14. August 2019, 20:26 Uhr

»Weiß nicht mehr, was richtig ist«

14. August 2019, 20:26 Uhr
Hannah (Liza Sarah Riemann) pflegt ihre demenzkranke Mutter Martha (Christine Reitmeier). Beide verzweifeln an der Krankheit. (Foto: lod)

Kann man das Thema Demenz in einem Theaterstück authentisch darstellen? Diese Frage beantworteten die beiden Schauspielerinnen Christine Reitmeier und Liza Sarah Riemann in dem 75-Minuten-Einakter »Ich erinnere mich genau« mit einem klaren Ja. Dem konnten sich die Besucher der Aufführung des »Kleinen Ensembles« am Freitagabend im Saal der Tanzschule Wehrheim-Gierok nur anschließen. Die Hospizhilfe Wetterau hatte das vor sechs Jahren von den beiden Schauspielerinnen im niederbayrischen Eggenfelden gegründete Theater nach Friedberg eingeladen.

»Was ist, wenn uns das Gedächtnis verlässt?«, fragt Hospizverein-Vorsitzende Gisela Theis in ihrer Begrüßung und freut sich über die so nicht erwartete große Zahl an Besuchern, darunter jedoch nur um die zehn Männer. Die Antwort auf Theis’ Frage geben die beiden Akteurinnen mehr als eindrucksvoll, wobei die Frage aus zweierlei Sicht beantwortet wird. Da ist zum einen Martha (Reitmeier), deren Gedächtnis immer mehr nachlässt, was am Anfang zu mehr oder wenigen humorvollen Szenen führt. Zum anderen ist da die optimistische Tochter Hannah (Riemann). Sie beschließt, ihre Mutter zu Hause zu pflegen - nicht wissend, welche Belastungen auf sie zukommen werden und wie sich durch die Pflege ihrer Mutter ihr gesamtes Leben verändert.

Nach und nach wandelt sich das Bild. Martha verzweifelt an ihrer Krankheit, Hannah kommt immer weniger mit ihrer Mutter zurecht. Intensiv werden die Abgründe der nicht aufzuhaltenden Krankheit dargestellt. »Meine Wut gilt nicht ihr, sondern der Erkrankung«, sagt Hannah, während Martha in einem Gespräch mit Gott feststellt, dass sie sich doch so nicht ihrem Kind zeigen könne. »Was habe ich getan? Wenn du mich liebst, dann lass dies nicht zu«, fleht sie in Richtung Himmel. Doch Martha wird zunehmend wütender und aggressiver, vergisst immer mehr. »Ich weiß nicht mehr, was richtig ist«, stellt sie fest. Schließlich verstummt sie, liegt fast regungslos im Bett und summt leise vor sich hin.

Derweil verzweifelt Tochter Hannah immer mehr, auch weil sie sich alleine gelassen fühlt, nicht nur von ihrer Mutter, sondern auch von der Umwelt. Auf die klugen Ratschläge des Arztes kann sie verzichten. Der Pflegedienst ist für sie keine große Hilfe. Auch der Rotwein ist kein Trost. Sie stellt fest, dass die Krankheit ihrer Mutter auch sie verändert hat.

Schließlich stirbt Martha. Hannah versöhnt sich mit ihrer Mutter und mit sich selbst. »Aber keine Angst, Mama: Ich erinnere mich, ich erinnere mich genau«, sind Hannahs letzte Worte in dem Stück, das Brian Lausund, Oberspielleiter des Landkreistheaters Eggenfelden, für die beiden Schauspielerinnen geschrieben hat. Nachdem das Licht ausgegangen ist, herrscht zunächst einige Sekunden absolute Stille, die sich danach in nicht enden wollenden Beifall wandelt. Immer wieder kommen die beiden Schauspielerinnen nach vorne und werden für ihr hervorragendes Spiel ebenso gefeiert wie für ihre Botschaft. »Sie haben sicher gespürt, dass Sie uns alle berührt haben«, sagt Theis und überreicht zwei Blumensträuße. Ein Dritter geht an Claudia Wehrheim, die ihren Saal kostenlos zur Verfügung gestellt hat. Viele Besucher sprechen anschließend über das Stück und die Thematik. »Das war unheimlich berührend und authentisch«, sind sich Doris Grünbein und Friederun Hollender vom Demenz-Café Care einig. »Das entspricht durchaus dem Alltag«, sagt Grünbein. Hollender stellt fest: »Dieses Theaterstück bestärkt uns darin, unsere Arbeit fortzusetzen.«

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