Wetterau

Wenn der Pfarrer schwanger wird

1947 wurde die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau in der Friedberger Burgkirche gegründet. 70 Jahre später hat das evangelische Dekanat Wetterau in einer Festveranstaltung einen Blick auf sieben bewegte Jahrzehnte geworfen. Das Podiumsgespräch bot eine kurzweilige Reise durch die Kirchengeschichte.
06. Oktober 2017, 20:14 Uhr
Redaktion
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Begleiten die Gäste auf einer kurzweiligen Reise durch die EKHN-Geschichte (v. l.): Dekan Volkhard Guth, Karl Heinrich Schäfer, Helga Trösken, Ulrike Scherf, Claudia Ginkel, Ulrich Oelschläger, Michael Karg, Martin Stöhr und Uwe Wagner-Schwalbe. (Foto: pv)

1947 wurde die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau in der Friedberger Burgkirche gegründet. 70 Jahre später hat das evangelische Dekanat Wetterau in einer Festveranstaltung einen Blick auf sieben bewegte Jahrzehnte geworfen. Das Podiumsgespräch bot eine kurzweilige Reise durch die Kirchengeschichte.

Dekan Volkhard Guth, der stellvertretende Dekan Uwe-Wagner-Schwalbe und Burgkirchenpfarrerin Claudia Ginkel führten durch den Abend. Mit dabei: prominente Kirchenvertreter wie die stellvertretende Kirchenpräsidentin Ulrike Scherf und der Präses der EKHN-Synode, Dr. Ulrich Oelschläger. Außerdem als Zeitzeugen die frühere Pröpstin von Rhein-Main, Helga Trösken, der ehemalige Präses Karl Heinrich Schäfer, Propst i. R. Michael Karg und der Theologe Professor Martin Stöhr.

Stöhr wies auf die Bedeutung des »Darmstädter Worts« hin, einer Erklärung, die 1947 unter Mitwirkung von Martin Niemöller in Darmstadt entstanden war. Die Kirche bekannte darin eine aktive Mitschuld an der NS-Zeit. »Wir sind in die Irre gegangen« – so der Grundtenor der Erklärung. Die damals umstrittene Stellungnahme gehöre zu den Texten, die das Selbstverständnis der hessen-nassauischen Kirche geprägt haben, sagte Stöhr. Auch später habe sich die Landeskirche noch intensiv mit den historischen und theologischen Dimensionen des Antisemitismus auseinandergesetzt und ihre Abkehr davon 1991 in der Erweiterung ihres Grundartikels zum Ausdruck gebracht, der die bleibende Erwählung der Juden betonte.

Ein Putzkleid, das keines war

1987 wurde Helga Trösken zur Pröpstin gewählt und war damit die erste Frau in einem bischöflichen Leitungsamt in Deutschland. Die 75-Jährige bereicherte den Abend mit einigen unterhaltsamen Anekdoten. 1959 gab sich die EKHN ein erstes Pfarrerinnengesetz, die komplette Gleichstellung trat erst 1971 in Kraft. Das Gesetz sei in der Kirchensynode mit den Worten eingeführt worden: »Was passiert, wenn der Pfarrer schwanger wird?«, erinnert sich Trösken. Die engagierte Theologin hatte in der Kirche gegen ziemliche Widerstände zu kämpfen. »Ich wurde einmal gefragt, ob ich nicht mein Putzkleid ausziehen könne. Dabei war es das Jeanskleid, was ich besonders mochte«, erzählte Trösken. Für Ulrike Scherf war Helga Trösken ein Vorbild als Frau in einem leitenden geistlichen Amt.

Die EKHN verstand sich seit ihrer Gründung immer als eine politische Kirche. In den 70er und 80er Jahren war sie führend im Widerstand gegen die Politik der Apartheid in Südafrika. Als die Synode der EKHN beschloss, einen Sonderfonds gegen Rassismus des Ökumenischen Rats der Kirchen mit 100 000 DM zu unterstützen, kam es zu einer heftigen Debatte. Laut Martin Stöhr geriet die EKHN mit diesem Beschluss auch innerkirchlich in die Kritik.

Die Kirche habe sich im Laufe von sieben Jahrzehnten mit den großen Themen Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung beschäftigt und sie mit Inhalten gefüllt, sagte Volkhard Guth. Ulrike Scherf entwarf das Zukunftsbild einer hoffnungsvollen Volkskirche, die zwar kleiner werde aber sich immer noch zur Gesellschaft hinwende. Scherf: »Die EKHN wird eine diskutierfreudige und politische Kirche bleiben.«

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