02. September 2019, 20:41 Uhr

Wenn der »Lautengott« spielt

02. September 2019, 20:41 Uhr
Er verzichtet auf jegliche technische Verstärkung: Der amerikanische Lautenist Paul O’Dette. (Foto: lod)

Die Laute wird heute kaum gespielt. Sie gilt als altes Instrument, das seine Hochzeit in der Renaissance zwischen 1580 und 1620 erlebte. Für den Amerikaner Paul O’Dette ist es eine Lebensaufgabe geworden, dafür zu sorgen, dass das 15-saitige Instrument mit acht Chören nicht in Vergessenheit gerät.

Am Freitagabend gastierte der Professor für Laute und Direktor für Alte Musik an der renommierten Musikschule Eastman zum Auftakt der 9. Friedberger Gitarrentage im Theater Altes Hallenbad (»aHa«). Zugleich war das Konzert des schon mal als »Lautengott« bezeichneten 65-Jährigen die erste Veranstaltung nach der Sommerpause im Kulturtaucherprogramm, das Andrei Seuss von der »aHa«-Kultur-AG zu Beginn kurz vorstellte.

»Ich hätte nie geglaubt, solch einen bedeutenden Künstler hier begrüßen zu können«, sagte Martin Wentzel, Gitarrenlehrer an der Friedberger Musikschule sowie Initiator und musikalischer Leiter der Gitarrentage. Tatsächlich wurde der einzige Solo-Auftritt des Amerikaners in Deutschland in diesem Jahr zu einem beeindruckenden Konzerterlebnis, welches die Besucher im voll besetzten Saal so schnell nicht vergessen werden.

Bewusst verzichtet O’Dette, der mit einer Stuttgarterin verheiratet ist und fließend Deutsch spricht, auf jegliche technische Verstärkung, was so manchen zunächst erstaunte. Doch das Experiment gelang. Zum einen war dies der hervorragenden Akustik im Alten Hallenbad zu verdanken. Zum anderen führte dieser Purismus dazu, dass die Besucher völlig still dem Spiel des Lauten-Spezialisten lauschten.

Doch nicht nur Zuhören war ein Genuss. Wer die Augen schloss, um das unglaubliche Spiel des Lautenisten zu genießen, der verpasste etwas. Paul O’Dette bildet mit seinem Instrument eine Einheit, es wird zu einem Teil von ihm. Manchmal hat es den Eindruck, als wolle er seine Laute küssen oder sich hinter dieser, die er direkt vor seiner Brust hält, verstecken. Seine Finger gleiten scheinbar schwebend leicht über das Instrument, dass der Engländer Paul Thompson, der wohl beste zeitgenössische Lautenbauer, 1991 im Stil von Vendelio Venere, der um 1600 den Lautenbau mit neuer Technik revolutionierte, gebaut hat. Das virtuose Spiel O’Dettes nachzuvollziehen ist kaum möglich. Er fliegt nicht nur mit seinen Händen über den Korpus und den angesetzten Hals des Zupfinstruments, sein Kopf bewegt sich ständig in alle Richtungen. Irgendwie scheint der ganze Körper mitzuspielen. O’Dette bei seinem Spiel zuzusehen ist ein Augen- und Ohrenschmaus zugleich.

Für seinen Auftritt im Alten Hallenbad hat der begeisterte Forscher der britischen und italienischen Solomusik in der Renaissance-Zeit den Schwerpunkt auf die englische Lautenmusik gelegt.

Ein großer Künstler

Nahtlos und exakt gelingen ihm die Übergänge einiger Stücke unbekannter Komponisten, die er zum Auftakt seines 90-minütigen Konzerts spielt. Mit »Pavian & Galliard« sowie »Mounsieur’s Almaine« interpretiert O’Dette zwei diffizile Kompositionen von Daniel Bachelar, einem der besten englischen Lauten-Komponisten um 1600.

Fünf von über 600 traditionellen schottischen Volksliedern und Tänzen, die Sir William Mure 1620 in »Rowallan’s Lute Book« arrangiert hat, waren von O’Dette ebenso in einem Block zusammengefasst worden wie jeweils vier Kompositionen von John Jonson, dem ersten großen englischen Lautenisten überhaupt, und John Dowland, der als »The English Orpheus« bekannt wurde.

Mit einer »Fantasie« beendete O’Dette sein Konzert, dem zwei stürmisch geforderte Zugaben folgten, zunächst eine Komposition des Italieners Alessandro Piccinini aus dem Jahre 1638, gefolgt von einem Menuett, das der Österreicher Johann Nepomuk David 1943 für Laute geschrieben hat. »Es ist dies eine der ersten Laute-Kompositionen, die im 20. Jahrhundert geschrieben wurden«, erläuterte O’Dette, der wahrlich ein »großer, unglaublicher Künstler ist«, wie ihn Wentzel angekündigt hatte.

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