Wetterau

Wenn Antworten zu einfach sind

»Populismus gibt es sowohl von Linken als auch von Rechten. Aber immer wieder ist eine gemeinsame Haltung erkennbar. In einer sich ständig verändernden Welt mit bisher so noch nicht bekannten Problemen geben die Populisten vor, einfache Lösungen für schwierige Fragen zu haben«, machte Prof. Dr. Claudia Kraft zu Beginn ihres Vortrags im Musiksaal der St.-Lioba-Schule klar. Vor dem Abiturjahrgang hat die Historikerin, die derzeit in Siegen und Wien lehrt, bereits ihr viertes Gastspiel an der Schule gegeben, die sie aus ihrer eigenen Schulzeit kennt. Herzlich begrüßt wurde sie von Schulleiter Bernhard Marohn und Geschichtslehrer Hans Peter Wavra, der sich um die Organisation gekümmert hatte.
04. Mai 2017, 19:46 Uhr
Dr. Hans-Wolfg. Steffek

»Populismus gibt es sowohl von Linken als auch von Rechten. Aber immer wieder ist eine gemeinsame Haltung erkennbar. In einer sich ständig verändernden Welt mit bisher so noch nicht bekannten Problemen geben die Populisten vor, einfache Lösungen für schwierige Fragen zu haben«, machte Prof. Dr. Claudia Kraft zu Beginn ihres Vortrags im Musiksaal der St.-Lioba-Schule klar. Vor dem Abiturjahrgang hat die Historikerin, die derzeit in Siegen und Wien lehrt, bereits ihr viertes Gastspiel an der Schule gegeben, die sie aus ihrer eigenen Schulzeit kennt. Herzlich begrüßt wurde sie von Schulleiter Bernhard Marohn und Geschichtslehrer Hans Peter Wavra, der sich um die Organisation gekümmert hatte.

Historisch betrachtet sei im antiken Rom »Politik für das Volk« keineswegs negativ gesehen worden, sagte Wavra. Kraft stellte eingangs klar, dass es im Populismus extreme Vereinfachungen gebe. Hier sei eine Weltsicht typisch, die von zwei miteinander nicht vereinbaren Lagern ausgehe. Für diffizile Probleme, wie etwa die Globalisierung, hielten Populisten simple Antworten bereit. Zum Beispiel: Die ungelösten Probleme seien Ergebnisse der Politik einer Elite. Eliten aber seien korrupt und nur an ihrem eigenen Wohl interessiert, so die Behauptung von Populisten. Begünstigt werde der Erfolg von Populisten durch eine starke Aufwertung der eigenen Position als angeblicher Vertretung des Volkswillens.

Schon der Ansatz, das Volk als homogene Gruppe zu betrachten, sei irrig. Gerade in den westlichen Staaten sei die Bevölkerung ausgesprochen heterogen. Dies werde nicht zuletzt durch Globalisierung und Migration verstärkt.

Osteuropa besonders anfällig

Falsch sei es gewesen, nach dem Zusammenbruch des Kommunismus im Osten von einem problemlosen Übergang in die Demokratie auszugehen. Osteuropäer seien aber bereits ein bipolares Weltbild gewohnt gewesen. Fehlende soziale Absicherung hätte für große Teile der Bevölkerung einen Sturz ins Bodenlose bedeutet. Daher seien Osteuropäer für populistische Propaganda noch anfälliger als die Menschen in den westlichen Demokratien.

Auf die Entwicklung, etwa in Frankreich, Griechenland oder auch Großbritannien eingehend, machte die Historikerin deutlich, dass populistische Vorstellungen mit nationalen, rückwärts gewandten Zielen einhergingen. Aufgrund seiner historischen Erfahrungen habe Deutschland in sein Grundgesetz Sicherungsmechanismen eingebaut, die auch vom Volk nicht geändert werden könnten. Dazu zählten die Achtung der Menschenwürde, Pressefreiheit, Gewaltenteilung und mehr.

Zur EU stellte Kraft fest, dass viele in Ost und West das Gefühl hätten, die EU handele nicht in ihrem Interesse. Der Entfremdung könnte eine Stärkung der Regionen und des EU-Parlaments entgegenwirken. Eine rege Diskussion folgte. Kraft verzichtete in ihrer »alten Schule« auf ein Honorar, freute sich aber über ein von Oberstufenleiter Winfried Auel überreichtes Präsent. (Foto: has)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/friedbergbadnauheim/Wetterau-Wenn-Antworten-zu-einfach-sind;art472,250330

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