Wetterau

»Wenn dein Vater zu Hause wäre...«

Am 7. Januar 1945 schreibt August Gübler den letzten Brief an die Familie in Bauernheim. Er fiel vermutlich bei Kämpfen im Raum Radom und Lodz. Sein Sohn hat nur eine Kiste mit Fotos und Briefen.
20. Mai 2018, 16:15 Uhr
Jürgen Wagner
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Eigentlich sei es viel zu spät, sagt Klaus Gübler. »Wer kann denn noch was von damals erzählen?« Seine Mutter Katharina starb 1991. Gübler selbst ist 80. Sonst gibt es niemanden mehr, der seinen Vater kannte, und auch Gübler selbst hat nur schemenhafte Bilder vor Augen. »Einmal hatte er Urlaub und kam nach Hause.« Hier bricht die Erzählung bereits ab, viel mehr Erinnerungen sind da nicht, nur eine Kiste mit alten Fotos und Briefen. Der letzte datiert vom 7. Januar 1945. Er ist mit den Worten »Liebe Frau u. Kinder!« überschrieben und endet mit zwei Fragen: »Was machen Klaus u. Helga? Sind sie noch schön gesund?«

August Gübler, geboren am 3. Oktober 1911 in Bauernheim, fiel laut DRK-Suchdienst »mit hoher Wahrscheinlichkeit bei den Kämpfen, die im Januar 1945 im Raum Radom–Lodz geführt wurden«. Da war Klaus Gübler fünf Jahre alt, seine Schwester Helga war drei. »Er hat an allen Ecken und Enden gefehlt«, sagt der Sohn. Über den Tod des Vaters sei in der Familie nie groß gesprochen worden. »Die Mutter hat geweint, wenn das Thema aufkam.« Der Vater war nur als Abwesender vorhanden, wenn der Sohn etwas angestellt hatte und die Mutter drohte: »Wenn dein Vater jetzt zu Hause wäre...!«

 

Der Zettel der Hellseherin

 

Den letzten Brief, der in der Nähe von Warschau aufgegeben wurde, hat Gübler zusammen mit seiner Tochter übersetzt. Es war mühsam, die krakelige Schrift zu entziffern. Rückschlüsse, was der Vater für ein Mensch war, erlaubt der Brief nicht. Die Gesundheit, die Post, die nicht ankommt und das Wetter finden Erwähnung. August Gübler bittet um Seife und »was zu Essen«. Furchtbar kalt sei es. Aber es müsse ja wieder Frühling werden, »denn wenn der Januar und der Februar rum ist, dann haben wir gewonnen. Bei uns ist aber der Russe ziemlich ruhig, ich glaube, bis zum Frühjahr wird er wieder angreifen.«

Die Rote Armee startete ihre Großoffensive bereits am 12. Januar 1945, wenige Tage nachdem August Gübler seinen letzten Brief zu Papier gebracht hatte. Mehrstündiges Artilleriefeuer, dichter Nebel, Nachrichtenverbindung ausgefallen, geordnete Kampfführung nicht mehr möglich, verlustreiche Rückzugskämpfe – sahen so, wie es der DRK-Suchdienst 30 Jahre später, im Dezember 1975, in einem Brief an die Witwe beschrieb, die letzten Stunden des Munitionsfahrers August Gübler von der Heeres-Panzerjäger-Abteilung 661 aus?

Überlebende wurden befragt, die Listen von Kriegsgefangenenlager durchforstet – es gab kein Lebenszeichen von August Gübler, keinen Hinweis, dass er in Gefangenschaft geraten sein könnte. Seine Mutter habe nach jedem Strohhalm gegriffen, um irgendetwas über den verschollenen Mann und Vater zweier Kinder herauszufinden, sagt der Sohn. Einem Pfarrer, der sonntags auf »Radio Frankfurt« half, Vermisste ausfindig zu machen, schrieb die Mutter im Februar 1948: »Immer hoffe ich, dass er sich noch irgendwo als Kriegsgefangener in Russland findet.«

Damals baute die Hellseherin »Afra«, eine Varietékünstlerin, die in ganz Deutschland auftrat, ihr Zelt in Friedberg auf. Katharina Gübler bat sie um Hilfe. Auf einem vergilbten Blatt Papier schreibt »Afra« von »Sibirien«, einer »Krankheit« im Herbst, von »Lebenszeichen« und einem »frohen Wiedersehen«. »Meine Mutter hat den Zettel überall herumgezeigt«, erinnert sich der Sohn.

Wie geht man mit so einem Schicksalsschlag um? Klaus Gübler zuckt mit den Schultern. Man nimmt ihn hin, was soll man anderes tun. »Es war, wie es war.« Der Großvater fiel im Ersten Weltkrieg, der Vater im Zweiten. Der Sohn wurde der erste Kriegsdienstverweigerer im Altkreis Friedberg. Der Pfarrer half ihm dabei, auch wenn ein einflussreicher Alt-Nazi aus Ossenheim furchtbar mit dem Gottesmann schimpfte.

Wie der Vater lernte Klaus Gübler Weißbinder. Er baute ein eigenes Geschäft auf, mittlerweile ist die sechste Generation am Ruder. Er hätte schon gerne gewusst, wie sich der Vater in der ein oder anderen Situation verhalten hätte, sagt Gübler und fügt hinzu: »Ich hoffe, dass ich es bei meinen Kindern halbwegs richtig gemacht habe.«

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/friedbergbadnauheim/Wetterau-Wenn-dein-Vater-zu-Hause-waere;art472,433994

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