23. September 2016, 12:00 Uhr

Wenn das Forscherherz anklopft Zur Person

Seine Kleidung ist schwarz, die Kamera hält er hoch, während er ins Baumhaus klettert. Von dort hat er einen guten Blick auf das Vogelfutter, das im Baum hängt. Doch er muss lange warten, bis sich ein Specht zeigt. Endlich kann er auf den Auslöser drücken – es ist das perfekte Foto. Doch bis es zu solch einem Moment kommt, muss Wolfgang Schaper lange warten.
23. September 2016, 12:00 Uhr
Um den Specht vor die Linse zu bekommen, beweist Wolfgang Schaper viel Geduld und Einfallsreichtum. (Fotos: msn/pv)
Das Interesse für Buntspechte wurde bei dem pensionierten Herzforscher Wolfgang Schaper ungefähr vor sechs Jahren geweckt. Im Winter beobachtete er sie in seinem Garten, wie sie sich am herkömmlichen Vogelfutter bedienten. »Ich bemerkte, dass die Tiere auf Nahrungssuche waren, und wollte ihnen dabei helfen«, erinnert sich Schaper. Für ihn waren diese ersten Erlebnisse mit den Spechten die Geburtsstunde seines neuen Hobbys. Und das ist zeitintensiv. Um ein gutes Bild machen zu können, muss er mehrere Stunden in seinem Baumhaus verbringen. »Doch ich bin ja quasi arbeitsloser Forscher«, sagt Schaper schmunzelnd. Er kann mit seinem Hobby zugleich seiner Fotoleidenschaft frönen und seinem Forscherdrang nachgehen.
Doch vor sechs Jahren hatte er mit einigen Problemen zu kämpfen. Das Futter lockte nicht nur Spechte, sondern auch Stare an. »Diese Vögel sind eine Plage«, ärgert sich Schaper. »Sie fallen in Scharen ein und fressen alles, was ich bereitgestellt habe.« Durch einen Trick wusste er sich allerdings zu helfen: Er wickelte Backpapier um die Löcher des Futterbehälters. Nur Spechte sind in der Lage, es zu durchstechen.
Auch beim Fotografieren ergaben sich zunächst Schwierigkeiten: Knipst der Auslöser der Kamera oder reflektiert deren Linse, können die Vögel vertrieben werden. »Ich habe das Baumhaus von innen schwarz gestrichen und trage selbst dunkle Kleidung, damit die Vögel mich nicht bemerken.«
Doch bald war das reine Fotografieren nicht mehr genug, Forscher Schaper begann auch, das Leben der Tiere zu analysieren. Er beobachtete ihr Brutverhalten, die Revierkonflikte und ihren Umgang mit den Jungvögeln. Ihr ganzer Lebenszyklus war ihm bald bekannt. Besonders bildlich beschreibt er, wie Hahn und Henne in den Sommermonaten zusammen mit ihren Jungvögeln zur Futterstelle kommen. Dort machen sie den Kleinen vor, wie sie an das Vogelfutter gelangen können. »Auch das Verhältnis zwischen Henne und Hahn ist dann ganz anders.« Außerhalb der Brutzeit vertreiben sich die Spechte, erst währenddessen finden sie zusammen. Diese Verhaltensweisen haben Wolfgang Schaper so fasziniert, dass er seine Beobachtungen durch quantitative Daten untermauern wollte.
Zu diesem Zweck installierte er eine Überwachungskamera am Baumhaus. Sie reagiert auf Bewegung und löst dann aus. Bis zu drei Bilder in der Minute kann sie schießen. Anhand dieser Bilder konnte er Daten erheben, wie viele Vögel in welchen Monaten zu Besuch kamen. In den fünf Jahren gab es immer wieder die gleichen Zyklen im Laufe der Jahreszeiten. Schaper hätte damit gerechnet, dass in den kalten Wintermonaten die meisten Vögel auf sein Vogelfutter zurückgreifen müssten. Doch die Ausschläge ergeben sich nach der Brutzeit, in den Monaten Mai und Juni. Dann wenn die Jungvögel versorgt werden müssen.
Jetzt im September muss Wolfgang Schaper meist vergeblich auf seine Freunde warten. »Es zu versuchen, lasse ich mir aber auch nicht nehmen«, sagt er und klettert zurück ins Baumhaus. Wolfgang Schaper, 82, lebt seit 1972 in Bad Nauheim. Er arbeitete als experimenteller Kardiologe am Max-Planck-Institut und war auch als dessen Direktor tätig. An verschiedenen Universitäten lehrte er als Gastprofessor, in Gießen an der Justus-Liebig-Universität auch als Honorarprofessor. Für seine Verdienste wurde er mehrfach geehrt, unter anderem erhielt er das Große Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland und wurde 2005 mit der Würde der Ehrenbürgerschaft der Stadt Bad Nauheim bedacht. (msn)

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