16. September 2018, 18:05 Uhr

Feldpost

Weg ohne Wiederkehr

Die Rote Armee wurde dem Ockstädter Martin Gröninger zum Verhängnis. Er fiel in Russland. Den Hinterbliebenen bleibt nur ein Brief seines Vorgesetzten, die restliche Feldpost ist verschollen.
16. September 2018, 18:05 Uhr

Feldpost

In unserer Feldpost-Serie veröffentlichen wir wöchentlich Auszüge aus Feldpostbriefen, erzählen die Geschichten dazu und welche Schicksale sich dahinter verbergen.

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Martin Gröninger hatte bestimmt noch große Pläne in seinem Leben. Als Alleinerbe sollte der Ockstädter Bauernsohn den elterlichen Hof in der Nauheimer Straße übernehmen. Mit seinem Pferdegespann besorgte er nicht nur die Landwirtschaft, sondern war auch als Fuhrmann im Freiherrlich von Frankensteinischen Forstbetrieb ein gefragter Mann. Ein Bär von einem Arbeiter und ein Pferdenarr sei er gewesen, sagte man ihm in Ockstadt noch lange nach.

»Seinen Eltern half er noch während des Krieges lange bei der Hofbewirtschaftung«, weiß Stefan Schnitzler, der seit den 50er Jahren das Anwesen zusammen mit seiner Ehefrau Mechthild bewohnt. Unabkömmlich für den Kriegsdienst sei Gröninger zunächst gewesen, wegen der Arbeit auf dem Hof, mit der seine Eltern allein nicht fertig werden konnten. Erst mit über 30 habe man ihn zur Wehrmacht eingezogen.

Schnitzler hat seinen Hofvorgänger allerdings nie persönlich kennengelernt. Seine Frau Mechthild schon. Wie ein Ersatzvater soll Gröninger für die Halbwaise gewesen sein. Immer wenn er in Uniform unterwegs in Richtung Friedberger Bahnhof war, rannte sie ihm hinterher und wollte ihn festhalten. Vermutlich ahnte sie schon, dass er irgendwann nicht mehr zurückkehren würde.

 

Ein Granatsplitter im Herz

 

Mechthild war damals gerade einmal fünf Jahre alt. Ihr leiblicher Vater diente seit 1940 bei der Wehrmacht in Frankreich, ihre Mutter war früh an einer Embolie gestorben.

Außer seinen Eltern und der kleinen Mechthild hatte Martin Gröninger keine bekannten Bezugspersonen. Unter diesen Umständen wurde der Ockstädter 1942 in den Krieg geschickt. Beim Artillerie-Regiment 377 fand er Verwendung als Gespannfahrer für die pferdegezogenen Infanteriegeschütze und als Kanonier. Einsatzort: Russland.

Im Februar 1943 brach die Stalingrad-Front zusammen. Gröningers Regiment befand sich in schweren Rückzugsgefechten im Großraum Stary Oskol. Gleich Anfang Februar wurde es in dieser Gegend von der Roten Armee eingekesselt und konnte sich nur unter großen Verlusten befreien. Auch Martin Gröninger gehört zu denen, die den Durchbruch nicht überlebten. Er starb am 5. Februar in der Nähe eines kleinen Dorfes namens Schlajachowaja (Shyakhovaya).

Erst Ende März, erreichte ein doppelseitiger Feldpostbrief die Familie Gröninger. Leutnant und Batterieführer Moelter schreibt:

 

(…) ist es mir eine traurige Pflicht, Ihnen den Heldentod Ihres Sohnes anzeigen zu müssen. Wenn ich Sie jetzt bitte, mein aufrichtiges Beileid entgegennehmen zu wollen, so darf ich Ihnen sagen, daß ich die ganze tiefe Trauer, die Sie um Ihren Jungen tragen werden, mit Ihnen mitempfinde (…) Martin wurde durch einen Granatsplitter in das Herz getroffen und ist sofort tot gewesen. Wir haben ihn noch am gleichen Tage mit 2 weiteren gefallenen Kameraden dort, wo er gekämpft hat, beigesetzt. Als Vorgesetzter Ihres Sohnes darf ich Ihnen sagen, daß Sie sehr stolz auf ihn sein können.

 

Die genaue Grablege ist bis heute unbekannt. Ein Nachsuchen Schnitzlers bei den zuständigen Behörden blieb ohne Erfolg. Bis auf das Schreiben des Leutnants, Gröningers Wehrpass, sein Arbeitsbuch und ein Bild in Uniform, ist der Familie kaum eine Erinnerung geblieben. Die übrigen Feldpostbriefe sind spurlos verschwunden. Warum, weiß bis heute niemand.

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