27. September 2018, 11:00 Uhr

Berufsschule einmal anders

Wenn Friedberger Schüler zum Mathe-Unterricht in den Wald gehen

Die Motorsäge heult auf, Holzspäne fliegen. In der Waldklasse der JPRS stehen neben Deutsch, Mathe und Englisch auch ganz praktische Dinge auf dem Stundenplan.
27. September 2018, 11:00 Uhr
Am Steinfurther Friedhof fällen Schüler der Waldklasse Weiden, roden Büsche und lernen nebenbei, was Teamwork bedeutet. Die Waldklasse ist nur eines von vielen Projekten der Friedberger Johann-Philipp-Reis-Schule. (Foto: Wagner)

Auf dem Grundstück unterhalb des Steinfurther Friedhofs sieht es wild und chaotisch aus. Aber nicht mehr lange. Die Fachlehrer Klaus Kamm und Thomas Schimonsky sowie acht Schüler der Waldklasse räumen auf. Das Grundstück ist Eigentum des Naturschutzfonds Wetterau, das die Waldklasse um Hilfe gebeten hat. »Wir arbeiten auch mit Hessenforst zusammen«, sagt Kamm. Mal werden in der Holzwerkstatt Wildzäune gebaut, die später im Wald aufgestellt werden, um junge Bäume vor Bissschäden durch Rehe zu schützen. Mal sind Rodungsarbeiten zu erledigen.

Zusammen mit Kindergärten und Grundschulen wurden Bäume gepflanzt. »Dabei zeigen die Großen den Kleinen, wie es geht«, sagt Kamm. Oder der Mathe-Unterricht wird in den Wald verlegt, wo die Schüler an einer Flipchart Dreisatz-Rechnungen erledigen. So lernt man, was der Meter Holz kostet.

 

Abwechslung vom Schulalltag

Die Äste der Steinfurther Weiden drohen auf die Wege zu stürzen. Für Friedhofsbesucher kann das gefährlich werden. Bevor professionelle Baumkletterer die Spitzen kappen, räumen die Schüler das Gestrüpp weg. Für die 15- bis 17-Jährigen eine willkommene Abwechslung zum Schulalltag. »Sonst haben wir normalen Unterricht, also Deutsch, Mathe, Englisch, Religion und Naturwissenschaften«, erzählt Matthew. Seinem Mitschüler Nico macht die Arbeit in der Natur Spaß. »Das passt. Ich mache ein Praktikum bei einem Baumpfleger. Den Beruf will ich auch lernen.« Dann saust der Biber-Sappie wieder in einen Baumstamm, und mit viel Kraft wird der nächste Holzklotz weggezogen.

Die JPRS vereint fünf Schulformen unter einem Dach (siehe unten). Die rund 1800 Schülerinnen und Schüler können wählen zwischen beruflichem Gymnasium, Fachoberschule, Berufsfachschule, Berufsschule und BBV. Das ist die Abkürzung für »Bildungsgänge zur Berufsvorbereitung«. Die Jugendlichen, darunter viele Flüchtlinge, holen den Hauptschulabschluss nach und absolvieren gleichzeitig ein Betriebspraktikum.

»Unser Job ist es, den Jugendlichen Disziplin beizubringen«, sagt Schimonsky, der nicht nur Lehrer, sondern auch Erlebnispädagoge ist. Bei Konflikten sollen die Schüler lernen, sich auszudrücken, »statt dem anderen auf die Nuss zu hauen«. Es geht neben dem Umgang mit Maschinen und Geräten auch um Ordnung, Pünktlichkeit und Umgangsformen, um einen geregelten Arbeitsalltag und selbst um das Frühstück. Das ist heutzutage nicht für alle Schüler selbstverständlich, für schweißtreibende Muskelarbeit im Wald aber unerlässlich.

 

Zwei Preise für die Waldklasse

Die einjährige Waldklasse ist ein Eigengeschöpf der JPRS, die hierfür mit dem Innovationspreis des Landes Hessen und dem Umweltpreis des Wetteraukreises ausgezeichnet wurde. »Die Waldklasse ist einer von mehreren Schwerpunkten im BBV«, sagt der stellvertretende Schulleiter Nick Szymanski. »Andere Schwerpunkte sind Ernährung oder Metalltechnik.« Zwar gebe es für den Unterricht Lehrpläne. »Aber es gibt viel Gestaltungsmöglichkeiten.« Hier ist die Kreativität der Lehrkräfte gefragt.

Guido Rotter, Mathematiklehrer an der JPRS und Mitglied der Schulleitung, erzählt, dass die Idee zur Waldklasse nach einer Fortbildung in Dänemark entstand. »Dort haben wir das Produktionsschulsystem kennengelernt.« Ein Lehrer und 25 bis 30 Schüler bewirtschaften einen alten Bauernhof. Rotter: »Das ist praxisnahe Arbeit mit Jugendlichen, die noch nicht wissen, welchen Berufsweg sie einschlagen sollen.« Die Qualität einer Berufsschule lasse sich daran messen, »wie wir es schaffen, die Jugendlichen ins Berufsleben zu integrieren.«

 

Nachhaltig im doppelten Sinne

Was nicht einfach ist, wenn man 14-jährige Flüchtlinge unterrichtet, die, wie Deutschlehrer Michael Linn sagt, »schon Dinge erlebt haben, die für zwei Leben reichen«. Schreckliche Dinge, Krieg, Vertreibung und Tod. Linn schätzt am Unterricht der Waldklasse besonders das Nachhaltigkeitskonzept. Nachhaltig ist freilich nicht nur das Anpflanzen junger Bäume, sondern auch der Unterricht mit jungen Leuten, die unbedingt etwas tun wollen, aber nicht wissen, was.

 

Am Freitag, 23. November, veranstaltet die Johann-Philipp-Reis-Schule in Friedberg (Im Wingert 5) ihren nächsten Tag der offenen Tür. Die Schüler präsentieren Beispiele ihrer Arbeit, es gibt Informationen zu Ausbildung, Job und Studium.

 

Infobox

Fünf Schulen in einer

Rund 1800 Schülerinnen und Schülern werden an der Johann-Philipp-Reis-Schule in fünf Schulformen unterrichtet: Berufliches Gymnasium, Fachoberschule, Berufsfachschule, Berufsschule und BBV (Bildungsgänge zur Berufsvorbereitung). Prof. Peter Schubert und Silvia Elm-Gelsebach vom Bildungsforum Friedberg heben nach einem Besuch in der Schule besonders »das hohe Maß an Durchlässigkeit« hervor: Jeder Schüler hat prinzipiell die Chance, die Schulformen zu wechseln und es bis zum Abitur zu schaffen. Besonders imponiert hat dem Bildungsforum die Arbeit mit Flüchtlingen und Schülern aus bis zu 40 Ländern. »Was die Lehrer hier an Integrationsarbeit leisten, ist großartig«, sagt Schubert. In den »InteA«-Klassen, Intensivklassen zur Sprachförderung in Berufsschulen, werden auch Analphabeten aufs Berufsleben vorbereitet. Die Berufsschullehrer wurden von Kollegen aus Grundschulen fortgebildet, setzen im Unterricht Bilder und Symbole ein, werden durch Pädagogen und ehrenamtliche Flüchtlingshelfer unterstützt. Manchmal sind es aber auch ausländische Schüler mit guten Deutschkenntnissen, die als Dolmetscher fungieren. (jw)

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