15. Dezember 2017, 11:00 Uhr

Streit um Haus

Wenn Mieter illegal sind

In Rosbach steht ein Wohnhaus in einem Gewerbegebiet. Verbotenerweise. Ein Fall, der viele beschäftigt. Vor allem die Menschen, die in dem Haus wohnen, in dem sie nicht wohnen dürfen.
15. Dezember 2017, 11:00 Uhr
(K)ein Wohnhaus – zumindest ist es vorm Bau nicht als Wohngebäude angezeigt worden. Letztlich ist es doch eins geworden. Jetzt gibt es Ärger mit dem Wetteraukreis. Für die Mieter in der Rosbacher Ottostraße eine schwierige Situation. (Foto: nic)

Dass es Probleme geben würde, ahnte wohl kein Mieter. Ein neues, 2015 in der Ottostraße gebautes Haus, neun Wohnungen, Kaltmiete 8 Euro pro Quadratmeter. So schildert es Hausbesitzer Karl Kellermann. Die Anfrage sei groß gewesen, heute lebten etwa 20 Personen in dem Haus.

Dann kam das Problem in Form eines Briefes vom Wetteraukreis – sowohl an die Mieter als auch an den Vermieter. Der Inhalt: Die Mieter müssen ausziehen.

 

Bewohnerin: Schlag in die Magengrube

 

Eine Bewohnerin beschreibt es als »Schlag in die Magengrube«. Ausziehen, das könne sie sich nur schwer vorstellen. »Wir fühlen uns alle wohl hier, es wäre wirklich schwierig, wenn hier raus müssten.« Vor allem, wisse sie nicht genau, warum. Dass sie in ein illegal gebautes Haus ziehe, davon habe sie nichts gewusst. Der Brief vom Kreis, das sagt auch ein anderer Bewohner, sei vollkommen überraschend gekommen.

Der Anlass für das Schreiben: Das Haus steht in einer Straße, die im Gewerbegebiet »Am Bahnhof« liegt. Wohnhäuser dürfen dort nicht stehen. Da das aber nun einmal nicht mehr rückgängig zu machen ist, hat sich die Politik des Themas angenommen; am Dienstag diskutierten die Stadtverordneten darüber. Eine finale Entscheidung gibt es jedoch nicht, letztlich stimmten sie mehrheitlich dafür, dass der Magistrat in den kommenden zwölf Monaten prüfen soll, ob das Gebiet umgewandelt werden kann: von einem Gewerbegebiet in ein Mischgebiet, bzw. urbanes Gebiet (siehe Kasten). Das heißt: Verwaltungsarbeit und, damit einhergehend, Kosten, die auf die Stadt zukommen.

 

Illegal gebaut

 

Doch wie kommt ein Wohnhaus in ein Gewerbegebiet? Bürgermeister Thomas Alber erklärte es in der Sitzung: Der Hausbesitzer habe vor dem Bau bei der Verwaltung sein Vorhaben angezeigt – für ein Wohn- und Geschäftsgebäude. Zwar sei die Stadt nicht dazu verpflichtet, zu prüfen, in einem Gespräch habe man dennoch mitgeteilt, dass ein solches Gebäude im Gewerbegebiet nicht zulässig sei. Eine Woche später sei dann eine neue Bauanzeige eingegangen; diesmal die für ein Geschäftshaus

Nur baute der heutige Besitzer ein Wohnhaus – die Konsequenzen kommen jetzt zum Tragen. In einer Stellungnahme des Kreises heißt es: Das betreffende Gebäude sei illegal errichtet worden. »In einem Gewerbegebiet darf es pro Gebäude maximal eine Wohnung geben, zum Beispiel für den Betriebsleiter oder den Hausmeister.«

 

Räumungsverfügung geplant

 

Hausbesitzer Karl Kellermann sieht sich dennoch im Recht - und hofft auf die Umwandlung in ein Mischgebiet. Ja, sagt er, er habe ein Wohn- und Geschäftshaus beantragt. Als ihm mitgeteilt worden sei, dies sei in der Ottostraße nicht möglich, habe er jedoch bereits die Bauaufträge vergeben gehabt. Und da ihm zugesichert worden sei, das Gebiet werde in ein Mischgebiet umgewandelt, habe er den Bau eines Bürogebäudes angezeigt. Und ließ bauen. Zumal die Nachfrage groß gewesen sei: »Es kamen dauernd junge Leute vorbei.«

Das Unverständnis ist groß, zumal das Gebiet ohnehin gefühlt ein Mischgebiet sei, ringsrum wohnten Menschen, sagt eine Mieterin. Das mag daran liegen, wie der Bürgermeister erklärt, dass das Haus an der Grenze des Gewerbegebiets liegt. Und dass im Haus in der selben Straße auch Menschen wohnen, habe den Hintergrund, dass es sich um Geflüchtete handelt. Alber: »Für die Unterbringung von Flüchtlingen im Gewerbegebiet gibt es eine bundesweite Ausnahmeregelung.« Der Eindruck also der Bewohner, dass es sich ohnehin um kein Gewerbegebiet handele, trüge.

 

Vor Obdachlosigkeit schützen

 

Für die Mieter der Ottostraße ist die Situation dennoch nur schwer verständlich, wussten sie doch die ganze Zeit nicht, dass sie in einer illegalen Wohnsituation leben. Wie es vonseiten des Wetteraukreises heißt, stehe eine Räumungsverfügung an. »Diese wird im Januar versendet, wobei die Bauaufsicht die laut Baugesetzbuch übliche dreimonatige Kündigungsfrist um drei Monate auf ein halbes Jahr verlängert.« Verhindert werden könne dies laut Kreis durch die Stadt: durch die Umwandlung in ein Mischgebiet. Der Bürgermeister entgegnet, dieser Zeitraum sei utopisch (siehe Kasten). Alber weißt aber darauf hin, dass die Stadt im Fall einer Räumung eine Möglichkeit hat, zu verhindern, dass die Mieter obdachlos werden: Laut Gesetz können Menschen in Wohnungen »eingewiesen« werden, um dadurch vor der Obdachlosigkeit geschützt zu werden.

Info

Wie es weitergeht

Mit dem Beschluss der Stadtverordneten wird der Magistrat beauftragt, zu prüfen, ob ein Teil des Gewerbegebiets in ein Mischgebiet umgewandelt werden kann, konkret geht es um folgendes Gebiet: der östliche Bereich zwischen Ottostraße und Bahngelände und der nördliche Bereich zwischen Rodheimer Straße, Ottostraße, Raiffeisenstraße und Siemensstraße. Wie Bürgermeister Alber sagt, beinhaltet die Prüfung u.a., dass die Gewerbetreibenden für sich prüfen müssen, ob eine Umwandlung in ein Mischgebiet tragbar wäre. Denn mit einer solchen Umwandlungen gingen Einschränkungen einher, gerade im Bereich Schallschutz für Bewohner.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Geschäftshäuser
  • Gewerbegebiete
  • Hauseigentümer
  • Mieter
  • Obdachlosigkeit
  • Rosbach
  • Thomas Alber
  • Thomas Alber (Rosbach vor der Höhe)
  • Vermieter
  • Rosbach
  • Sabrina Dämon
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos