05. November 2019, 14:00 Uhr

Herz und Psyche

Wenn Herz und Seele leiden: Bad Nauheimer Expertin im Interview

Wenn die Seele leidet, kann sich das auf das Herz auswirken - und umgekehrt. Psychokardiologin Prof. Bettina Hamann von der Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik spricht darüber im Interview.
05. November 2019, 14:00 Uhr

Wieso achten wir mehr auf das Herz als auf andere Organe?

Prof. Bettina Hamann: Das Herz meldet sich bei Emotionen. Wenn wir verliebt oder aufgeregt sind sowie bei Angst und Panik spüren wir unser Herz. Eine emotionale Äußerung ist ganz klar mit einer Veränderung des Herzrhythmus assoziiert. Das Herz vermittelt uns somit wichtige Informationen über Emotionen.

Bis zu welchem Punkt ist es psychisch gesehen noch normal, auf sein Herz zu achten? Und ab wann ist es übertrieben?

Hamann: Die Wahrnehmung des Herzens im Alltag ist nötig, um Angst festzustellen. Angst ist ein ganz normales, hilfreiches Gefühl, damit wir überleben, uns außer Gefahr bringen. In dem Moment aber, wo Angst in Panik umschlägt, fangen wir an, scheinwerferartig den Brustbereich zu kontrollieren. Unsere Wahrnehmung ist dann permanent im Herz-Brust-Bereich lokalisiert. Jedes Ziehen und Symptom wird auf das Herz bezogen - und als gefährlich interpretiert. Dann ist es zu viel, wir können uns nicht mehr auf andere Themen konzentrieren, nicht mehr richtig am Alltagsgeschehen teilnehmen, weil wir abgelenkt sind. Häufige Arztbesuche sind die Folge - allerdings immer ohne pathologischen Befund. Somit beginnt ein fataler Teufelskreis des Sich-nicht-verstanden-Fühlens.

Kommen wir zu den tatsächlichen Erkrankungen am Herzen. Was macht ein Infarkt mit der Psyche?

Hamann: Ein akutes kardiales Ereignis wie zum Beispiel ein Herzinfarkt oder eine schwere Herzrhythmusstörung führt dazu, dass der Patient in Todesangst geraten kann, sich hilflos fühlt und einen Kontrollverlust erlebt. In der Regel ist der Patient dann sehr verunsichert, er traut sich oft nicht mehr zu, sich körperlich zu belasten, weil er nicht weiß, ob das Herz das aushält. Hier wieder ein Gleichgewicht zu finden, Vertrauen aufzubauen in die eigene Leistungsfähigkeit, dauert eine Weile.

Aber es wäre falsch, auf Sport zu verzichten, oder?

Hamann: Vermeidungs- und Schonverhalten können fatale Folgen haben. Sich sozial zurückzuziehen oder keinen Sport mehr zu machen, führt zum Verlust von Kondition und dem so wichtigen sozialen Netz. Wenn der Patient sagt »Ich traue mich abends nicht mehr aus dem Haus, ich gehe nicht mehr in meinen Chor, keine Ahnung, ob ich da Hilfe bekomme«, dann gehen unsere Alarmglocken los. Patienten sollten ihre Aktivitäten zügig wiederaufnehmen. Denn der Verlust sämtlicher Aktivitäten, die Spaß machen, bei denen wir Kraft tanken und uns entspannen, führt zur Depression.

Erleben Sie auch Schuldgefühle, wenn jemand nach 20 Jahren mit zwei Päckchen Zigaretten am Tag einen Herzinfarkt bekommt?

Hamann: Ja, sehr häufig. Die Patienten ziehen Bilanz, sind sehr unglücklich und fragen »Warum habe ich das gemacht?«. Das kann zu einer schweren seelischen Krise führen. Da sollten wir Psychokardiologen abrufbar sein. Der Patient muss nach vorne schauen, sich verzeihen können. Schuldgefühle sollten möglichst konstruktiv in Motivation für Änderungen des Lebensstils überführt werden.

An der Kerckhoff-Klinik werden auch Herzen transplantiert. Wie erleben Sie Patienten, die auf ein neues Herz warten?

Hamann: Das ist eine ganz schwere Lebensphase, weil der Patient zweigleisig fahren muss. Wenn er hier stationär auf ein Herz wartet, hat er eine äußerst begrenzte Lebensprognose. Der Patient muss auf der einen Seite Hoffnung, Motivation und das Training, was möglich ist, unbedingt aufrechterhalten, um die Transplantation zu überstehen. Auf der anderen Seite muss er sich immer mal wieder dem Thema Tod gegenüber öffnen. Wie möchte er sterben? Wie möchte er seine letzte Lebenszeit mit wem verbringen? Diese Zweigleisigkeit ist für einen Menschen schwierig. Wir bieten hier eine engmaschige psychokardiologische Betreuung an und lernen dabei selbst viel von den Patienten und ihren Angehörigen, die das durchgestanden haben.

Wie erleben Sie Patienten, die ein neues Herz haben, das von einem Verstorbenen stammt?

Hamann: Die Patienten sind extrem dankbar, dass ein Spender bereit war, ihnen dieses Herz zu übergeben. Patienten setzen sich im Vorfeld und danach intensiv damit auseinander. Der Gedanke an den Sinn des Lebens wird akut. Häufig resultiert aus der Dankbarkeit eine Neuorientierung dahingehend, eigene Lebensziele so sinnvoll wie möglich zu gestalten. Natürlich gibt es auch Phasen, in denen Patienten damit hadern, insbesondere, wenn die Vorbereitungszeit nur kurz war und alles sehr schnell gehen musste. Hier stehen wir gerne für psychokardiologische Gespräche zur Verfügung.

Wie sieht es beim Defibrillator oder beim Schrittmacher aus? Ist es schwierig, der Technik zu vertrauen?

Hamann: Dank guter Aufklärung und Information fällt es den meisten Patienten nicht schwer, Vertrauen in die Geräte aufzubauen. Die Belastung entsteht eher durch die Tatsache eines erkrankten Herzens und die Möglichkeit, zu versterben. Der Patient kommt zu uns und sagt »Der Defi hat ausgelöst, ich wäre gerade mal wieder gestorben, wenn der Defi nicht da gewesen wäre«. Durch die Geräte wird Leben verlängert, das ist erfreulich. Gleichzeitig aber wird die Nähe zum Tod bewusst. Überwiegt diese Wahrnehmung, müsste solch ein Erlebnis verarbeitet werden.

Bisher haben wir darüber gesprochen, wie sich der Körper auf die Psyche auswirkt. Wie sieht es andersherum aus? Welche Risiken für das Herz gibt es bei psychischen Problemen?

Hamann: Seit 2014 ist die Depression von der amerikanischen Herzgesellschaft als unabhängiger Risikofaktor für die Entstehung einer koronaren Herzerkrankung anerkannt. Patienten mit einer schweren Depression haben ein 1,5- bis zweifach erhöhtes Risiko für einen Herzinfarkt. Wir klären unsere Patienten darüber auf, dass eine Depression circa einer halben bis ganzen Schachtel Zigaretten pro Tag entspricht. Für weitere psychosoziale Risikofaktoren liegen ebenfalls Hinweise vor, die Herzgesundheit zu beeinträchtigen, z. B. für chronischen Stress auch im Rahmen kindlicher Misshandlungen, finanzielle Sorgen, Ärger und Feindseligkeit.

Welche Therapien machen Sie an der Kerckhoff-Klinik?

Hamann: Treten im Rahmen der kardiologischen Diagnostik und Behandlung akut seelische Beschwerden auf, werden wir aus der Abteilung Psychokardiologie mit dazugerufen. Wir bieten Kriseninterventionen an sowie entlastende psychoedukative Gespräche, aber auch medikamentöse Behandlungen, bei Bedarf. Eine Therapie über mehrere Sitzungen ist während der kardiologischen Reha möglich. Hier arbeiten wir tiefenpsychologisch, verhaltenstherapeutisch und psychotraumatologisch. Wir sind vier ausgebildete Kolleginnen und decken das gesamte »Psycho-Spektrum« ab.

Heißt Verhaltenstherapie auch, dass sich jemand, der sich nach einem Herzinfarkt nicht mehr traut, Sport zu machen, auf den Ergometer setzt oder durch den Kurpark joggt und Sie dabei sind?

Hamann: Richtig. Gerade in der Reha haben die Patienten ein intensives Sportprogramm, das langsam aufgebaut wird. Wenn hier festgestellt wird, dass Vermeidungs- und Schonverhalten der Grund dafür ist, dass die Wattzahl nicht erhöht wird, sind wir Psychokardiologinnen mit dabei. Angst und Traumatisierungen sind häufige Ursachen für ein schweres Vermeidungsverhalten. Hier bedarf es dann einer störungsspezifischen Intervention.

Vortrag während der Herzwochen

Am Samstag, 9. November, wird Prof. Bettina Hamann im Rahmen der Herzwochen an der Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik zum Thema »Herz und Seele« referieren. Der Vortrag findet während des Seminars mit dem Titel »Bedrohliche Herzrhythmusstörungen - wie schütze ich mich vor dem plötzlichen Herztod«? statt, das von 9 bis 13 Uhr andauert. Veranstaltungsort ist der Justus-Liebig-Saal im Untergeschoss des Reha-Zentrums der Kerckhoff-Klinik (Ludwigstraße 41).

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