen Freizeitausgleich anstatt der Auszahlung von Überstunden vor, auch wenn dann wahrscheinlich mehr Personal nötig wäre. Für Hebamme Alexandra Specka wäre vor allem ein höheres Gehalt für Hebammen ausschlaggebend.

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