21. November 2018, 11:00 Uhr

Reicht ein Zaun?

Wenn der Wolf kommt: Wetterauer Schäfer in Sorge

Was bei Naturschützern Freude auslöst, treibt Schäfern Sorgenfalten auf die Stirn: Die Wölfe kommen zurück. Dafür rüsten sich auch die Wetterauer Schäfer.
21. November 2018, 11:00 Uhr
Hund gegen Wolf – um zu verhindern, dass ein Wolf ihre Herde angreift, setzen einige Schäfer Schutzhunde ein. Das ist keine pauschale Lösung, hieß es nun bei einer Veranstaltung des Naturschutzfonds Wetterau. (Fotos: NABU/Michael Glock/pm)

Wie sie ihre Tiere am besten schützen, erklärte kürzlich eine Expertin beim Naturschutzfonds Wetterau. Nicht nur sie zog ein bitteres Fazit.

Für uns Schäfer ist es ein emotionales Thema«, sagt Stefan Heller über die Rückkehr der Wölfe. »Es ist nicht nur unsere Aufgabe, Schafe zu halten, sondern auch, sie zu schützen«. Der 29-Jährige hält in Oppershofen rund 150 Mutterschafe. In seinen Hof stecke er viel Herzblut und Engagement, sagt er. Um seine Tiere zu schützen, hält er sie hinter einem etwa ein Meter hohen Elektrozaun. Jeden Tag muss er bis zu zehn dieser Netze neu aufstellen. Schutzhunde, die einen Wolfsangriff aktiv abwehren, könne er sich nicht leisten. »Wenn der Wolf wirklich kommt, überlege ich aufzuhören.«

Das Problem muss man am Wolf, nicht an den Schafen regeln

Schäfer Andreas Schmid

Noch sind die Wölfe zwar nicht in der Wetterau angekommen. Experten gehen aber davon aus, dass sie in Hessen wieder sesshaft werden. Einzelne, meist männliche Tiere, sind bereits durchs Land gezogen. Gesichtet wurden sie im Odenwald, Waldeck-Frankenberg, Wetzlar und der Rhön. Um die Wetterauer Schäfer auf die Rückkehr des Raubtiers vorzubereiten, hatte der Kreis sie kürzlich zu einer Veranstaltung eingeladen. Eine Schäferin berichtete aus Baden-Württemberg, wo Wölfe schon wieder vorkommen und bereits Schafe gerissen haben.

Ob ein Elektronetz eine Schafherde hundertprozentig vor Wölfen schützt, sei fraglich, sagte Annette Wohlfarth, Geschäftsführerin des Landesschafzuchtverbands Baden-Württemberg. Ein solcher Zaun mit einer Mindestspannung von 3000 Volt und einer Mindesthöhe von 90 Zentimetern gelte zwar als »wolfssicher«, sie empfehle jedoch mindestens 105 Zentimeter hohe Zäune. So sei immerhin die Mindesthöhe in jedem Gelände gewährleistet.

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Andreas Schmid

»Ein Wolf würde die Zäune überspringen«, glaubt dagegen Andreas Schmid von der Schäferei Schmid in Münzenberg-Gambach. Zwar hat auch er Elektronetze aufgestellt, ist jedoch überzeugt: »Wenn der Wolf kommt, ist es sowieso vorbei. Dann kann ich meine Herden nicht schützen.« Seinen Hof betreibt er in vierter Generation und hat derzeit rund 300 Schafe. Sie grasen zum Beispiel auf dem Münzenberger und Traiser Steinberg und halten so die artenreichen Magerrasen frei von zu vielen Büschen.

Die Veranstaltung fand im Rahmen der Gesamtbetrieblichen Biodiversitätsberatung statt, die der Naturschutzfonds Wetterau für Schäfer anbietet. Wie man Herden besser schützen kann, untersucht der Landesschafzuchtverband zusammen mit dem NABU Baden-Württemberg. Die Ergebnisse ließen sich auf die Wetterau übertragen, da Landschafts- und Betriebsstrukturen der Testbetriebe vergleichbar seien, hieß es.

Ein ernüchterndes Fazit zog Wohlfarth bezüglich der Haltung von Herdenschutzhunden. Das sei für die meisten Betrieb keine pauschale Lösung, sagte sie. Schäfer müssten eine Mehrarbeit von bis zu 120 Minuten pro Tag einplanen. Zudem sei es aufwendig und oft schwierig, die Hunde in die Schafherde zu integrieren. Für die Ein-Mann-Betriebe sei der Zeit- und Kostenaufwand eine massive Mehrbelastung.

 

Düfte und Schallwellen

Seine Herde sei im Sommer auf bis zu sechs Standorte verteilt, und dafür benötige er zwölf Hunde, sagt Schäfer Heller. Da kämen schnell Kosten von 30 000 Euro zusammen, rechnet er vor. »Das kann ich nicht einfach aus dem Ärmel schütteln.« Schäfer Schmid ist auch aus anderen Gründen skeptisch: Wenn der freilaufende Hund eines Spaziergängers eine Koppel betrete, könne es durchaus passieren, dass der Schutzhund den Eindringling töte. Oft würden die weitreichenden Folgen der Rückkehr des Wolfs nicht bedacht, mahnt Schmid.

Während in der Wetterau stirnrunzelnde Schäfer zurückbleiben, sollen in Baden-Württemberg weitere Möglichkeiten zum Herdenschutz untersucht werden. Neben Abwehrhalsbändern und abstoßenden Duftstoffen wollen Wohlfahrt und Kollegen auch technische Hilfsmittel wie zum Beispiel Ultraschallwellen und Tracker-Halsbänder unter die Lupe nehmen.

»Zur Zeit besteht zum Glück noch kein Bedarf«, sagt Schmid. Sollte der Wolf kommen, befürchtet er, dass viele Schäfer auf Stallhaltung umstellen oder ganz aufhören. So oder so sagt er: »Das Problem muss man am Wolf, nicht an den Schafen regeln.«

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